Sketchnoting – Mehr Spaß beim Lernen durch Scribbeln

Das Visualisieren von Lerninhalten hilft nicht nur dabei, sich Sachen besser zu merken – es macht auch unglaublich viel Spaß!

Was ist Sketchnoting?

Sketchnotes sind skizzenhafte Notizen, die aus einer Mischung von Zeichnungen, Handschrift, handgezeichneter Typographie und strukturgebenden Elementen (wie Rahmen, Pfeile und Linien) bestehen.

Hier ist ein Beispiel von Matthias Binder aus einem gemeinsamen Workshop, in dem wir der Frage nachgegangen sind, wie man Mut nudgen kann. Er hat die Inhalte unserer Session mit Worten, Bildern und strukturierenden Elementen visualisiert und das Besprochene auf diese Weise wunderbar zusammengefasst.

Diese Sketchnote zum Thema 30 Days Challenge hat Sonja Zanker erstellt. Sie nutzt beispielsweise nur die Farben Schwarz, Grau und Rot für ihre Skizzen.

Bei einer 30 Days Challenge widmet man sich 30 Tage lang jeden Tag einer bestimmten Herausforderung. Wie die Sketchnote zeigt, sollte das etwas sein, das man wirklich gerne erreichen möchte. Wichtig ist dabei, dass man das in kleinen Schritten – dafür aber konsequent jeden Tag angeht. Das kann heißen, dass man täglich 10 Minuten Französisch lernt, meditiert oder Seil springt. Ich zum Beispiel habe 30 Tage lang Männchen gesketcht – und dabei viel Spaß gehabt.

Kritzeln steigert das Erinnerungsvermögen

Basierend auf der dualen Kodierungstheorie nach Allan Paivio (1986) kodieren wir Informationen in unserem Gedächtnis beim Zeichnen gleich doppelt: verbal und visuell. Dadurch können wir uns die Inhalte besser merken. Die duale Kodierungsannahme hilft auch zu erklären, warum wir uns bildhafte Wörter wie z.B. Apfelbaum besser merken können als abstrakte Wörter wie z.B. Neugier.

Die Forschung zum Bildüberlegenheitseffekt (Nelson, 1976) zeigt, dass man sich beim Lesen eines Textes nach 3 Tagen an etwa 10 % des Inhalts erinnern kann, während ca. 65 % erinnert werden, wenn man das Ganze durch Bilder unterstützt. Da stellt sich doch die Frage, wie viel mehr erinnert wird, wenn man die Bilder auch noch selbst zeichnet.

Durch das gleichzeitige Aktivieren mehrerer Sinneskanäle wie Zusehen, Zuhören, Zeichnen und Schreiben erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte erinnert werden. Das Gehirn wird deutlich stärker aktiviert, denn beim Zeichnen muss der Inhalt reflektiert, aufbereitet und mit Vorwissen verknüpft werden (Wammes et al., 2016).

Sketchnoting ist Denken mit dem Stift. Selbst komplexe Fachinhalte lassen sich mit Hilfe von kleinen Bildern vereinfacht darstellen und somit besser einprägen. Durch das Nachdenken darüber, wie man ein bestimmtes Wort bzw. Konzept am besten visualisieren kann, setzt man sich umso intensiver damit auseinander. Darüber hinaus wird die Fantasie angeregt und neue Ideen entstehen.

Der Einsatz in Lehr-Lern-Formaten

Sketchnoting eignet sich auch wunderbar zum Lernen. Mitarbeiter und Führungskräfte haben in Trainings und Workshops genauso viel Freude, neu Erlerntes zeichnerisch festzuhalten wie Studierende in Seminaren oder Schüler im Unterricht. Schnell verlieren sie die anfängliche Angst vor dem weißen Blatt. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass sich Psychologie-Studierende das Strukturmodell der Psyche nach Freud viel leichter einprägen, wenn sie es selbst gezeichnet haben. Je nach Zielgruppe und Medienkompetenzen kann entweder mit Stiften auf Papier gezeichnet werden oder digital mit dem Tablet.

Tipps für den Start

Wenn Sie neugierig geworden sind und das Sketchnoting auch ausprobieren wollen, habe ich folgende Tipps:

  • Verabschieden Sie sich von dem Gedanken: „Ich kann nicht zeichnen!“ Beim Sketchnoting geht es nicht um Perfektion. Das Ziel sind vielmehr Darstellungen, die vom Anspruch eher einem Entwurf als einer fertigen Zeichnung gleichen.
  • Bevor Sie viel Geld in Stifte investieren, probieren Sie mal das digitale Sketechen auf dem Tablet. Es gibt eine Vielzahl an tollen Apps, die leicht zu bedienen sind (z.B. ProCreate, Paper, Sketchable, Sketchbook, OneNote, Paint 3D, …).
  • Bücher können den Einstieg ebenfalls erleichtern (z.B. Martin Haussmann – UZMO – Denken mit dem Stift: Visuell präsentieren, dokumentieren und erkunden). Auch die Bücher der bikablo Reihe sowie die Bücher von Nadine Roßa sind sehr empfehlenswert.
  • Es gibt auch eine Vielzahl an frei verfügbaren Video-Tutorials, die verschiedene Aspekte wie Farbwahl und Bildsprache wunderbar erklären.

Sketchnoting Lernpfad

Besonders empfehlenswert ist es, sich nicht allein auf die Reise zu machen, sondern mit dem lernOS Sketchnoting Lernpfad gemeinsam mit anderen zu sketchen. In einer kleinen selbstorganisierten Gruppe üben Sie über 12 Wochen anhand von Leitfäden das sketchen. Sie treffen sich einmal pro Woche (in Präsenz oder virtuell) und tauschen sich über ihre Fortschritte aus. Ich habe diesen Lernpfad selbst ausprobiert und bin begeistert. Das wichtigste ist das konsequente Ausprobieren und Üben. Hier habe ich beispielsweise Rahmen geübt in Woche 5:

Lieblingsübung: Soulshine Selfie

Meine absolute Lieblingsübung aus dem LernOS ist das Soulshine Selfie. Dabei steht Soulshine für Dinge, die die Seele zum Strahlen bringen. Es geht also darum, Dinge zu zeichnen, die man selbst liebt oder wertschätzt, dass sie Teil des eigenen Lebens sind. Schon das Nachdenken darüber, was einen glücklich macht, bringt viel Freude. Dieses Soulshine Selfie hat eine Kollegin gezeichnet. Was darf auf Ihrem Soulshine Selfie nicht fehlen?

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Scribbeln! Sie werden erstaunt sein, wie schnell richtig tolle Ergebnisse entstehen.


Literatur:
Nelson, D. L., Reed, V. S., & Walling, J. R. (1976). Pictorial superiority effect. Journal of experimental psychology: Human learning and memory, 2(5), 523.
Paivio, A. (1986). Mental representations: A dual-coding approach. New York: Oxford University Press.
Wammes, J. D., Meade, M. E., & Fernandes, M. A. (2016). The drawing effect: Evidence for reliable and robust memory benefits in free recall. The Quarterly Journal of Experimental Psychology, 69(9),1752-1776.

Nicole Behringer

Dr. Nicole Behringer ist Dozentin für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management. Zuvor war sie bei Daimler Mobility tätig im Bereich Organizational & Leadership Culture. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie motivationale Faktoren des Wissensaustauschs. Bei wissensdialoge.de ist sie Leitende Herausgeberin, aktive Autorin und Gründungsmitglied. Sie schreibt vor allem über die Themen New Work, New Learning und Organisationsentwicklung.