Und täglich grüßt das Online-Meeting: Was tun gegen die Videokonferenzmüdigkeit?

Onlinemeetings erleichtern vieles. Gleichzeitig können sie sehr anstrengend sein. Machen Videokonferenzen wirklich müde? Wie lässt sich diesem so genannten „zoom fatigue“ begegnen? Aktuelle Ergebnisse zeigen: Schon kleine Dinge können helfen – z.B. die richtige Tageszeit auszuwählen und das Team im Blick zu behalten.

Was an Videokonferenzen gut bzw. schlecht sein könnte

Videokonferenz-Tools bieten viele Möglichkeiten: Durch sie können wir Arbeitsmeetings online halten, Vorstellungsgespräche digital führen, eine virtuelle Vorlesung vor hunderten Studierenden geben und im Idealfall auch Schüler*innen zuhause erreichen, wenn es nötig ist. Ein Online-Treffen erlaubt Flexibilität (z.B. spart es eine lange Anreise) und zeigt uns dennoch relativ viel vom Gegenüber, wie dessen Gesichtsausdruck und Gestik. Tatsächlich scheinen Menschen virtuelle Meetings oft vorzuziehen, weil sie sie als weniger anstrengend und effizienter erleben als Meetings von Angesicht zu Angesicht.

Dennoch hatte ich über die vergangenen Wochen den Eindruck, dass mehr und mehr Kolleg*innen berichten, der vielen Online-Meetings müde zu sein. Auf der Suche nach Forschung zu diesem Thema bin ich über ein aktuelles Paper gestolpert: Ausgehend davon, dass sie, wie so viele Menschen, ihre Arbeit im Frühjahr 2020 von einem Tag auf den anderen auf virtuelle Meetings umgestellt haben, ging ein Forscherteam um Andrew A. Bennett et al. (2021) der Frage nach: Wie fühlen sich Menschen nach Videokonferenzen? Gibt es tatsächlich eine Art der „Videokonferenzmüdigkeit“ (engl. auch „zoom fatigue“ genannt)? Diese Form der Müdigkeit beschreibt, wie ausgelaugt, müde oder erschöpft sich Menschen fühlen und diese Empfindungen einer vorherigen Videokonferenz zuschreiben.

Ob und wann Videokonferenzen müde machen

Sie befragten 55 Mitarbeitende, die aufgrund der Pandemie von Büroarbeit auf home office und Videokonferenzen umgestellt hatten. Diese füllten zwischen Ende April und Ende Mai 2020 an fünf aufeinander folgenden Arbeitstagen täglich ganze 9 stündliche Fragebogen (plus einen Fragebogen morgens) zu ihrem Befinden und ihren Erfahrungen aus. So wurden in insgesamt 1.746 ausgefüllten Fragebogen Daten zu 279 Videokonferenzen gesammelt. Außerdem wurden die Teilnehmenden im September 2020 zu ihren Erfahrungen interviewt. Tatsächlich schienen Videokonferenzen für die Teilnehmenden psychisch anstrengend zu sein: Die Interviews zeigten, dass knapp 93% der Teilnehmenden angaben, sich nach einer Videokonferenz müde und erschöpft zu fühlen.

Die Fragebogendaten zeigten, dass diese Müdigkeit nach Videokonferenzen am Morgen geringer war und am späten Nachmittag und frühen Abend zunahm. Die Länge der Meetings, ob die Kamera an- oder abgeschaltet war, wie viel Aufmerksamkeit ins Meeting investiert wurde und ob man das eigene Video sah oder nicht schien die Müdigkeit nicht vorherzusagen. Aber: Menschen waren nach den Meetings weniger müde, in denen sie sich zu ihrem Team verbunden gefühlt hatten.

Auch ob das Mikrofon stumm geschaltet war oder nicht spielte eine Rolle: Ob das Mikrofon stumm geschaltet war oder nicht war irrelevant, wenn eine gute Verbindung zum Team spürbar war; ein stummes Mikrofon war eher nachteilig (ging mit mehr Müdigkeit einher), wenn keine gute Verbindung zum Team spürbar war – womöglich half den Teilnehmenden „mehr reden“ hier eher dabei, das niedrige Verbundenheitsgefühl zum Team auszugleichen.

Was also tun?

Die Forschenden leiten daraus folgende Tipps ab:

  1. Meetings zur richtigen Tageszeit planen: Sprechen Sie im Team darüber, welche Zeiten für Sie alle gut funktionieren – denn die Müdigkeit nach Videokonferenzen kann zu manchen Tageszeiten höher sein als zu anderen.
  2. Das Teamgefühl im Blick haben: Wenn Mitarbeitende sich zum Team zugehörig fühlen, sind sie im Meeting interessierter und danach weniger müde. Sprechen Sie darüber, ob virtuelle Kaffeepausen oder „Happy Hours“ gewünscht sind. Und nicht nur als Moderator*in, sondern auch als Teilnehmende können wir uns aktiv ins Meeting einbringen und so versuchen, zu einem guten Teamgefühl beizutragen.
  3. Stummschaltung sinnvoll verwenden: Störgeräusche lenken ab; schalten Sie sich stumm, wenn Sie nicht sprechen. Gleichzeitig schien die Stummschaltung bei niedrigem Teamgefühl aber hinderlich zu sein: Bringen Sie sich also wirklich ein und schalten sich auf laut, wenn Sie etwas sagen und beitragen möchten.

Aus den Interviews ließ sich zudem ableiten:Es könnte sich lohnen, über Regeln und Erwartungen zur Kamera zu sprechen. Wenn Mitarbeitende denken, sie müssen die ganze Zeit in die Kamera blicken, um ihr aufmerksames Zuhören zu signalisieren, kann das anstrengend sein. Klären Sie Erwartungen hierzu gemeinsam ab. Legen Sie Regeln fest, ob Webcams immer eingeschaltet bleiben, ob andere Arbeiten parallel in Ordnung sind und was ein Blick aus dem Fenster für Sie bedeutet (Nachdenken?). Auch berichteten Teilnehmende in den Interviews, dass Pausen für sie hilfreich waren, in denen Sie vom Bildschirm wegschauen, aufstehen und umhergehen.

Ein erstes Fazit:

Viele Menschen fühlen sich nach einer Videokonferenz müde. Um dem zu begegnen, lassen sich einige kleine oder größere Schritte unternehmen. Ein Hauptfaktor, der diese Art der Müdigkeit womöglich vermindern kann, scheint die Einbindung ins Team (das „Teamgefühl“) zu sein. Online ist es oft schwieriger, eine persönliche Verbindung herzustellen. Vielleicht wählen sich alle schnell ins Meeting ein- und dann wieder aus, statt sich davor und danach kurz persönlich auszutauschen. Und selbst wenn es Möglichkeiten zum informellen Austausch gibt – vielleicht traut man sich weniger, die eigenen KollegInnen zu fragen „Wie geht es dir (wirklich)?“ oder ist sehr darauf fokussiert, das Meeting schnell über die Bühne zu bringen. Dennoch zeigen diese Befunde: Es kann sich lohnen, sich aktiv für ein Teamgefühl im Online-Meeting stark zu machen und einzubringen.

Offen bleibt z.B. die Frage, ob diese Müdigkeit mit zunehmender Erfahrung mit Videokonferenzen womöglich abnimmt und/oder Menschen eigene Strategien entwickeln, damit gut umzugehen. Ich habe z.B. herausgefunden, dass ich manche Online-Gespräche auch mit einem Spaziergang verbinden kann – was mir sehr beim Ideen generieren hilft und was eine gelungene Abwechslung vom Schreibtisch mit sich bringt.



Zum Artikel: Bennett, A. A., Campion, E. D., Keeler, K. R., & Keener, S. K. (2021). Videoconference fatigue? Exploring changes in fatigue after videoconference meetings during COVID-19. Journal of Applied Psychology, 106(3), 330–344. https://doi.org/10.1037/apl0000906

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.