Führung auf Distanz: Aus den Augen, aus dem Sinn?

Immer mehr Zusammenarbeit findet virtuell statt — nicht erst durch das aktuell zunehmende Home-Office. Wie wirkt sich virtuelle Zusammenarbeit auf Führende aus? Kann die bloße Erwartung, virtuell zusammenzuarbeiten, das Verantwortungsempfinden für andere in der Zusammenarbeit vermindern? Zwei aktuelle Studien zeigen, dass dies der Fall sein kann und diskutieren, welche Möglichkeiten es geben könnte, um dem entgegen zu wirken.

Ein bekanntes Klischee besagt: Macht korrumpiert. In der Realität ist das jedoch häufig nicht der Fall; gerade Menschen in Führungs- und Leitungspositionen bedenken oftmals die Folgen ihres Handelns für andere mit und sind sich ihrer Verantwortung für Mitarbeitende sehr bewusst. Ein hohes Verantwortungsbewusstsein wirkt sich in der Regel positiv auf die Zusammenarbeit aus. Beispielsweise nehmen Menschen in Machtpositionen mehr Ratschläge von anderen an, wenn sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Verantwortung hat jedoch auch die Kehrseite, dass sie für die Betreffenden vermutlich mit mehr erlebten Anforderungen und mit einem höheren Stressempfinden  einher geht.

Wann wirkt Macht als Verantwortung?

Die Forschung hat gezeigt: Wie sehr sich gerade Menschen in „Machtpositionen“ ihrer Verantwortung bewusst sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Hier kann die Umgebung (z.B. Kultur und Unternehmensziele), die eigene Persönlichkeit, aber auch die konkrete Situation eine wichtige Rolle spielen. In einer aktuellen Studienreihe haben meine Kolleg*innen und ich daher die Frage untersucht: Wie wirkt sich die Erwartung von Remote Work – also von virtueller statt face-to-face Zusammenarbeit – auf das Verantwortungsempfinden bei Personen in mehr oder weniger mächtigen Positionen aus?

Wie wirkt sich Remote Work auf Verantwortung aus?

Wir gingen davon aus: Virtuelle Zusammenarbeit könnte bewirken, dass Kooperationspartner*innen weiter entfernt erscheinen. Je weiter entfernt der oder die andere erscheint, umso weniger könnte (zumindest kurzfristig) der Eindruck entstehen, sich um diese Person kümmern zu müssen. Dabei muss es nicht zwingend um die tatsächliche (räumliche) Distanz bzw. Nähe gehen; schon der subjektive Eindruck, dass der*die andere weiter weg erscheint, könnte wirken.

Zwei Studien untersuchten dies

Um diese Annahme zu testen, baten wir in zwei Studien Studierende bzw. Mitarbeitende, sich in eine Arbeitssituation hineinzuversetzen, in der sie in Zweierteams Aufgaben bearbeiten. Per Zufallsverfahren zugelost erhielten sie dann entweder die mächtige Position als Manager*in oder die weniger mächtige Position als Assistent*in. Um dies realistischer zu gestalten, bearbeiteten sie dazu eine exemplarische Aufgabe; wichtig war hier: einigen Teilnehmenden wurde angekündigt, die Zusammenarbeit im Zweierteam würde virtuell stattfinden (z.B. über video conferencing). Anderen Teilnehmenden hingegen wurde eine face-to-face Zusammenarbeit (im Besprechungsraum z.B. mit Flipchart und Laserpointer) angekündigt. Anschließend befragten wir sie u.a. dahingehend, wie verantwortlich sie sich für den*die jeweils andere*n fühlten.

Dabei zeigte sich: Personen in der mächtigen Rolle empfanden vor einer persönlichen Zusammenarbeit mehr Verantwortung als vor einem virtuellen Austausch. Dieses Ergebnis zeigte sich in beiden Studien. Wie lässt sich dies nun erklären?

Was bedeutet dies für Remote Work?

Zum einen bleiben hier viele Fragen noch offen. Wir wissen z.B. noch nicht, ob diese Effekte bestehen bleiben, wenn Mitarbeitende und Führungskräfte mehr Erfahrung mit virtueller Zusammenarbeit gesammelt haben. Es wäre denkbar, dass sie durch wiederholte virtuelle Zusammenarbeit Strategien entwickeln, die die gefühlte Distanz vermindern und das Verantwortungsgefühl füreinander stärken können.

Zum anderen deuten andere Studien darauf hin, dass sich das Verantwortungsbewusstsein womöglich auch auf anderen Wegen beeinflussen lässt – z.B. empfinden Führungskräfte mehr Verantwortung, wenn sie vor wichtigen Entscheidungen ihre Aufmerksamkeit auf andere Personen statt auf sich selbst richten oder sich stark mit ihrem Team identifizieren (also zugehörig fühlen). Dies könnte somit auch bei virtueller Zusammenarbeit wirken und das Verantwortungsempfinden stärken.


Zum Artikel: Scholl, A., Sassenberg, K., Zapf, B., & Pummerer, L. (2020). Out of sight, out of mind: Power-holders feel responsible when anticipating face-to-face, but not digital contact with others. Computers in Human Behavior, 112, Article 106472. https://dx.doi.org/10.1016/j.chb.2020.106472

 

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.