Welches innovative, nachhaltige Geschäftsmodell passt zu Ihrem Unternehmen?

In der Unternehmenswelt ist durch den aktuellen „Krisenmodus“ alles im Umbruch. Geschäftsmodelle müssen umgestellt und neu gedacht werden, um unter den gegebenen Rahmenbedingungen profitabel zu sein. Wenn man nun sowieso alles verändern muss, warum dann nicht gleich in Richtung Nachhaltigkeit?

Unternehmen, die nachhaltig und umweltverträglich wirtschaften, beschreiten oft neue Wege und setzen auf innovative Geschäftsmodelle. Das bedeutet, sie nutzen oft völlig andere Wertschöpfungsketten als herkömmliche, rein auf Profit ausgerichtete Firmen. Eine Forschungsgruppe rund um Nancy Bocken (Bocken, Short, Rana & Evans, 2014) hat basierend auf einer umfassenden Studie acht „Archetypen“ für nachhaltige Geschäftsmodelle identifiziert an denen sich an Nachhaltigkeit interessierte Unternehmen orientieren können.

Typen innovativer, nachhaltiger Geschäftsmodelle (nach Bocken et al., 2014)

Typ1: Maximiert Material- und Energieeffizienz

Typ 1 ist derzeit der am häufigsten vorkommende Typ. Dazu gehören Unternehmen, die versuchen, mit geringeren Ressourcen auszukommen und weniger Abfall, schädliche Emissionen und Verschmutzung zu produzieren. Sie bauen auf Konzepte wie „Lean Production“ und lassen Gedanken der Umwelteffizienz in ihre Produkt- und Prozessdesigns einfließen. Diese Unternehmen tragen zur systemweiten Verringerung des Ressourcenverbrauchs bei, bewegen sich aber innerhalb des gängigen Denkens im Wirtschaftssystem.

Typ 2: Generiert Wertschöpfung aus Abfall

Der zweite Typ eines innovativen Geschäftsmodells versucht aus dem, was andere als Abfall betrachten neuen Wert zu schöpfen. Unternehmen, die Wertschöpfung aus Abfall generieren, tragen zu geschlossenen Produktionszyklen bei und helfen dadurch, Ressourcen zu schonen. Ein bekanntes Beispiel dafür aus dem deutschsprachigen Raum ist das Konzept Cradle-to-Cradle („Von der Wiege zur Wiege“).

Typ 3: Nützt erneuerbare Ressourcen und natürliche Prozesse

Bei innovativen Geschäftsmodellen von Typ 3 wird versucht, bestehende (nicht nachhaltige) Materialien und Abläufe durch erneuerbare Materialien oder Prozesse zu ersetzen. Beispiele sind Solarzellen oder Windräder, die den Strom für die Produktionshalle liefern oder der Ersatz von giftigen Chemikalien durch ökologisch verträgliche Substanzen.

Typ 4: Liefert Funktionalität (statt Besitz)

Unter Typ 4 fallen Geschäftsmodelle, die Dienstleistungen statt Produkten anbieten – es wird Funktionalität auf einer Zahlung-pro-Nutzungs-Basis verkauft. Beispiele sind Carsharing Anbieter, die Autos verleihen statt verkaufen. Dieser Geschäftsmodell-Typ trägt zur Nachhaltigkeit bei, weil dadurch potenziell Verhaltensmuster verändert werden: Statt Besitz wird der Schwerpunkt in Richtung Nutzung bei Bedarf verändert. Darüber hinaus sollten die Hersteller der verliehenen Güter ein Interesse daran haben, dass diese eine hohe Qualität und lange Lebensdauer haben.

Typ 5: Übernimmt eine verantwortliche Rolle

Unternehmen mit dem fünften Typ nachhaltiger Geschäftsmodelle übernehmen eine verantwortliche Rolle in der Gesellschaft indem sie versuchen, möglichst positive Auswirkungen für die Umwelt und andere Stakeholder zu generieren. Sie gehören oft größeren Programmen an, die Nachhaltigkeitsinitiativen wie beispielsweise nachhaltige Landwirtschaft, Minimierung von chemischen Düngern und Pestiziden oder Biodiversität unterstützen. Meist zahlt dabei Kunden freiwillig einen höheren Preis, weil für sie Nachhaltigkeit ebenfalls einen Wert darstellt. In diesem Geschäftsmodell spielen Zertifikate, die den Kunden die Nachhaltigkeit bestätigen (z.B. Bio-Gütesiegel, FSC Zertifikat) eine wichtige Rolle.

Typ 6: Ermutigt zu Genügsamkeit

Typ 6 sind Geschäftsmodelle, die dazu beitragen, dass insgesamt weniger Produziert und konsumiert wird. Ein Beispiel sind Firmen, die Second-Hand Waren anbieten und somit nicht nur die Nachfrage nach Neuwaren reduzieren, sondern auch die Eigentümer dazu ermutigen, sorgsam mit ihren Produkten umzugehen. Ein weiteres Beispiel sind Unternehmen, die Firmen dabei unterstützen, Energie zu sparen – und einen Teil der eingesparten Kosten als Honorar erhalten. Insgesamt reduzieren Geschäftsmodelle des Typ 6 übersteigerten Konsum und helfen, Material und Energie zu sparen.

Typ 7: Stellt den gesellschaftlichen Nutzen in den Vordergrund

Anders als herkömmliche Unternehmen stellen Unternehmen des Typ 7 explizit den gesellschaftlichen Nutzen in den Vordergrund. Bei sogenannten „Social Businesses“ wird zwar ein Profit erwirtschaftet, aber der Kern des Geschäftsmodells liegt im Erfüllen einer sozialen Mission – die Wirtschaftlichkeit dient dem Überleben des Unternehmens. Auch „Non-Profit-Organisationen“ gehören in diese Kategorie, diese haben aber gar nicht das Ziel Profit zu machen.

Typ 8: Entwickelt Lösungen, die skalieren

Obwohl große Konzerne natürlich viel mehr Handlungsmacht in der Weltwirtschaft hätten, Nachhaltigkeit voranzutreiben, sind es (derzeit noch) meist eher kleinere Unternehmen, die nachhaltige Geschäftsmodelle verfolgen. Typ 8 strebt nach Skalierung, das heißt, es wird versucht, das Nachhaltigkeitskonzept eines kleinen Unternehmens zu vielen kleinen Unternehmen zu verbreiten. Zu diesem Typ gehören Franchise und Lizenzierungskonzepte, die die schnelle Replikation von etablierten Konzepten in unterschiedlichen Regionen ermöglichen.

Sich inspirieren lassen und Geschäftsmodelle weiter entwickeln

Wenn Sie sich als Unternehmen für ein nachhaltiges Geschäftsmodell interessieren, kann diese Sammlung von Archetypen als erste Inspiration dienen. Gleichzeitig können neue technologische Entwicklungen (z.B. Digitalisierung, erneuerbare Energien) wieder neue Geschäftsmodelle begünstigen. Durch Kollaboration mit „unwahrscheinlichen Partnern“, zum Beispiel Non-Profit Organisationen, können über Branchengrenzen hinweg neue Geschäftsmodelle entwickelt werden.

Quelle: Bocken, N. M. P., Short, S. W., Rana, P., & Evans, S. (2014), A literature and practice review to develop sustainable business model archetypes. Journal of Cleaner Production, 65, 42-56.

Dieser Beitrag erschien in leicht veränderter Form zuvor unter https://barbarakump.com/2020/01/17/welches-innovative-nachhaltige-geschaftsmodell-passt-zu-ihrem-unternehmen/

Barbara Kump

Barbara Kump ist Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen und Change Management, insbesondere in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit.