Agiles Lernen erfordert Selbstorganisation und Eigenverantwortung: Wie helfen wir den Lernenden von der Rückbank auf den Fahrersitz?

Moderne Lehr- und Lernansätze, allen voran das agile Lernen, stellen verstärkt die Lernenden in den Mittelpunkt des Prozesses. Sie bekommen die Möglichkeit, selbstbestimmt ihren Lernweg zu finden und motiviert neue Ziele anzusteuern. Kurz: Die Lernenden werden ermächtigt, ihre eigene Lernreise zu steuern und endlich so ihren Platz auf dem ‚Driver’s Seat‘ einzunehmen.

Der Positionswechsel von der Rückbank auf den Fahrersitz hat gleich mehrere Vorteile. Die Lernenden können nicht nur die Ziele ihrer Reise selbst bestimmen, sondern vor allem auch den Weg dorthin. Dabei sind die Geschmäcker verschieden, die einen bevorzugen die Autobahn, die anderen entscheiden sich für den szenischen Küstenweg oder die pittoreske Inlandsroute.

Der agile Lernansatz beruht auf der Erfahrung, dass erwachsene Lernende sehr gut selbst entscheiden können, welche Ziele sie auf welchem Weg erreichen möchten und was sie dazu brauchen. Durch die Eigenverantwortung erhöhen sich nicht nur Lernmotivation und Selbstbestimmung (Deci & Ryan, 2008), sondern auch die Bereitschaft, sich kritisch mit dem eigenen Lernprozess auseinanderzusetzen. Schließlich wird das Lernen auch dynamischer: Ziel und Weg lassen sich flexibel auf Vorwissen, äußere Umstände und aktuelle Entwicklungen anpassen. Dadurch wird das Lernen bedarfsorientiert und letztendlich effizienter und befriedigender.

Nun haben die meisten Menschen allerdings einen Großteil ihrer Bildungsbiographie auf der Rückbank verbracht, auf dem Weg zu einem fremdbestimmten Ziel, ohne Kontrolle über die Strecke, mit eingeschränkter Aussicht und der gelegentlichen Frage: „Sind wir bald da?“

Sprich: Nicht alle Lernenden sind, nur weil sie jetzt auf dem Fahrersitz Platz nehmen können, auch sofort routinierte Fahrer*innen. Wie auch? Viele Menschen sind es nicht gewohnt, selbstorganisiert und eigenverantwortlich zu lernen. Um die Lernenden bei ihrem Weg in die Eigenverantwortung zu unterstützen, bieten sich verschiedene Mittel und Wege an:

  • Es bietet sich an, auf dem aufzubauen, was Lernende bereits mitbringen – sowohl methodisch als auch inhaltlich. Daher hilft eine regelmäßige Reflexion der Lernerfahrungen, Lernziele, (Vor-)Kenntnisse, Motivation und Relevanz.
  • Die Erfahrung zeigt: Am besten beginnt man mit Lernzielen, die bei Lernenden mit einer hohen Motivation und großem Eigeninteresse einhergehen, da so – gerade zu Beginn – besser auf den Lernprozess, also das „Wie“ des Lernens, eingegangen werden kann.
  • Die Betrachtung des eigenen Lernprozesses auf der Metaebene kann das Lernen langfristig verbessern. Als sehr hilfreich haben sich hier regelmäßige Lern-Retrospektiven und Visualisierungen erwiesen.
  • Wenn Lernende im Fokus des eigenen Lernprozesses stehen, dann ändert sich nicht nur das Maß der Selbstverantwortung, sondern auch der eigene Spielraum. Diese Veränderung der eigenen Rolle sollte von Anfang an und regelmäßig thematisiert und reflektiert werden – am besten durch eine kompetente Lernbegleitung.
  • Ein regelmäßiges Planungsmeeting in kürzeren Intervallen) können die Veränderung der Rolle der Lernenden positiv beeinflussen.
  • Lerntagebücher bieten die Möglichkeit, den eigenen Lernfortschritt zu beobachten und Stolpersteine sowie Erfolgserlebnisse festzuhalten und damit die Reflexion des Prozesses zu erleichtern.

Idealerweise wird die Umstellung auf einen eigenverantwortlichen Lernprozess durch einen agilen Lerncoach unterstützt, der je nach Bedarf verschiedene Rollen einnehmen kann. Als ‚Fahrlehrer*in‘ können agile Lerncoaches die Lernenden befähigen, ihren Lernprozess aktiv zu gestalten, als ‚Beifahrer*in‘ und ‚Navigator*in‘ die Reflexion über Ziele und mögliche Routen anregen, als aufmunternde ‚Reisebegleitung‘ zur Seite stehen, wenn die Fahrt mal schwerfällig wird. Agile Lerncoaches unterstützen dabei vor allem den Prozess, also das „Wie“ des Lernens, Ziel und Strecke bestimmen Lernende als Fahrer*in weiterhin selbst.

Eine der größten Herausforderung ist dabei die Unterschiedlichkeit der Lernenden. Einige können ohnehin schon recht gut fahren, andere müssen sich erstmal die Grundlagen erarbeiten. Es gibt Fahrer*innen, die eine Automatikschaltung bevorzugen, und solche, die auch mal am Motor rumschrauben wollen. Aufgabe agiler Lerncoaches ist es, auf diese verschiedenen Bedürfnisse einzugehen und Lernende auf ihrem individuellen Weg in das selbstbestimmte Lernen zu begleiten.

Literatur:
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2008). Self-determination theory: A macrotheory of human motivation, development, and health. Canadian Psychology 49(3), 182–185. https://doi.org/10.1037/a0012801

Die Gastautor_innen:

Anne Schneider-Wendt  ist Software-Testerin, Agiler Lerncoach und Learning Consultant. Mit ihrer universitären Ausbildung in den Bereichen Regionalwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Informatik und Psychologie unterstützt sie die Kommunikation zwischen verschiedenen Fachbereichen.

Dr. Manuel Illi ist Agiler Lerncoach, Scrum Master und Berater im Bereich agiles Lernen und alternative Lernformen. Früher als Germanist und Kulturwissenschaftler tätig, ist er jetzt in internationalen Projekten unterwegs. Er unterstützt sowohl Individuen als auch Teams bei den Herausforderungen, die modernes Lernen mit sich bringen.

Gastautor_in

Unter diesem Pseudonym schreiben die Gastautoren von wissens.dialoge.

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