„Yes we can“: Wir gemeinsam zu mehr Leistung?!

Zusammenarbeit funktioniert oft besonders dann, wenn jede/r Einzelne nicht nur nach eigenen Interessen handelt, sondern auch im Sinne der Gemeinschaft oder Organisation. Dabei kann das „Wir-Gefühl“ eine große Rolle spielen. Aktuelle Forschung zeigt: Die Verwendung von wir-bezogener Sprache bei CEOs sagt eine höhere Leistung der Organisation vorher.

CEOs und Führungskräfte haben in der Regel direkten Einfluss auf Prozesse und Ergebnisse innerhalb der Organisation. Damit können sie auch die Leistung ihrer Mitarbeitenden mit beeinflussen. Gleichzeitig brauchen sie umgekehrt die Unterstützung und Leistung (-sbereitschaft) ihrer Mitarbeitenden, um organisationale Ziele zu erreichen. Wie lässt sich diese fördern?

Wir-bezogene Sprache fördert Identifikation

Eine Möglichkeit könnte die Sprache darstellen, mit der CEOs und Führungskräfte ihre Visionen kommunizieren. Psychologische Forschungsansätze legen nahe, dass die soziale Identifikation mit der Organisation (das „Zugehörigkeitsgefühl“) eine wichtige Rolle dafür spielt, wie engagiert Mitarbeitende an ihre Arbeit herangehen und wie unterstützt, zufrieden und gesund sie sich fühlen. Eine Möglichkeit, die soziale Identifikation und damit die Unterstützung der Führungskraft zu fördern, kann es sein, eine „gemeinsame Identität“ zu schaffen.

Die Sprache der CEOs

Martin Fladerer und Kollegen (2020) gingen der Idee nach, dass die Sprache von Führungskräften dafür förderlich sein könnte. Sie nahmen an, dass die Leistung einer Organisation umso höher sein sollte, je mehr ihre Führungskräfte bzw. CEOs wir-bezogene Sprache verwenden – also Sprache, die vor allem in „Wir“-Form formuliert ist. Denn in Form von „Wir“ (statt „Ich“) zu sprechen, könnte zum einen die eigene Identifikation der Führungskraft mit der Organisation signalisieren und zum anderen unter den Mitarbeitenden eine Art „Wir“-Gefühl fördern. Tatsächlich legen vorherige Studien nahe, dass wir-bezogene Sprache auf Seiten der Führungskräfte beeinflusst, wie sie von ihren Mitarbeitenden wahrgenommen werden (z.B. wie charismatisch), dass Mitarbeitende unter Einsatz einer solchen Sprache mehr eigene Ideen einbringen und ihre Führungskraft mehr unterstützen. Wie verhält es sich also mit dem Zusammenhang von wir-bezogener Sprache und der Leistung einer Organisation?

Um dieser Frage nachzugehen, analysierten die Autoren Briefe von CEOs aus 378 Jahresberichten von deutschen DAX Unternehmen zwischen 2000 und 2016. Diese Briefe adressieren typischerweise unterschiedliche Stakeholder, sind repräsentativ für das Vorgehen eines CEOs und beschreiben die Inhalte, die die meisten LeserInnen auch tatsächlich lesen. Aus diesen Briefen der CEOs wurde erfasst, wie häufig wir-bezogene Worte (wie „wir“, „unser“, „uns“) bzw. ich-bezogene Sprache („ich“, „mein“ usw.) verwendet wurde.

Als Indikatoren für die Leistung wurde der finanzielle Erfolg betrachtet. Genauer lag der Fokus auf (1) der aktuellen Vermögensrendite, (2) den Verkaufszahlen pro MitarbeiterIn im aktuellen Jahr und (3) der Umsatzrendite (für letztere zeigten sich allerdings keine Zusammenhänge).

Mehr Wir = mehr Leistung

Die Ergebnisse zeigten: Je mehr CEOs wir-bezogene Sprache verwendet hatten, umso höher war die Leistung der Organisation (d.h. die Vermögensrendite und der Verkauf pro MitarbeiterIn); dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn für verschiedene andere Faktoren (z.B. Leistung der Organisation im Vorjahr, demographische Daten der CEOs) kontrolliert wurde. Die Verwendung von wir-bezogener Sprache der CEOs ging also mit höherer (finanzieller) Leistung der Organisation einher. Ein umgekehrter Zusammenhang (Leistung sagt mehr wir-bezogene Sprache vorher) zeigte sich auch, allerdings deutlich schwächer. Die Verwendung von ich-bezogener Sprache hingegen zeigte keinen Zusammenhang mit der Leistung.

Die Ergebnisse können illustrieren, wie Einzelne (hier die Person mit typischerweise hohem Entscheidungsspielraum) über relativ einfache Mittel dazu beitragen kann, dass Mitarbeitende sich womöglich stärker mit ihrer Organisation identifizieren—hier mit dem Ergebnis, dass auch der Erfolg der Organisation wachsen kann. Der Einfluss von (wir-bezogener) Sprache scheint demnach nicht zu unterschätzen zu sein. Dies ist nicht nur in der Arbeitswelt bedeutsam, sondern zeigt sich auch an Beispielen im täglichen Leben, beispielsweise wenn es aktuell um das Einhalten von neuen Maßnahmen zum Schutz anderer geht.


Zum Weiterlesen:

Fladerer, M. P., Haslam, S. A., Steffens, N. K., & Frey, D. (2020). The value of speaking for ‘us’: The relationship between CEOs’ use of I- and we-referencing language and subsequent organizational performance. Journal of Business and Psychology. Advance online publication. doi: 10.1007/s10869-019-09677-0


Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.