Wir sind Bummelletzter bei der Digitalisierung?

Heute habe ich ein neues Wort gelernt: „Bummelletzter“. Angela Merkel hat es auf dem diesjährigen Digital-Gipfel genutzt und sich damit auf die Digitalisierung in Deutschland bezogen:  „Es wird die Dringlichkeit in vielen Bereichen immer noch nicht ausreichend erkannt, dass sich das alles ändert und dass wir einfach irgendwann Bummelletzter sind.“

Die Digitalisierung ist Realität – in allen Lebensbereichen. Und wenn wir über die Digitalisierung reden gilt: Vieles ist zu langsam, nicht durchdacht, nicht ausreichend. Dabei geht es um Technologien, um Infrastruktur, um didaktische Konzepte, um die Orchestrierung von digitaler Bildung. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen ist der kompetente Umgang mit digitalen Medien eine vierte Kulturtechnik. Das bedeutet unsere Kultur wird digital. Digitale Medien werden zum festen Bestandteil unserer Kultur.

Die Art und Weise wie wir miteinander umgehen, Informationen suchen und bewerten, was Realität und was Fiktion ist wird neu definiert. Vielleicht verändert sich sogar, wie wir denken. Es geht vor allem um die Frage, wie sich unsere Kultur in eine digitale Kultur verändert und wie wir diese Veränderung gestalten können.

Digitalität statt Digitalisierung?

Dem Begriff „Digitalisierung“ möchte ich deshalb den Begriff Digitalität gegenüberstellen. Auf den ersten Blick ist es eine akademische Spitzfindigkeit, Unterschiede zwischen den Begriffen zu beschreiben. Und zunächst ist der Begriff Digitalität nur die Substantivierung des Begriffs digital. Überzeugend finde ich die Idee von Lars Mecklenburg den Begriff Digitalität kommunikationswissenschaftlich einzuordnen:

  • Eine orale Kultur lebt vom gesprochenen Wort. Kommunikation ist immer an einem Moment gebunden. Kommunikation setzt die gleichzeitige Anwesenheit der an der Kommunikation Beteiligten voraus. Das gesprochene Wort ist nur in dem Moment verfügbar, in dem es gesprochen bzw. gehört wird.
  • Eine literale Kultur erweitert die Möglichkeiten zu Kommunikation – zumindest für Menschen, die lesen und schreiben können. Kommunikation ist nicht mehr an die gleichzeitige Anwesenheit der Menschen gebunden, die miteinander kommunizieren. Außerdem wird das Gedächtnis um eine externe Speichermöglichkeit erweitert.  
  • In einer medialen Kultur werden Medien zur Kommunikation genutzt. Damit sind in erster Linie Massenmedien gemeint, die die Anzahl der Empfänger von Kommunikation erweitern: Über Fernsehen und Radio, aber auch über Tageszeitungen ist eine one-to-many-Kommunikation. Jetzt ist auch die Anzahl der Empfänger praktisch unbegrenzt. Außerdem ist Kommunikation damit auch nicht-sprachlich möglich über Bilder, Symbole, Zeichen.

Digitalität kombiniert orale, literale und mediale Kulturen

In einer digitalen Kultur werden Kommunikationsformen einer orale, literale und mediale Kultur integriert. Digitale Geräte ermöglichen vielfältige Kommunikationsformen, die ineinander verschränkt sind. Es sind nicht nur die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben, es verschwimmen auch die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, zwischen Konsument und Produzent. Und: Digitale und analoge Wirklichkeiten werden augmentiert, sie überlappen oder überlagern sich.

Die Frage, nach den Chancen und Risiken digitaler Medien ist damit überflüssig. Wir leben bereits in einer digitalen Kultur, die neu und unübersichtlich ist – und in der Manches neue verhandelt werden muss. Es geht um die Frage, wie ein digitale Kultur gestaltet werden kann. Der Begriff Digitalität lenkt den Blick weg von technologischen Fragen auf den kulturellen Wandel. Es geht um die Frage, wie wir miteinander kommunizieren. Der Begriff Digitalität meint: Es geht nicht um Technologien, sondern um die Frage, wie wir in Zukunft lernen und kommunizieren möchten.

Wichtig dabei ist: Der Begriff Digitalität ist deskriptiv. Er beschreibt die Kultur, in wir kommunizieren, lernen und führen.

Wie lässt sich die digitale Kultur beschreiben?

 Dazu drei Punkte:

  1. Eine digitale Kultur lebt vom Austausch. Wissen wird nicht mehr von oben nach unten weitergegeben, von Expertinnen an Laien. Bildung ist ein konstruktiver Prozess, in dem wir gemeinsam nach Lösungen für die Herausforderungen von morgen suchen und neues Wissen generieren.
  2. In einer digitalen Kultur verschwimmen Grenzen zwischen Lebensbereichen, z. B. die Grenzen zwischen Leben und Arbeiten, zwischen Lernen und Anwenden, oder zwischen formaler und informeller Bildung. Das bietet neue Möglichkeiten für die Gestaltung von lebenslangem Lernen und zeitgemäßer digitaler Bildung.
  3. Eine digitale Kultur braucht Präsenz – die Möglichkeit, sich direkt, nah, persönlich auszutauschen ist überlebensnotwendig. Ob diese Präsenz digital oder analog ist, ist zweitrangig.

Mein Fazit: Wir müssen uns anstrengen, damit wir nicht Bummelletzter bei der Digitalisierung sind. Und dazu gehört vor allem, die Kultur in der wir Leben möchten, zu gestalten.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.