Welche Fähigkeiten brauchen Ingenieure, damit „Made in Germany“ weiterhin Erfolgsgeschichte schreibt? | Ein Interview mit Timo Taubitz

Wie verändern Digitalisierung und New Work die Arbeit von Ingenieuren? Welche Fähigkeiten benötigen sie künftig? Und wie können sie sich diese am besten aneignen? Mit Timo Taubitz, dem Geschäftsführer des VDI Wissensforum, habe ich über New Work und zeitgemäßes Lernen gesprochen.

 Nicole Behringer: Ingenieure gelten als das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Was wird nun im Zeitalter der Digitalisierung aus ihnen?

Timo Taubitz: In der digitalen Arbeitswelt sind Ingenieure gefragter denn je. Wer sonst soll zum Beispiel Prozesse in smarten Fabriken gestalten, E-Fahrzeuge oder smarte Gebäude konstruieren? Allerdings wird sich ihre Arbeit stark verändern. Weil Disziplinen wie Maschinenbau, Elektrotechnik und IT immer stärker zusammenwachsen – ebenso wie die Bereiche Entwicklung, Konstruktion und Produktion. Und an Schlüsseltechnologien wie Big Data, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik führt auch für Ingenieure im Grunde genommen schon heute kein Weg mehr vorbei. Da künstliche Intelligenz zunehmend in der Lage ist, anspruchsvolle Aufgaben zu lösen, ist Mensch-Maschine-Kooperation ebenfalls ein ganz heißes Thema für Ingenieure.

 NB: Ich nehme derzeit viel Angst wahr bei den Menschen – nämlich Angst davor, dass der Einsatz von Robotern und KI dazu führen wird, dass viele Jobs wegfallen werden. Wie ist Deine Sicht darauf?

 TT: Schon heute hilft KI zum Beispiel dabei, komplexe Konstruktionsaufgaben schnell und präzise zu erledigen – das wird in Zukunft no ch besser gehen, da sich die Rechenleistungen von Deep Learning weiter verbessern. Das mag auf den ersten Blick wie eine Bedrohung wirken. Roboter können aber auch körperlich belastende Arbeiten oder langweilige Routineaufgaben übernehmen. So schafft ihr Einsatz Freiräume für spannendere und anspruchsvollere Tätigkeiten – und sogar neue Arbeitsplätze. Viele aktuelle Studien prognostizieren, dass Digitalisierung, Robotik und KI mehr Jobs schaffen als vernichten werden. Das Weltwirtschaftsforum etwa geht davon aus, dass der Anteil von Maschinen an der Gesamtarbeitsleistung bis 2022 von 29 Prozent auf 42 Prozent steigen und weltweit 75 Millionen Jobs überflüssig machen wird. Gleichzeitig entstehen jedoch 133 Millionen neue Arbeitsplätze. Was anspruchsvolle Tätigkeiten betrifft, sind Roboter eher Job Enabler als Job-Killer.

NB: Welche Fähigkeiten benötigen insbesondere Ingenieure Deiner Meinung nach, um die Herausforderungen durch Digitalisierung und Robotik zu meistern?

 TT: Zunächst einmal das, was sie heute schon brauchen: ein solides ingenieurfachliches Wissen. Zudem müssen sie zusätzlich digitale Exzellenz mitbringen. Das umfasst Know-how in den Bereichen IT und Programmierung, agiles Denken sowie ein profundes Verständnis von Produktions- und Geschäftsprozessen. Und weil komplexe technische Lösungen immer häufiger von global vernetzten, interdisziplinären Teams entwickelt werden, sind auch Meta-Skills wie Teamfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit, ganzheitliches Denken sowie soziale und kommunikative Kompetenzen unverzichtbar. Vor allem aber verlangt der digitale Wandel ein neues Mindset: Offenheit gegenüber Veränderungen, die Bereitschaft, sich permanent weiterzuentwickeln, die Fähigkeit, mit Komplexität und Ungewissem umzugehen sowie Mut zum Experimentieren.

 NB: Wie können wir Ingenieuren die Angst vor den neuen Herausforderungen nehmen?

TT: Ich glaube nicht, dass gut qualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure Angst vor dem digitalen Wandel haben. Dafür gibt es jedenfalls keinen Grund. Schließlich profitieren gerade sie von neuen Technologien und den Veränderungen ihrer Arbeitswelt. New Work bricht verkrustete Strukturen und starre Hierarchien auf und ermöglicht es, flexibler, agiler, kreativer und selbstbestimmter zu arbeiten als je zuvor. Und selbst die intelligentesten Maschinen können lediglich rechnen, Muster erkennen und auf dieser Basis Lösungsvorschläge entwickeln. Aber sie können nicht selbst kreativ denken und neue Wege beschreiten. Das kann nach wie vor nur der Mensch.

NB: New Work ist als neues Arbeitsmodell in aller Munde. Wie verändert das die Arbeits- und Unternehmenskultur?

TT: Globalisierung und der digitale Wandel sind Treiber und Schrittmacher einer neuen Arbeitskultur, die von Enthierarchisierung, Dezentralisierung und Flexibilisierung geprägt ist und in deren Mittelpunkt der Mensch steht. New Work – das ist Collaboration, Crowdsourcing und Co-Creation statt arbeitsteiliger Organisation und Silodenken. Wir erleben gerade, dass vernetzte Teams schneller und effizienter Innovationen hervorbringen als Einzelkämpfer. Deshalb gehört die Zukunft dem Denken und Arbeiten in Netzwerken und einem neuen Umgang mit Wissen und Kreativität. Arbeit wird zunehmend von festen Zeiten und Räumen entkoppelt. Arbeits- und Privatleben verschmelzen. Neue Arbeitsformen entstehen und auch das Umfeld verändert sich: Offene Architekturen, die Teamarbeit und kreatives Denken fördern, lösen klassische Büros ab.
Unternehmen müssen sich ebenfalls wandeln: von starren Spartenorganisationen zu agilen Organismen, die flexibel und schlagkräftig am Markt agieren. Damit verändert sich auch die Rolle von Führungskräften: Aus Entscheidern werden Coaches, die Change-Prozesse managen und die Rahmenbedingungen für erfolgreiches selbstorganisiertes Arbeiten gestalten.

NB: Wie kommt es, dass trotz der wachsenden Bedeutung von New Work und Collaboration viele Menschen immer noch das Bild vom tüftelnden Ingenieur im stillen Kämmerlein im Kopf haben?

TT: Das hat kulturelle Gründe. Ingenieurskunst „Made in Germany“ ist hierzulande eng mit dem Bild vom genialen Erfinder à la Carl Benz oder Artur Fischer verbunden. Doch den Tüftler, der Produkte im Alleingang erschafft, gibt es schon lange nicht mehr. In der Arbeitswelt werden komplexe technische Produkte längst in Teams entwickelt – und das verstärkt sich in der neuen Arbeitswelt noch weiter.

NB: Was bedeutet New Work für Dich persönlich?

TT: New Work rückt die Menschen in den Mittelpunkt der Arbeitswelt und eröffnet ihnen einzigartige Möglichkeiten, ihre Potenziale zu entfalten und sich persönlich weiterzuentwickeln. Das begeistert mich und hilft mir, meinen Anspruch umzusetzen: Dinge bewegen und Menschen mitnehmen. Als Geschäftsführer sehe ich mich in der Verantwortung, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern und im VDI Wissensforum ein Klima des Vertrauens zu schaffen, in dem wir innovative Weiterbildungsansätze agil entwickeln und realisieren.

NB: Wie setzt Ihr New Work bei Euch im VDI Wissensforum um?

TT: Mit unserem Projekt „Wissensforum 4.0“ haben wir uns vom Traditionshaus zum Activity-Based-Workplace gewandelt und leben damit vor, was wir auch in Konferenzen, Workshops und Schulungen vermitteln. Dafür haben wir in gemeinsamen Explore-&-Create-Workshops mit dem ganzen Team überlegt, wie wir zusammenarbeiten möchten und beispielsweise mit Lego und Modellen aus Pappe gemeinschaftlich ein innovatives Raumkonzept für agiles Arbeiten entwickelt. Daraus sind unsere offenen Arbeitsräume mit verschiedenen Zonen für Kollaboration, Kommunikation und Konzentration entstanden. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind begeistert.

NB: Was war für Dich das wichtigste Learning aus diesem Projekt?
TT: Ganz klar: Ein solches Transformationsprojekt muss man ganzheitlich angehen. Wer New Work umsetzen will, muss die ganze Organisation verändern. Deshalb haben wir nicht nur unsere Arbeitsumgebung umgestaltet, sondern auch eine agile Führungsstruktur implementiert und einen Change-Management-Prozess vom arbeitsteiligen Arbeiten zum Collaborative Working gestartet. Und auch ich muss mich als Person bei agilen Projekten manchmal viel stärker zurücknehmen und die Experten und Expertinnen in den jeweiligen Teams machen lassen.

 NB: Von dem Wandel Eurer Arbeitswelt zum Wandel in der Weiterbildung: Wie wirken sich Deiner Meinung nach Digitalisierung und New Work auf Lernprozesse und Weiterbildung insbesondere für Ingenieure aus?

TT: In der digitalen Arbeitswelt müssen auch Lernen und Weiterbildung neu gedacht werden. In der beruflichen Weiterbildung von Ingenieuren wird es künftig immer weniger um die Vermittlung rein fachlichen Wissens gehen – schließlich ist das in der digitalen Welt unendlich abrufbar. Relevanter für die Arbeitswelt der Zukunft sind Kompetenzen im Umgang mit Daten und Informationen, Kommunikation und Kollaboration. Wie beim Arbeiten geht es unter den Vorzeichen von New Work auch bei der Weiterbildung darum, intrinsische Motivation, Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung zu fördern. Die wichtigsten Entwicklungen: Lernen und Arbeiten verschmelzen. Lernen wird integraler Bestandteil des Arbeitsalltags und findet nicht mehr nur in Seminaren, sondern direkt am Arbeitsplatz statt. „Workplace Learning“ beispielsweise ermöglicht personalisiertes, anwenderbezogenes Lernen „on demand“, also genau dann, wenn Wissen benötigt wird. Dafür eignen sich am besten kompakte „Lern-Snacks“, die leicht in den Alltag integrierbar sind und im Idealfall direkt konkret und praktisch umgesetzt werden.

NB: Wie sieht das in der Praxis aus?

TT: Lernen wird digitaler und interaktiver. Daher haben wir unsere Seminare und Lehrgänge, mit interaktiven Elementen wie World Cafés oder Design Thinking Workshops angereichert. Außerdem orientieren wir uns verstärkt an der digitalen User Experience von Ingenieuren. Wer mit 3D-Modellen arbeitet und zu Hause Computerspiele spielt, weiß auch bei der Weiterbildung „Edutainment“ mit Quests oder Lernspielen zu schätzen. Daher setzen wir ergänzend auf Online-Trainings mit Microlearning und Gamification-Elementen, die positive Lernerlebnisse schaffen und zur besseren Verankerung der Lernergebnisse beitragen.

NB: Bedeutet das, dass es statt Seminaren künftig nur noch Online-Trainings geben wird?

TT: Ganz klar: nein. Kooperation und soziale Interaktion haben auch in der neuen Lernkultur einen wichtigen Platz. Schließlich ist Lernen für den Menschen als soziales Wesen immer auch persönlicher Austausch und Dialog. Das können Online-Tutorials nur bedingt leisten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich digitales Lernen und Präsenzveranstaltungen sehr gut ergänzen und verfolgen daher weiter unsere Präsenzveranstaltungen, bei denen das Netzwerken und der fachliche Austausch mit Branchenexperten wichtige Erfolgsfaktoren sind. Gleichzeitig setzen wir auf interaktive game- und story-basierte Online-Trainings nach dem Prinzip des Micro-Learnings. Hier nehmen unsere Teilnehmer eine neue Rolle ein und lernen so technische Inhalte auf spielerische und anwendungsbezogene Weise kennen. Die Trainings können orts- und zeitunabhängig durchgeführt werden und schließen mit einem Zertifikat ab.

NB: Was ist Dein Rat für die Menschen, die sich für die Herausforderungen der Zukunft fit machen wollen?

TT: Wer in der digitalen Arbeitswelt erfolgreich sein will, muss Veränderungen als Chance begreifen und bereit sein, lebenslang Neues zu lernen.

NB: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Timo Taubitz

 

Nicole Behringer

Dr. Nicole Behringer ist bei Daimler Financial Services zuständig für die strategischen Themen im Bereich Global Sales Training. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie motivationale Faktoren des Wissensaustauschs. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen E-Learning, Enterprise 2.0, Wissensmanagement und Organisationsentwicklung.

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