Unterstützung bei der Integration in neue Gruppen: Erkenntnisse aus der Social Support Studie

Die Social Support Studie (Matschke, 2022, Journal of Cross-Cultural Psychology) untersucht im Kontext von Auslandsaufenthalten, welche Form der Unterstützung sich förderlich auf die Identifikation mit dem Gastland auswirkt. Aus den Ergebnissen lassen sich auch praktische Empfehlungen für die Unterstützung von neuen Mitarbeitenden ableiten.


In neue Kulturen eintauchen

Interkulturelle Erfahrungen gelten als Plus im Lebenslauf, denn es wird davon ausgegangen, dass Auslandserfahrung die Persönlichkeit facettenreicher macht, den Blick weiten und Handlungsrepertoires wachsen lassen. Das gleiche gilt aber auch für andere Erfahrungen, in denen man Gruppengrenzen überschreitet: Ein Wechsel der Arbeitsstelle, ein Umzug in eine andere Region, ein Übergang im Bildungssystem, der Einstieg in eine Elternzeit oder der Beginn einer Teamsportart sind alles Erlebnisse, bei denen man neuen „Kulturen“ begegnet. Im besten Fall identifiziert man sich schon bald mit der neuen Gruppe, d.h. man beschreibt sich als Gruppenmitglied, fühlt mit der Gruppe und handelt im Interesse der Gruppe.   

In vielen Kontexten werden neue Gruppenmitglieder dabei unterstützt, sich in die Gruppe einzufinden und zu integrieren. Unterstützung kann aber verschiedene Formen haben. Welche Formen der Unterstützung sind hilfreich dafür, dass sich neue Mitglieder mit der Gruppe zu identifizieren? In der Social Support Studie, die im September 2022 beim Journal of Cross-Cultural Psychology veröffentlicht wurde (Matschke, 2022) bin ich im interkulturellen Kontext der Frage nachgegangen, wie sich verschiedene Formen der sozialen Unterstützung auf die Identifikation, die Identitätsintegration und das Wohlbefinden auswirken. Die Ergebnisse sind nicht nur für die spezifische Begleitung von interkulturellen Erfahrungen interessant, sondern es lassen sich auch Empfehlungen für andere Kontexte ableiten, in dene neue Gruppenmitglieder bei der Integration unterstützt werden sollen.

Die Social Support Studie

Die Durchführung der Studie

In der Studie habe ich rund 180 Austauschschüler*innen, die für 1 Jahr in die USA gegangen sind, an drei Zeitpunkten (vor der Ausreise, 3 Monate nach der Ankunft und 6 Monate nach der Ankunft) befragt, wie stark ihre Identifikation mit dem Gastland (den US-Amerikaner*innen) ist, inwiefern sich die deutsche und amerikanische Identität gut im Selbstkonzept integrieren lassen, und wie es ihnen geht. Außerdem habe ich verschiedene Formen der sozialen Unterstützung erfragt.

Die Entwicklung von Identifikation, Identitätsintegration und Wohlbefinden während des Auslandsjahres

Oft ist es ein erklärtes Ziel von Austauschorganisationen, die soziale Identifikation mit dem Gastland zu fördern. Allgemein geht die Forschung davon aus, dass eine starke Identifikation mit dem Gastland das Wohlbefinden fördert. Zusätzlich gibt es die Annahme, dass sich die neue Identifikation vor allem dann positiv auf das Wohlbefinden auswirkt, wenn man sie mit bereits bestehenden Identitäten vereinen kann – wenn man also z.B. seine deutsche und seine US-amerikanische kulturelle Identität trotz aller Unterschiede gut unter einen Hut kriegt. Dieser Prozess wird als Identitätsintegration bezeichnet und soll ebenfalls dazu beitragen, dass es Menschen gut geht.

Meine Daten aus der Social Support Studie zeigen tatsächlich, dass ein Auslandsjahr schon relativ früh eine Identifikation mit dem Gastland auslöst: es gibt einen starken Anstieg der Identifikation mit den US-Amerikaner*innen innerhalb der ersten 3 Monate, der nur leicht zwischen dem 3. und dem 6. Monat des Aufenthalts abflacht. Auch die Identitätsintegration der deutschen und US-amerikanischen Identitäten steigt kontinuierlich über die Zeit an. Das Wohlbefinden ist insgesamt in der Stichprobe hoch, aber denjenigen, die eine stärkere Identifikation und Identitätsintegration berichten, geht es besonders gut. Auslandsjahre führen also tatsächlich dazu, dass sich Austauschschüler*innen als Mitglied des Gastlandes fühlen, beschreiben und verhalten und dass die neue kulturelle Identität im Selbstkonzept integriert wird – was dazu führt, dass es ihnen gut geht.   

Der Einfluss sozialer Unterstützung

Nun besteht häufig die Annahme, dass sogenannte soziale Unterstützung, also Hilfe durch andere Menschen, die Identifikation und Identitätsintegration mit neuen Gruppen fördert. Viele Organisationen bieten deshalb neuen Mitgliedern Unterstützung an, indem sie z.B. Menschen vernetzen oder Betreuung anbieten.

Soziale Unterstützung kann aber verschiedene Formen haben. In der Psychologie unterscheidet man häufig zwischen emotionaler, instrumenteller und informationaler Unterstützung:

  • Bei der emotionalen Unterstützung hat man Menschen, die einen begleiten, Zeit verbringen, trösten oder einem vermitteln, dass man gemocht wird.
  • Bei der instrumentellen Unterstützung hat man Menschen, die einem Regeln erklären zeigen, wie die Dinge im Gastland funktionieren, über Optionen informieren und praktisch helfen.
  • Bei der informationale Unterstützung hat man Menschen, die einem während des Auslandsjahres Tipps geben, wie man die beiden kulturellen Identitäten unter einen Hut bekommt und mögliche innere und äußere Konflikte durch unterschiedliche Erwartungen, Werte oder Normen der Kulturen auflösen kann.   

In der Social Support Studie habe ich die Beziehung der drei Formen der Unterstützung mit dem Verlauf der Gastland-Identifikation, Identitätsintegration und des Wohlbefindens untersucht. Überraschenderweise wirkt sich keine der drei Unterstützungsformen besonders auf die Entwicklung der Identifikation mit dem Gastland aus: diese steigt unabhängig von der Unterstützung über die 6 Monate an. Die Identitätsintegration aber wird durch informationale Unterstützung gefördert: wenn man Menschen hat, die einem mit Tipps und Tricks durch den kulturellen Kuddelmuddel helfen, dann kann man diesen leichter überwinden und die Identitäten im Selbstkonzept vereinen. Auch instrumentelle Unterstützung katalysiert die Identitätsintegration, allerdings wird dieser Vorteil von Menschen, die weniger instrumentelle Unterstützung haben, nach 6 Monaten wieder aufgeholt. Spannenderweise findet sich in den Daten, dass sich instrumentelle Unterstützung zu späteren Zeitpunkten eher negativ auf die Identitätsentwicklung auswirkt. Wenn man nach einer gewissen Aufenthaltsdauer immer noch die Welt erklärt bekommt, diese aber eigentlich schon ganz gut versteht, dann kann das unangebracht sein. Nicht zuletzt zeigt das späte Angebot instrumenteller Unterstützung, dass man immer noch als informationsbedürftiger „Neuling“ gesehen wird, wenn man wahrscheinlich nach einem halben Jahr vor Ort langsam das Bedürfnis hat, einfach als Persönlichkeit gesehen zu werden. Das Wohlbefinden profitiert als einziges zuverlässig von emotionaler Unterstützung. Das heißt: auch wenn emotionale Unterstützung nichts spezifisch zur Identifikation oder Identitätsintegration beiträgt, ist es eben doch einfach schön, wenn man verlässliche Freunde hat, die einen ohne „wenn und aber“ mögen.

Welche Unterstützung sollten wir Neulingen anbieten?

Die Befunde kommen aus dem interkulturellen Konfext und machen die Unterstützung während Auslandsaufenthalten gezielter möglich. Die Ergebnisse lassen aber Rückschlüsse für anderen Kontexte zu, in denen Menschen sich in neue Gruppen integrieren, denn sie zeigen, dass die Art der Unterstützung zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Auswirkungen hat. Vor allem informationale und instrumentelle Unterstützung wirken am Anfang pro-integrativ, d.h. sie fördern die Identitätsintegration von alten und neuen Gruppenmitgliedschaften. Emotionale Unterstützung ist immer gut, denn sie macht glücklich! Anders als die anderen Formen der Unterstützung sollte instrumentelle Unterstützung aber zu späteren Zeitpunkten mit Vorsicht genossen werden, denn sie kann sonst den Integrationsprozess untergraben. Die praktische Herausforderung ist dabei, zu erkennen, an welchem Punkt sich Neulinge in ihrer Entwicklung befinden, und die passende Form der Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt anzubieten.   

Praxistipps für Führungskräfte: Was Neue Mitarbeitende brauchen

Auch Betriebe und Firmen haben Kulturen, in die neue Mitarbeitende hinein sozialisiert werden sollen. Wenn Sie als Führungskraft dafür Sorge tragen sollen, dass neue Mitarbeitende (z.B. Trainees) im Betrieb Fuß fassen, sich identifizieren und wohl fühlen, dann sollten Sie gute Unterstützungsstrukturen sowie Gelegenheiten zum Kennenlernen schaffen.

  • Bieten Sie von Anfang an instrumentelle Unterstützung an. Unterstützungsmaßnahmen sollten vor allem auf die Information über Gepflogenheiten, Möglichkeiten im Betrieb, Regeln des Miteinander, auf „Tos und Taboos“ in der Firma und das Training praktischer Fähigkeiten, die man zur Teilhabe an der gemeinsamen Aufgabe braucht (z.B. das Fach-Vokabular, den Ablauf bestimmter Abläufe) setzen. Diese Art der Unterstützung geschieht am besten durch Peers oder Vorgesetzte, die gut mit dem Betrieb vertraut snd.
  • Schaffen Sie Netzwerke zur informationalen Unterstützung: Neuen Mitarbeitenden sollten Mentor*innen oder Peers zur Seite gestellt werden, die im besten Fall einen ähnlichen Hintergrund mitbringen (z.B. das gleiche Studium, die gleiche Herkunft oder einen ähnlichen sozio-ökonomischen Hintergrund). Diese Mentor*innen können dabei helfen, mögliche innere Konflikte aufgrund von unterschiedlichen Verhaltenserwartungen oder Werten zwischen der vorherigen „Kultur“ und der neuen Firmenkultur zu interpretieren und aufzulösen.
  • Vergessen Sie das Feiern nicht! Nicht zuletzt brauchen alle Mitarbeitenden immer wieder Gelegenheit, Freundschaften zu schließen, damit sie Zugang zu emotionaler Unterstützung haben. Während die praktische Information der instrumentellen Unterstützung nur als Türöffner genutzt werden sollte, die rechtzeitig reduziert werden muss, damit sie keine negativen Effekte entfaltet, sollte es immer wieder Gelegenheiten geben, dass Firmenangehörige sich gegenseitig besser kennenlernen. Feiern Sie also was Sie wollen – Geburtstage, Firmenerfolge, Weihnachten oder Halloween- Hauptsache, es gibt regelmäßig Gelegenheit, dass aus Kolleg*innen Freund*innen werden.   

Neben vielen positiven Effekten der Identifikation mit seiner Arbeitsstelle für die Leistung macht es auch einfach glücklich, wenn man in neue Gruppen eintaucht, sich dort zu Hause fühlt, sich die Persönlichkeit um eine Facette bereichert und die neue Gruppe im Selbstkonzept mit bestehenden Gruppen vereinen kann. Investieren Sie als in formelle und informelle soziale Unterstützung bei der Eingewöhnung neuer Leute. Es lohnt sich.

Literatur: Matschke, C. (2022). The impact of social support on social identity development and well-being in international exchange students. Journal of Cross-Cultural Psychology, 53(10), 1307-1334. https://dx.doi.org/10.1177/00220221221118387

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