Post-Corona-Leadership: Achtsamkeit in den Führungsalltag integrieren?

Achtsamkeit oder Mindfulness kann dabei helfen, Ihren Alltag als Führungskraft zu verändern. In diesem wissens.dialog stelle ich Aspekte von Achtsamkeit vor und gebe konkrete Hinweise, was sich daraus für Post-Corona-Leadership ergeben könnte.

Manche sehnen sich nach einem Jahr Homeoffice wieder nach einem Alltag im Büro: Informelle Absprachen an der Kaffeemaschine, gemeinsam Mittagessen, ein schneller Austausch zwischen Tür und Angel. Wir haben gelernt, dass Arbeiten auch anders funktionieren kann, dass die Integration von Arbeit und Freizeit, von Beruf und Familie von der Flexibilisierung von Arbeit profitieren kann. Gleichzeitig verändern sich damit die Anforderungen an Führungskräfte. In einer Post-Corona-Wirtschaft werden Selbstverständlichkeiten infrage gestellt, z.B. dass die Anwesenheit der Mitarbeitenden die Voraussetzung für erfolgreiche Führung ist. Oder: Dass Führung mehr ist, als das Setzen von Zielen, das Überwachen von Leistung und das Koordinieren von Aufgaben.

Post-Corona-Leadership ist achtsame Führung

Die Verfügbarkeit digitaler Medien erleichtert den Führungsalltag: Schnelle Erreichbarkeit, mobiles Arbeiten, Automatisierung, Vernetzung, Kooperation – um nur einige Schlagworte zu nennen. Viele Mitarbeitenden und Führungskräfte haben den digitalen Arbeitsalltag im letzten Jahr allerdings zunehmend als stressig wahrgenommen. Immer online zu sein, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun oder ständig abgelenkt zu werden, kann die Produktivität gefährden. Achtsame Führung bezieht sich deshalb darauf, gerade bei der Nutzung digitaler Medien und in flexibilisierten Arbeitssettings die eigene mentale Gesundheit und die der Mitarbeitenden im Blick zu behalten. Das könnte eine entscheidende Voraussetzung sein, um in einer Post-Corona-Wirtschaft erfolgreich zu bleiben.

  • Achtsamkeit ist absichtsvolle Aufmerksamkeit, sie bezieht sich auf den Moment und ist nicht wertend.
  • Achtsamkeit kann in Ihrem Führungsalltag dazu beitragen, gesund zu bleiben und die eigene Zufriedenheit und die Ihrer Mitarbeitenden zu fördern.  
  • Achtsamkeit verändert die Art und Weise wie Sie Gespräche führen und kann zu besseren Entscheidungen führen.

Achtsamkeit beeinflusst Gesundheit und Zufriedenheit 

Anregungen, was dies konkret bedeutet, finden sich unter dem Stichwort Achtsamkeit. Hier wird häufig auf Jon Kabat-Zinn verwiesen, denn der emeritierte Professor an der Univsersity of Massachuetts hat eine Form der Achtsamkeitsmeditation entwickelt. Sein Ziel: Achtsamkeit als eine Möglichkeit bekannt zu machen und zu etablieren, die dabei hilft, mit Stress und Belastungen umzugehen.  

Das Konzept der Achtsamkeit ist vor allem in der buddhistischen Lehre und Meditationspraxis zu finden. Mittlerweile liegen aber zahlreiche wissenschaftliche Ergebnisse vor, die nahelegen: Regelmäßige Achtsamkeitübungen haben Einfluss auf das psychische Wohlergehen, auf Stimmung, Zufriedenheit und Emotionsregulation. Es lohnt sich also, Achtsamkeit als eine Anregung für den eigenen Führungsalltag aufzugreifen.  

Was ist Achtsamkeit?  

Die oft zitierte Definition von Jon Kabat-Zinn beschreibt Achtsamkeit als eine besondere Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den Moment bezieht (und nicht auf Vergangenenheit oder Zukunft) und nicht wertend ist. Was bedeutet diese Definition für Führung in Unternehmen und Organisationen? Muss eine Führungskraft nicht gerade in die Zukunft gerichtet denken und handeln und dabei ständig bewerten (z.B. was Erfolg versprechend ist und was nicht)? 

Achtsamkeit bezieht sich zunächst auf die eigene Wahrnehmung und ist im Führungsalltag vor allem in der Kommunikation mit Mitarbeitenden hilfreich. Ich denke an den Abteilungsleiter, der während eines Online-Meetings die ganze Zeit nebenher anderes zu tun scheint und dabei scheinbar nur wenig von der Diskussion mitbekommt. Oder an die Führungskraft, die während eines Entwicklungsgesprächs die ganze Zeit in ihren Unterlagen blättert, die die Ergebnisse des Assessement Centers zusammenfassen. Besser wäre es, den Ausführungen des Gegenübers zuzuhören. Oder an die Chefin, die bereits eine Einschätzung der Situation vornimmt und Empfehlungen gibt, bevor der Mitarbeiter alle Informationen dargestellt hat, die aus seiner Sicht wichtig sind. 

Impuls zur Selbstreflexion

  • Wie verändert sich mein Alltag, wenn ich achtsam kommuniziere? 
  • In Bezug auf das Gespräch, das ich gerade geführt habe: Habe ich mein Gegenüber wirklich verstanden? 
  • Warum fällt es mir schwer, zuerst aktiv zu zuhören, bevor ich bewerte und entscheide? 

Diese Situationen illustrieren: Fehlende Achtsamkeit kann Kommunikation und Zusammenarbeit stören, kann zu falschen und voreiligen Entscheidungen führen oder dazu, dass wichtige Informationen gar nicht wahrgenommen werden. Und: Fehlende Achtsamkeit in der Kommunikation kann negativen Einfluss auf die Stimmung in einem Team oder die Zufriedenheit der Mitarbeitenden haben und damit langfristig die Effizienz eines Teams gefährden.  

Achtsamkeit in den Führungsalltag integrieren.  

Probieren Sie die folgenden fünf Strategien aus, um Achtsamkeit in Ihren Führungsalltag zu integrieren:  

  1. Nehmen Sie sich bewusst vor, aufmerksam zu sein. Achtsamkeit ist eine bewusste Entscheidung, die Sie ständig neu treffen müssen. Halten Sie beim nächsten Gespräch zwischen Tür und Angel oder wenn Sie Gefahr laufen, nicht ganz bei der Sache zu sein, bewusst kurz inne. Entscheiden Sie dann: Jetzt bin ich voll und ganz auf mein Gegenüber, auf dessen Thema und die Situation konzentriert. 
  1. Schalten Sie Störungen ab. Wenn Sie ein Gespräch führen, schauen Sie weder auf Ihren Laptop noch aufs Handy oder in Ihre Unterlagen. Wenn es notwendig ist, unterbrechen Sie das Gespräch: „Einen Moment: Ich muss das kurz in den Unterlagen nachsehen. Dann bin ich wieder ganz bei Ihnen“ oder „Lassen Sie uns kurz gemeinsam die Informationen dazu anschauen“.   
  1. Hören Sie aktiv zu. Führungskräfte sind es gewohnt, sich schnell eine eigene Meinung zu bilden und aktiv ins Gespräch einzugreifen. Bleiben Sie zunächst in einer zuhörenden Haltung. Verstehen Sie wirklich, was Ihnen Ihr Gegenüber sagt? Welche Zwischentöne hören Sie, bei denen es sich lohnt nachzufragen?  
  1. Erst zuhören, dann bewerten. Als Menschen bewerten wir ständig: Wichtig oder nicht wichtig, interessant oder nicht, gefährlich oder nicht. Das geht automatisch und kann überlebensnotwendig sein, z.B. wenn ich blitzschnell Gefahr wahrnehmen muss. In einem Gespräch können die eigenen Bewertungen und Meinungen den Blick auf die Wirklichkeit des Gegenübers verstellen. 
  1. Bleiben Sie im Moment. Der Blick in die Vergangenheit ist notwendig, um Verbesserungen vornehmen zu können. Der Blick in die Zukunft kann erfolgsentscheidend sein. Sich in einem Gespräch zunächst auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, auf die konkrete Situation oder auf den Ist-Zustand, kann herausfordernd sein, aber ebenso dazu beitragen, dass Sie alle Informationen wahrnehmen und berücksichtigen, die für eine spätere Entscheidung wichtig sind.  

Tipps für achtsame Führung

  • Nehmen Sie sich für eines der nächsten Gespräche bewusst vor, achtsam zu sein.
  • Achten Sie in Teambesprechungen darauf, dass alle aufmerksam, fokussiert und bei der Sache sind.
  • Beobachten Sie sich selbst: Wo geht Ihre eigene Aufmerksamkeit verloren? Was können Sie dagegen tun? Auf welches fehlende Thema verweist Ihr inneres Abschweifen? 

Quellen und weiterführende Literatur 

Kabat-Zinn, J. (2009). Achtsamkeit für Anfänger. Freiburg: Arbor Verlag. 
Fry, L., & Kriger, M. (2009). Towards a theory of being-centered leadership: Multiple levels of being as context for effective leadership. Human Relations, 62(11), 1667-1696. 

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.