Wohin mit dem Ärger? Macht beeinflusst, wie wir Ärger ausdrücken

Auch wenn die Zusammenarbeit meist gut verläuft, gibt es immer mal wieder Situationen, in denen wir uns ärgern – vielleicht über den / die Chef/in, Mitarbeiter/in oder Kolleg/in. Wie gehen Menschen mit ihrem Ärger um? Manchmal konfrontieren wir unser Gegenüber direkt damit, manchmal teilen wir unseren Ärger eher Unbeteiligten mit. Welche der beiden Strategien wir wählen, kann dabei vom eigenen Machterleben abhängen.

Was ist Ärger?

Ärger beschreibt eine Emotion, die in aller Regel in Reaktion auf das Handeln anderer Menschen entsteht – nämlich in der Regel dann, wenn wir frustriert sind, weil wir ein Ziel nicht erreichen und anderen Menschen dafür die Verantwortung zuschreiben. Beispielsweise entsteht Ärger dann, wenn wir uns von anderen unfair oder respektlos behandelt fühlen.

Ärger kann eine hilfreiche Emotion sein, weil sie zum Handeln (statt z.B. zum „Aufgeben“) motiviert; gleichzeitig gehen damit mögliche Gefahren einher, denn z.B. kann unser Gegenüber unterschiedlich verständnisvoll reagieren oder selbst ärgerlich werden. Wie gehen Menschen mit Ärger um?

Wie Ärger ausgedrückt wird: Direkt oder indirekt

Ein Forschungsteam um Katerina Petkanopoulou, Rosa Rodríguez-Bailón, Guillermo Willis und Gerben van Kleef ist dieser Frage nachgegangen. Aufbauend auf früherer Forschung gingen sie davon aus: Menschen können ihren Ärger zum einen direkt ausdrücken, indem sie den Auslöser ihres Ärgers direkt ansprechen und mit ihrem Ärger „konfrontieren“.

Zum anderen können sie ihrem Ärger indirekt äußern, indem sie Unbeteiligten (z.B. FreundInnen oder KollegInnen) erzählen, dass und worüber sie sich geärgert haben. Letzteres bietet zwar vermutlich weniger die Möglichkeit, die Situation zu verändern, gleichzeitig bietet diese Strategie jedoch die Gelegenheit, dem Ärger „Luft“ zu machen und die Beziehung zu den (unbeteiligten) ZuhörerInnen zu stärken.

Welche Rolle spielt Macht?

Die Forschenden gingen nun davon aus, dass Menschen diese beiden Strategien womöglich in Abhängigkeit davon wählen, wie machtvoll sie sich fühlen (oder wie viel Macht wir tatsächlich innehaben). Sie nahmen an: Wenn wir in einer Situation hohe Macht (d.h. Kontrolle) wahrnehmen oder haben, dann wählen wir womöglich eher die Strategie, unseren Ärger direkt auszudrücken – denn in dieser Situation müssen wir weniger Sorge darum haben, ob dies beim Gegenüber wiederum Ärger auslöst oder negative Konsequenzen hat.

Wenn wir hingegen niedrige Macht innehaben, dann befürchten wir womöglich stärkere negative Konsequenzen vom Gegenüber, und wählen daher eher die Strategie, den Ärger indirekt (Unbeteiligten) mitzuteilen.

Tatsächlich zeigte frühere Forschung: Wenn Mächtige Ärger direkt ausdrücken, löst dies bei ihrem (weniger mächtigen) Gegenüber eher Sorge und die Bereitschaft aus, dem/der Mächtigen entgegenzukommen, aus. Wenn stattdessen weniger Mächtige Ärger direkt ausdrücken, werden sie eher ignoriert oder lösen beim (mächtigeren) Gegenüber selbst Ärger aus, was wiederum Konflikte fördern kann.

Die Ergebnisse der Studien

Eine Reihe von Studien bestätigte ihre Annahmen. Die Teilnehmenden sollten sich zum Beispiel vorstellen, entweder ihr Mitarbeiter oder ihr Chef hätte auf dem überfüllten Firmenparkplatz ihr Auto angefahren. Sie gaben dann an, wie sehr sie darüber verärgert sind, wie sehr sie ihren Ärger dem Anderen gegenüber zeigen würden (bzw. anderen ihren Ärger darüber mitteilen würden) und inwiefern sie sich darum Sorgen machten, auf Umstehende einen schlechten Eindruck zu machen oder ihre Beziehung zum Gegenüber (d.h. ihrem Mitarbeiter oder Chef) zu verschlechtern. In anderen Studien bekamen die Teilnehmenden die Gelegenheit, ihren Ärger tatsächlich im Rollenspiel zu äußern.

Die Ergebnisse zeigten: Wenn die Person in der Situation hohe Macht innehatte, tendierte sie dazu, ihren Ärger eher direkt zu äußern; wenn sie hingegen wenig Macht innehatte, äußerte sie ihren Ärger eher indirekt (aus Sorge um die eigene Beziehung zum Gegenüber und aus Sorge vor negativer Bewertung).

Fazit und Ausblick

Es gibt also zwei Möglichkeiten, die oft verwendet werden, um dem eigenen Ärger „Luft zu machen“ – und diese können vom eigenen Machtgefühl abhängen. Welche Strategie mittelfristig effektiver ist, lässt sich aufgrund dieser Befunde nicht abschließend beurteilen. Aus meiner Sicht ist es jedoch spannend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen mit Ärger umgehen können, auch von Situation zu Situation, und warum dem so ist. Darüber hinaus können wir Ärger auch darüber bearbeiten, dass wir uns die eigene Bewertung der Situation ansehen: Was hat der/die andere gemacht, wie bewerte ich das und warum genau verärgert es mich (d.h. was wünsche ich mir stattdessen)? An der eigenen Reaktion anzusetzen, könnte also eine weitere Möglichkeit sein, mit Ärger in einer Situation umzugehen.

Zum Weiterlesen: Petkanopoulou, K., Rodríguez-Bailón, R., Willis, G. B., & van Kleef, G. A.(2019). Powerless prople don’t yell but tell: The effects of power on direct and indirect expression of anger. European Journal of Social Psychology, 49, 533–537. https://doi.org/10.1002/ejsp.2521

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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