Wie Menschenbilder die Konzeption von digitalen Bildungsangeboten beeinflussen

Welchen Einfluss haben Menschenbilder oder implizite Theorien darüber, wie Lernen funktioniert, auf die Gestaltung von Bildung? Bei der Konzeption von digitalen Bildungsangeboten, aber auch in Beratungssettings treffen oft unterschiedliche Vorstellungen aufeinander, was „gute Lehre“ ausmacht. Für die einen, ist das „Vermitteln von Wissen“ ein zentrales Ziel. Dann geht es darum, in möglichst wenig Zeit, möglichst viel Stoff zu packen und effiziente Lernmethoden zu nutzen. Für die anderen steht Austausch und Kooperation im Vordergrund guter Lehre. Ziel ist, Lernende dazu anzuregen, Wissen zu vertiefen und anzuwenden.

Klar ist: Gute Lehre benötigt beides – Vermitteln & Vertiefen. Aber die didaktischen Entscheidungen, die sich aus den auf den ersten Blick widersprüchlichen Zielen ergeben, sind weitreichend. Das gilt nicht nur auch der Mikro-Ebene, also für die Gestaltung einzelner Bildungsangebote, sondern auch für Makro-Ebene, also für die Konzeption von Curricula und die Konzeption von Prüfungen.

Menschenbilder beeinflussen didaktische Entscheidungen
Welchen Einfluss haben Menschenbilder auf didaktische Entscheidungen?

Menschenbilder prägen didaktische Entscheidungen

Nach meiner Erfahrung treffen in vielen Fällen unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Haltungen aufeinander, Grundannahmen darüber, wie Lernen ganz generell funktioniert. Dafür lässt sich der Begriff „Menschenbilder“ verwenden. Auch der Begriff „implizite Theorien“ ist passend. Denn die Grundannahmen über die Funktionsweise von menschlichem Lernen speisen sich aus eigenen Erfahrungen als lernende oder lehrende Person. Sie sind also empirisch belegt, und gleichzeitig so verfestigt, dass sie in der Regel nicht mehr als persönliche Meinungen wahrgenommen werden, sondern als bestätigte und allgemeingültige Theorie. Gleichzeitig sind diese Theorien implizit: Mir selbst ist also gar nicht klar, dass theoretische Grundannahmen Einfluss auf didaktische Entscheidungen haben.

Metaphern, die Menschenbilder greifbar machen

Die Grafik oben nutzt drei Metaphern, um die unterschiedlichen Menschenbilder greifbar zu machen: Computer, Werkstatt und Netzwerk. Sicher lässt sich das noch differenzierter darstellen. Ich habe mich aber zunächst auf drei Metaphern beschränkt, die wesentliche theoretische Strömungen aufgreifen: den Kognitivismus, den Konstruktivismus und den Konnektivismus. 

Computer: Lernen als Informationsverarbeitung

Ein kognitivistisches Menschenbild versteht Lernen als Informationsverarbeitung: Der Mensch lässt sich mit einem Computer vergleichen, der (Wahrnehmungs-)Input mit bestehenden Informationen verrechnet und daraus einen passenden Output generiert. Digitale Medien können genutzt werden, um den Input zu optimieren, Lernmaterial also z. B. adaptiv an das Vorwissen anzupassen oder Rückmeldung zum Output zu geben, also z. B. über Übungsaufgaben, die Lernenden dabei helfen, Ihren eigenen Lernfortschritt in zu überwachen. Zentrales Ziel ist immer die Vermittlung von Wissen.

Werkstatt: Lernen als aktive Wissenskonstruktion

Ein konstruktivistisches Menschenbild geht davon aus, dass Lernen die aktive Konstruktion von neuem Wissen voraussetzt. Dafür ist die Zusammenarbeit mit anderen notwendig, es müssen geeignete digitale Werkzeuge zur Verfügung stehen, die die Zusammenarbeit fördern und die Lernenden zu einer aktiven Auseinandersetzung mit den Lerninhalten anregen. Die Rolle der Lehrpersonen ist nicht, Wissen zu vermitteln, sondern selbstgesteuerte Lernprozesse anzuregen und zu moderieren.

Netzwerk: Lernen als Partizipation an einer Wissensgesellschaft

Ein konnektivistisches Menschenbild fokussiert die aktive Partizipation der Lernenden in einem sich ständig veränderndem Netzwerk. Dieses Netzwerk besteht aus den einzelnen Lernenden, die miteinander vernetzt sind, sowie in das Netzwerk integrierten Wissensartefakten, die in der Lernenden-Community gemeinsam erstellt wurde und deren Wissen repräsentieren. Lernenden werden so zu einem produktiven Mitglied einer Wissensgesellschaft. Rolle der Lehrperson ist, die Lernenden als Coach und Mentor dabei zu unterstützen, Neues zu entwickeln.  

Fazit: Menschenbilder als Beschreibung theoretischer Prägungen

In diesem Beitrag habe ich die drei Menschenbilder und die vorgeschlagenen Metaphern knapp und im Überblick dargestellt. Die Tabelle enthält weitere Aspekte, die sich zur Differenzierung eignen. Zwei Aspekte sind wichtig:

Welchen Einfluss haben Menschenbilder oder implizite Theorien darüber, wie Lernen funktioniert, auf die Gestaltung von Bildung? Und wie lassen sich diese Menschenbilder so beschreiben, dass sie „greifbar“ werden und sich nutzen lassen, um über gute Bildung ins Gespräch zu kommen? Darüber schreibe ich in diesem Beitrag.
  • Es handelt sich bei den vorgeschlagenen Menschenbildern nicht um Theorien, sondern um Theorie-Klassen – um grundlegende theoretische Prägungen oder Haltungen. Deshalb lassen sich die drei Menschenbilder auch nicht in Ihrer Gesamtheit empirisch überprüfen. Ganz im Gegenteil: Es gibt in allen drei Theorie-Klassen Forschung, die einzelne Annahmen empirisch überprüft.
  • Die Menschenbilder schließen sich nicht aus. Aus den dahinterliegenden Haltungen lassen sich nicht direkt didaktische Methoden ableiten, oder anders formuliert: Ein gutes Lehr-/Lernsetting vermittelt Wissen, ermöglicht die Zusammenarbeit und trägt dazu bei, dass Lernenden ihren eigenen Horizont erweitern.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er ist Professor für Psychology and Management und leitet den Stuttgarter Campus der International School of Management (ISM). Außerdem ist er als Head of Distance-Learning für die Fernstudiengänge der ISM verantwortlich, sowie Gründer und Geschäftsführer der ich.raum GmbH, sowie der Max13 GmbH.