Dornröschens Held und das Geheimnis seines Erfolgs

Dank meiner zwei Kinder habe ich gerade viel Gelegenheit, Märchen zu lesen. Dabei habe ich entdeckt, dass manche Märchenhelden, die selten im Rampenlicht stehen, grandiose Vorlagen bieten für den eigenen Erfolg.

Mein momentaner Favorit ist der Prinz bei Dornröschen: der junge Mann kommt neu in die Gegend, in der das dornenumrankte Schloss die schlafende Schönheit birgt. Er hört von den Alten, dass das Mädel zwar unsagbar lieblich ist, dass aber beim Versuch, durch die Dornen zu kommen, schon zahllose junge Männer ihr Leben lassen mussten. Was er nicht weiß ist, dass die 100 Jahre Dauerschlaf gerade abgelaufen sind. Als er das Schloss betritt öffnen sich die Dornen vor ihm, er findet Dornröschen und erweckt sie mit dem berühmten Kuss. Sie wird seine Frau und er der zukünftige König.

Ich finde, dieser Held ist auf den ersten Blick herzerfrischend falb- und charakterlos und dafür bemerkenswert erfolgreich. Interessanterweise hat der erfolgreiche Prinz nämlich nichts anderes getan als viele andere vor ihm. Bevor die 100 Jahre, die Dornröschen und das Königreich zu schlafen hatten, nicht abgelaufen waren, sind eine Menge Prinzen in den Dornen zu Tode gekommen bei dem Versuch, zum Schloss durchzudringen. Die einzige Leistung, die der erfolgreiche Prinz im Vergleich zu seinen nicht erfolgreichen Vorgängern vollbracht hat, war, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Die Dornen haben sich ohnehin von allein zu dieser Zeit geöffnet, das Mädel lag ungeschützt zugänglich da und wäre so oder so aufgewacht – vermutlich auch ohne Kuss.

Als ich vor einigen Jahren mal ein Interview mit einem Nobelpreisträger gehört habe, hat dieser auf die Frage, was das Geheimnis seines Erfolgs war, gesagt: “Ich habe jeden Tag 14 Stunden gearbeitet.“ Leider habe ich den Verdacht, dass neben der charmant fehlenden Berücksichtigung der Person und der besonderen Eigenschaften wie z.B. Intelligenz, Tatkraft, oder Teamfähigkeit auch eine ganze Menge Umstände, wie z.B. eine gute Ausstattung, Vernetzung, Protektion oder Glück – oder einfach eine Kombination aus all diesen Faktoren – zum Nobelpreis beigetragen haben. Wenn die Presse den Prinzen von Dornröschen interviewen würde, dann würde er sicherlich in schillernden Farben die schrecklichen Dornen beschreiben, das dunkle, gruselig-schlafende Schloss, die beklemmende Ansicht der totenähnlich schlafenden Menschen, die enge Treppe bis ins Turmzimmer, und das mitleid-erregende schöne Mädchen und auch, wenn er ein anständiger Kerl wäre, seine Skrupel, ob er die holde, wehrlose Jungfrau überhaupt ungefragt küssen sollte. Das alles würde bei uns gespannt lauschenden Zuhörenden den Eindruck eines mutigen, entschlossenen jungen Mannes machen. Ich glaube nicht, dass er von Zufall sprechen würde.

Der Prinz profitiert eindeutig von der menschlichen Tendenz, das Verhalten einer Person auf seine Eigenschaften zurückzuführen und dabei die Situation außer Acht zu lassen (der sogenannte „fundamentale Attributionsfehler, siehe Wissensblitz 12). So schreiben wir Erfolge und Misserfolge meistens stabilen Eigenschaften einer Person zu, statt den Umständen oder der Situation. Auch der Effekt, dass wir gerne lose zeitliche Zusammenhänge als Kausalität interpretieren, kommt dem Prinzen zugute: natürlich wird der Kuss, der wahrscheinlich bloß zufällig in zeitlichem Zusammenhang zum Aufwachen stand, als Anlass zum Aufwachen interpretiert. Leicht vergessen wird, dass der Prinz durch offene Dornen spaziert ist und sich das wahrscheinlich noch etwas benommene Mädel einfach geschnappt hat.

Aber auch wenn der Prinz Nutznießer dieser Wahrnehmungsphänomene ist, er bleibt doch mein Held. Auf den zweiten Blick finde ich, er zeigt eine sympathische Beratungsresistenz und jede Menge Abenteuerlust. So hat er sich nicht von den negativen Erfahrungen der Vorgänger (sprich: deren Tod!) und dem gutgemeinten Rat der alten Leute entmutigen lassen und sich trotzdem in die Dornen gestürzt. Einmal durch die Dornen durch hat er in der Fülle der schlafenden Menschen und Tiere gewusst, das liebliche Prinzesschen in hintersten Schlosswinkel zu finden und als Schlüsselperson zu identifizieren. Und schließlich hat er sich mit einer gehörigen Portion Dreistheit als Mensch der Tat gezeigt und die Dame geküsst.

Daraus kann man doch lernen! Vielleicht ist es nicht besonders klug, sich in eine Dornenhecke zu stürzen, wenn zuvor in dieser Hecke hunderte von Menschen zu Tode gekommen sind. Aber manchmal ändern sich die Umstände, so dass ein Verhalten, das vor einiger Zeit noch unklug gewesen wäre, plötzlich möglich oder sogar clever. Es gab Zeiten, in denen es undenkbar war, dass Mütter arbeiten, dass homosexuelle Paare heiraten, dass Führungsaufgaben in Teilzeit verübt werden, oder dass eine Frau nach dem Kanzleramt greift. Vermutlich gab es für jede Veränderung und jeden Wandel schon Prinzen, die vor uns in Dornenhecken verendet sind, aber Dornenhecken können sich lichten und ein Weiterkommen plötzlich möglich sein. Ob das der Fall ist, kann ich aber nur herausfinden, wenn ich ab und zu wider die Erfahrung und besseren Rat ausprobiere, ob die Zeit reif ist. Wenn das Risiko also nicht darin besteht, sein Leben in der Dornenhecke zu verlieren, sondern bloß darin, ein Kopfschüttern der Alten auszulösen, ein „nein“ zu riskieren, als naiv zu gelten, aus der Reihe zu tanzen oder vielleicht jemandem auf die Nerven zu gehen… dann los! Manchmal muss man die Rahmenbedingungen erneut testen. Vielleicht ist das, was man tut, trotz Misserfolg der Vorgängerinnen und Vorgänger doch das richtige: und just vor mir öffnet sich die stachelige Dornenhecke.