Sinn, Gestaltungsspielraum und Augenhöhe | Dietmar Rößl erklärt, warum Genossenschaften derzeit einen Aufschwung erleben

Galten Genossenschaften in den letzten Jahrzehnten als „verstaubt“ und manchen auch als „kommunistisch“, schließen sich immer öfter Personen und/oder Unternehmen zusammen, um selbstverwaltet und fair zu wirtschaften. Im Interview mit Prof. Dietmar Rößl geht es um Chancen und Grenzen von Genossenschaften.

Prof. Dr. Dietmar Rößl ist Experte für Kooperationen und Genossenschaften. Unter anderem ist er Vorstand des Instituts für KMU-Management und Leiter des Forschungsinstituts für Kooperationen und Genossenschaften an der WU Wien

Barbara Kump (BK): Auch wenn es Genossenschaften schon seit mehr als hundert Jahren gibt, gehören sie ja nicht gerade zum Mainstream dessen, was in betriebswirtschaftlichen Studienrichtungen gelehrt wird…

Dietmar Rößl (DR): Das stimmt. Dabei halte ich aber Genossenschaften für eine radikal unterschätzte Rechtsform! Es ist nämlich nicht nur eine spezifische Unternehmensrechtsform, es ist auch eine eigene Organisationsform, deren Ziel nicht in der Maximierung von Rendite liegt.

BK: Was ist denn dann das Ziel einer Genossenschaft?

DR: Bei einer Genossenschaft schließen sich mehrere natürliche Personen und/oder Unternehmen zusammen, um ein gemeinsames Problem zu lösen. Im Kern einer Genossenschaft geht es also um einen Sinn oder Purpose, wie es heute heißt. Steht in anderen Unternehmensformen als wirtschaftliches Ziel der Profit im Vordergrund, geht es in einer Genossenschaft um das Erreichen eines Sachziels.

BK: Was sind denn typische Beispiele für Genossenschaften?

DR: Im deutschsprachigen Raum haben sich Genossenschaften im 19.Jahrhundert entwickelt. Ziel war damals die Rettung der Landbevölkerung, insbesondere der Bauern, vor Zinswucher. Um finanziell unabhängig zu werden, haben sich die Bauern kurzerhand zu Spar- und Darlehensvereinen zusammengeschlossen und sich somit selbst mit Krediten versorgt. Das würde heute allerdings nicht mehr so einfach gehen wie damals. Aber abgesehen von den traditionellen Bereichen wie Kreditgenossenschaften und Absatz- und Verwertungsgenossenschaften wie Lagerhäusern oder Molkereien in der Landwirtschaft ist es ein breiter Bogen von gewerblichen Einkaufsgenossenschaften über Schwimmbadgenossenschaften, Seniorenbetreuungsgenossenschaften, Kinderbetreuungsgenossenschaften oder Lebensmittelgenossenschaften in der solidarischen Landwirtschaft. Im Moment geht es verstärkt in Richtung Energiegenossenschaften: Alleine in Deutschland wurden zwischen 2008 und 2018 im Bereich Photovoltaik rund 900 Genossenschaften mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 2,5 Mrd. Euro gegründet…

BK: Warum schließen sich denn unterschiedliche Akteure zu Genossenschaften zusammen?

DR: Im Grunde geht es immer um das Überbrücken von Versorgungslücken. In einem Dorf im ländlichen Raum haben beispielsweise die Bewohner, nachdem das letzte Wirtshaus geschlossen worden war, eine Wirtshausgenossenschaft gegründet. Oder in einem abgelegenen Tal in Österreich, dem Defereggental, wurde eine „Internetgenossenschaft“ gegründet, um ein Breitbandnetz zu errichten.

BK: Was macht denn den Erfolg von Genossenschaften aus?

DR: Genossenschaften beginnen als Personengemeinschaft. Mehrere Personen, die ein gemeinsames Ziel haben, überlegen sich, wie sie dieses Ziel lösen können. Oft müssen ganz unterschiedliche Interessen einer sehr heterogenen Gruppe von Akteuren unter einen Hut gebracht werden. Ein simples Beispiel: In einer Genossenschaft für die Erzeugung von Bioenergie wollen die Landwirte, die die Biomasse bereitstellen, einen möglichst hohen Ertrag erwirtschaften. Gleichzeitig wollen die Konsumenten natürlich möglichst billige Energie kaufen. Diese Genossenschaft wird nur zustande kommen und Bestand haben, wenn Erzeuger und Abnehmer Verständnis für die Position des jeweils anderen haben und so eine für beide Seiten faire und vorteilhafte Lösung ausverhandeln. Dadurch können Marktmechanismen wie beispielsweise Preis-Dumping durch hohen Wettbewerbsdruck ausgehebelt werden. Wissenschaftlich gesprochen werden Marktmechanismen in ein „negotiated environment“, also in eine ausverhandelte Geschäftsbeziehung, übertragen.

BK: Das klingt gut…

DR: Ja, Genossenschaften bieten viele Möglichkeiten, alternative Lösungen zu den bestehenden Wettbewerbsstrukturen zu entwickeln. Und wenn es klappt, kann es für die Beteiligten viele Vorteile haben. Ich habe oft erlebt, dass Mitglieder von Genossenschaften durch den gemeinsamen Sinn und Nutzen sehr motiviert sind und die Genossenschaft dann auch sehr identitätsstiftend wirkt. Aber das funktioniert nicht immer…

BK: Was sind denn die Rahmenbedingungen, dass ein Zusammenschluss zu einer Genossenschaft funktionieren kann?

DR: Bei der Entwicklung der Genossenschaft müssen die Verhandlungen zwischen den (potentiellen) Mitgliedern auf Augenhöhe geführt werden, um etwaige verschiedenen Interessen austarieren zu können.  Bei der Suche nach Konsens wird von allen Beteiligten neben Konfliktfähigkeit daher auch ein gewisses Maß an Empathie gefordert. Eines ist dabei extrem wichtig: Die Genossenschaft muss für alle langfristig einen klaren Nutzen – sei es ein ökonomischer oder ein metaökonomischer – bieten, sonst machen Einzelne nur halbherzig mit und gefährden den Erfolg des ganzen Unterfangens. Deshalb kann es sein, dass am Anfang viele zähe Gesprächsrunden stehen, bis sich ein von allen geteilter Sinn des Vorhabens herauskristallisiert hat und die Eckpfeiler des Geschäftsmodells stehen. Viele Genossenschaftsidee scheitern deshalb gerade in dieser Phase.

BK: Trotzdem stehen Genossenschaften derzeit hoch im Kurs…

DR: Ja. Wir führen seit Jahren Umfragen zur Einstellung gegenüber Genossenschaften durch – unter anderem, wie vertrauenswürdig, sympathisch und attraktiv sie als Unternehmensform sind. Dabei verzeichnen wir gerade in den letzten Jahren starke Steigungen – insbesondere für die jungen Städter scheinen Genossenschaften besonders attraktiv.

BK: Was sind denn die Gründe dafür?

DR: Ich denke, dass Genossenschaften auch als Gegentrend zu grenzenlosem Kapitalismus und Globalisierung gesehen werden. Immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen, wünschen sich demokratischere Unternehmensformen, eine Re-Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe, mehr Selbstgestaltung, Mitbestimmung – und natürlich schwingt auch ein bisschen Sozialromantik mit. Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass eine Genossenschaft immer noch eine Unternehmensform ist, in der es nicht zuletzt auch um Wirtschaftlichkeit geht: Am Ende sollte immer noch eine schwarze Null stehen. Das ist bei vielen Ideen für Genossenschaften die große Herausforderung.

BK: Vielen Dank für das interessante Interview!

Barbara Kump

Barbara Kump ist Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen und Change Management, insbesondere in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit.