Vor-und Nachteile von personalisierten Lernsystemen

Personalisierte Lernsysteme können Unternehmen langfristig Zeit und Geld sparen. Doch nicht in allen Fällen ist der Einsatz von Personalisierung sinnvoll.

Download: wissens.blitz (15)

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor. Ein Unternehmen stellt für den Bereich Personal zwei neue MitarbeiterInnen ein: Herr Schmidt bringt bereits mehrere Jahre Berufserfahrung im Personalbereich aus anderen Unternehmen mit und Frau Meier wechselt unternehmensintern nach 5 Jahren in der Rechts­abteilung. Das Unternehmen hat, um MitarbeiterInnen auf ihre Anforderungen vorzubereiten, einen e-Learning Kurs entwickelt. Diesen Kurs absolvieren nun Frau Meier und Herr Schmidt. Während sich Herr Schmidt bei den Inhalten zu Personalauswahl unterfordert fühlt, langweilt sich Frau Meier beim Thema Corporate Identity.

Vorteile von personalisierten Lernsystemen

Personalisierte Lernsysteme setzen genau hier an: Sie berücksichtigen den Wissensstand einer Person, und passen ihre Inhalte an diesen Wissensstand so an, dass die lernende Person optimal gefordert ist. Statt dass alle, wie Frau Müller und Herr Maier, das Gleiche lernen, lernt jede Person nur genau das, was sie noch nicht weiß. Das spart natürlich Zeit. Durch die optimal angepassten Lerninhalte wird die lernende Person optimal herausgefordert, was wiederum eine höhere Lernmotivation zur Folge hat.

Vorteile von personalisierten Lernsystemen:

  • geringerer Zeitaufwand weil jede/r genau das lernt, was notwendig ist
  • Höhere Motivation durch optimale Herausforderung

Aufgrund der offensichtlichen Vorteile von Personal-isierung beschäftigen sich große Bereiche in Forschung und Entwicklung mit der Erstellung von ‚Intelligenten Tutoren-Systemen‘ (ITS), und ‚Adaptiven Hypermedia Systemen‘ (AHS), v.a. für Schulen und Universitäten. Es existieren in der Forschung eine Reihe von personalisierten Lernsystemen (z.B. NetCoach, APOSDLE), die an beliebige Lerninhalte angepasst werden können und sich somit grundsätzlich für den Einsatz in Unternehmen eignen würden.

Nachteile von personalisierten Lernsystemen

Es ist allerdings nicht ganz einfach, Personalisierung in einem Lernsystem umzusetzen. Personalisierte Lernsysteme erfordern 3 zugrundeliegende Modelle:

  • Das Domänenmodell bildet die Themen und Voraussetzungsbeziehungen zwischen Themen ab, die durch das Lernsystem vermittelt werden sollen
  • Das Lernermodell spiegelt das Wissen der einzelnen Benutzer in jedem dieser Themen wider
  • Das Interaktionsmodell bestimmt, welche Inhalte einer Person mit einem bestimmten Wissensstand gezeigt werden.

Diese Modelle müssen von ExpertInnen erstellt werden. Valide Modelle zu erstellen ist in gut strukturierbaren Lerngebieten wie z.B. Schulmathematik bereits kein einfaches Unterfangen; ungleich schwieriger ist die Modellierung eines organisationalen Themengebietes wie z.B. ‚Corporate Identity‘. Neben den Modellen müssen Lerninhalte entwickelt und didaktisch aufbereitet werden, die die im Domänenmodell repräsentierten Inhalte abdecken. Aus der Sicht der BenutzerInnen haben personalisierte Lernsysteme potenziell den Nachteil, dass möglicherweise nicht ganz nachvollziehbar ist, warum sich das System in einer bestimmten Situation auf bestimmte Weise verhält.

Nachteile von personalisierten Lernsystemen:

  • Hoher ‚Modellieraufwand‘, hoher Aufwand modularisierte Lerninhalte zu erstellen
  • Verhalten des Systems ist für Benutzer eventuell nicht nachvollziehbar

Neuere personalisierte Lernsysteme versuchen, Methoden aus dem Bereich der ‚Empfehlungssysteme‘ (z.B. Amazon, Youtube) anzuwenden, die ohne vorgefertigte Modelle auskommen.

Einsatz von Personalisierung in Unternehmen

Es gibt bereits einige vielversprechende personalisierte Lernsysteme, die sich für den Einsatz in Unternehmen eignen würden. Zum gegenwärtigen Entwicklungsstand ist jedoch der Aufwand, Modelle und Inhalte zu erstellen noch sehr hoch.

Unter welchen Bedingungen lohnt sich der Einsatz von personalisierten Lernsystemen:

  • In großen Unternehmen oder Abteilungen, wo viele Personen auf den gleichen Wissensstand gebracht werden sollen
  • Für zeitüberdauernden Themengebieten

Dieser Aufwand lohnt sich, wenn innerhalb eines Unternehmens viele Personen gleichzeitig oder über einen längeren Zeitraum hinweg auf den gleichen Wissensstand gebracht werden sollen.

 

 

Zitieren als: Kump, B. (2011). Vor- und Nachteile von personalisierten Lernsystemen. wissens.blitz (15). http://www.wissensdialoge.de/personalisierte_Lernsysteme

Barbara Kump

Barbara Kump ist Professorin für Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Wien, Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen, Organisationsentwicklung, sowie Wissensprozesse in Zusammenhang mit Veränderung.

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Barbara Kump

Barbara Kump ist Professorin für Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Wien, Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen, Organisationsentwicklung, sowie Wissensprozesse in Zusammenhang mit Veränderung.

5 Gedanken zu „Vor-und Nachteile von personalisierten Lernsystemen

  • c.schwind@iwm-kmrc.de'
    23. März 2011 um 11:00
    Permalink

    Hallo Barbara,

    ein weiterer Nachteil von Personalisierung wurde vor Kurzem auf Spiegelonline unter dem Titel „Die ganze Welt ist meiner Meinung“ thematisiert: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00.html. Laut dem Artikel kann die Filterung von Informationen dazu führen, dass man fälschlicherweise den Eindruck bekommt, man sei im Konsens mit der Mehrheit.

    Übertragen wir diesen Gedanken auf „klassische“ Lernszenarien: Hier könnte die Personalisierung von Informationen dazu führen, dass man (nicht die gleiche Meinung, sondern) das gemeinsame Wissensniveau überschätzt. Um es am Beispiel zu verdeutlichen: Wenn Frau Meier einen personalisierten Kurs zum Thema Corporate Identity durchläuft, dann wird sie danach wohl implizit davon ausgehen, dass andere Mitarbeiter, die diesen Kurs besucht haben, über den gleichen Wissensstand verfügen wie sie selbst. Da dies jedoch gerade aufgrund der Personalisierung nicht unbedingt sein muss, könnte es in der Folge zu Kommunikationsproblemen führen.

    Ein möglicher Ansatz wäre, dem Lerner die Personlisierung transparent zu machen, was bei vielen Systemen jedoch (noch?) keine Rolle spielt.. Gibt es weitere Lösungsansätze?

    Viele Grüße, Christina

  • 23. März 2011 um 13:00
    Permalink

    @Christina: Danke für Deinen Kommentar … spannende Frage finde ich, auf welcher Grundlage die Systeme personalisiert werden. In Unternehmen kann bei komplexen Inhalte ja kein komplettes Modell geben, das heißt es muss anderen Input für die Personalisierung geben. Da bieten sich dann Systeme an, die bisherigen Lerninteressen, Lerninhalte oder Arbeitsschwerpunkte als Grundlage für die Personalisierung nehmen. Und da ist der Effekt dann noch klarer: Ich beschäftige mich mit dem, was ich ohnehin schon weiß.

    Innovation geschieht aber oft „zufällig“, wenn ich mit Dingen beschäftige, die gar nicht zu meinem eigentlichen Themenfeld gehören, aber interessante Denkanstöße geben.

    Vielleicht sollten wir Dich mal zum Thema „Gestaltung von Recommendationssystems“ interviewen.

  • dario10@gmx.at'
    4. April 2011 um 20:17
    Permalink

    Hallo,
    eigentlich finde ich den Gedanken an sich super, nur mehr das zu lernen, was man nicht weiß. Allerdings sollte das Lernsystem an sich dann so konzipiert sein, dass es immer wieder Bezug nimmt zu dem bereits vorhandenen Wissen, so dass sich die neuen Wissensinhalte optimal mit den alten Wissensinhalten verknüpfen.

    Der Aufwand scheint unverhältnismäßig groß, daher bin ich mir nicht sicher, ob denn überhaupt die Möglichkeit besteht je ein personalisiertes Lernsystem für den ,,Otto Normalverbraucher“ zu entwickeln?!

    Den Einwurf von Christina finde ich wirklich sehr sehr interessant!
    Wobei jedem, der solch ein Lernsystem nutzt, muss dann klar sein, dass nicht alle das selbe Wissen mitbringen, und deswegen jeder an seinem indivuduellen Wissen anknüpft.

    Liebe Grüße,
    Michaela

  • julian_nolte@gmx.de'
    12. April 2011 um 12:13
    Permalink

    Hallo,

    ich schließe mich Michaela an und denke, dass der Bezug zu bereits gelernten Wissensinhalten von enormer Wichtigkeit ist. Der oben veröffentlichte Artikel „Vor- und Nachteile von personalisierten Lernsystemen“ erweckt im ersten Moment den Eindruck, dass bereits bekannte Gedächtnisinhalte nicht explizit wiederholt und erklärt werden, sondern nur neue und darauf aufbauende Inhalte aktiviert und vermittelt werden. Da der Mensch im Allgemeinen so schnell vergisst, wie er lernt, könnte sich dies als Problem darstellen. Zwar wären Menschen dazu fähig in viel kürzerer Zeit einen größeren Umfang an neuem Wissen aufzunehmen und ggf. wiederzugeben, allerdings stellt sich die Frage, ob sie damit nicht auch schnell überfordert wären bzw. wie fähig sie sind, diese Masse an Wissen auch zeitüberdauernd wiederzugeben.
    Zwar nehmen neue Wissensinhalte meist direkten Bezug zu bereits Gelerntem, aber ich glaube, dass es von Zeit zu Zeit auch nötig ist bereits abgespeichertes Wissen wieder bewusst zu machen ohne es mit neuen Inhalten anzureichern – selbst wenn dies die Gefahr birgt, dass Herr Schmidt sich mal unterfordert fühlt und Frau Meier sich langweilt.

    bleibt und in diesem System nicht mehr explizit wiederholt wird. Ein personalisiertes Lernsystem vermittelt einem aber nur neue, bisher unbekannte Inhalte, die zusätzlich erinnert werden müssen

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