Die eigene Ausdruckweise kann Macht, aber auch geringe Handlungsbereitschaft signalisieren

Sprache ist ein beliebtes Mittel, um sich selbst in einem bestimmten Licht darzustellen oder auch einen ersten Eindruck von jemandem zu verschaffen. Stellen Sie sich z.B. vor, Sie führen Bewerbungsgespräche, um die neue Führungsposition zu besetzen. Sie suchen eine Person, die visionär und einflussreich ist – aber auch bereit ist, Dinge anzupacken. Ob ein/e Bewerber/in im Gespräch eher abstrakte Visionen oder konkrete Details kommuniziert, kann hier beeinflussen, wie einflussreich bzw. wie handlungsbereit wir sie/ihn einschätzen – sprich, ob wir die Person eher als „Denker“ oder vielmehr als „Macher“ wahrnehmen.

Frühere Forschung hatte bereits darauf hingewiesen, dass eine Person womöglich eher eine machtvolle Position erlangen kann, wenn sie machtvoller auf andere wirkt. In einer aktuellen Reihe von Studien ging das Forschungsteam um Mauricio Palmeira daher der Frage nach, ob die Ausdrucksweise einer Person bereits einen Eindruck von ihrer Macht und Handlungsbereitschaft vermitteln kann.

Genauer untersuchte er die Rolle von abstrakter bzw. konkreter Sprache über ein- und dasselbe Thema. Spricht eine Person abstrakt über ein Thema, fokussiert sie vor allem auf das große Ganze oder „warum“ eine Aufgabe zu erledigen ist. Äußert sich eine Person hingegen konkret über ein Thema, betont sie die einzelnen Details oder „wie“ genau eine Aufgabe gelöst werden kann. Eine abstrakte Ausdrucksweise könnte die Fähigkeit signalisieren, sich einen Gesamteindruck verschaffen zu können – eine solche Person wirkt sozusagen eher als visionärer „Denker“. Eine konkrete Ausdrucksweise verdeutlicht stattdessen vielleicht die Fähigkeit, Dinge pragmatisch anzugehen und auch wirklich zu erledigen – eine solche Person wirkt entsprechend eher als „Macher“.

Seine Annahme war, dass eine abstrakte Ausdrucksweise zwar mehr Macht signalisiert – dies aber womöglich auf Kosten der Handlungsbereitschaft, die eine Person damit vermittelt, geschieht. Zudem untersuchte er, ob „abstrakte Sprecher“ geeigneter für Führungspositionen wirken als „konkreter Sprecher“. In vier Studien lasen die Teilnehmenden Texte von fiktiven Personen (z.B. Politikern oder Bewerbern) mit abstrakt bzw. konkret formulierten Kommentaren zu Politik, Beruf, sportlicher Aktivität etc. Konkrete Kommentare lauteten z.B. „Einer von sechs Amerikanern findet keinen Job. Nehmen Sie z.B. Joe Smith, der letzten Herbst seine Arbeit verloren hat und nun…“. Abstrakte Kommentare dazu waren z.B. „Die Amerikaner erleben ein ökonomisches Desaster. Zuletzt haben zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise waren so viele Menschen in einer solchen Lage…“ Anschließend bewerteten die Teilnehmenden, wie machtvoll und einflussreich, wie handlungsbereit, wie kompetent und wie geeignet sie die jeweiligen Sprecher für eine Leitungs- bzw. Einstiegsposition wahrnahmen.

In den meisten Fällen wurden abstrakte Sprecher als einflussreicher, aber weniger handlungsbereit eingeschätzt als konkrete Sprecher – sie wirkten also eher als „Denker“, denn als „Macher“. Die Ausdrucksweise zeigte dabei nur in einer der drei Studien einen klaren Einfluss auf die wahrgenommene Eignung als Führungskraft: Hier wurde der abstrakte Sprecher als geeigneter wahrgenommen. In den übrigen Studien wurden beide Sprecher als gleichermaßen geeignet gesehen.

Was bedeutet das für unsere Ausdrucksweise, mit der wir – absichtlich oder unabsichtlich – einen bestimmten Eindruck von uns vermitteln können? Dieselbe (abstrakte) Ausdrucksweise, die dazu führt, dass andere uns einflussreicher einschätzen, kann gleichzeitig verhindern, dass wir uns auch pragmatisch und handlungsorientiert zeigen. Beide Fähigkeiten können dabei relevant für eine Aufgabe bzw. eine (Führungs-) Position sein. Die Forscher schlussfolgern, dass eine abstrakte Ausdrucksweise (z.B. in Form von Visionen) zwar notwendig, aber womöglich nicht ausreichend ist, um als Führungskraft erfolgreich zu sein bzw. wahrgenommen zu werden. Zusätzlich braucht es also womöglich auch die Kommunikation von konkreten Schritten, wie diese Visionen umgesetzt und in Gang gebracht werden können. Kurz gesagt: Die richtige Kombination aus „Denken“ und „Machen“ könnte demnach erfolgversprechend sein.

Zum Weiterlesen:
Palmeira, M. (2015). Abstract language signals power, but also lack of action orientation. Journal of Experimental Social Psychology, 61, 59-63. doi: 10.1016/j.jesp.2015.07.003
Wakslak, C. J., Smith, P. K., & Han, A. (2014). Using abstract language signals power. Journal of Personality and Social Psychology, 107, 41-55. doi: 10.1037/a0036626

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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