Würden Sie für einen Roboter arbeiten?

Die öffentliche Diskussion zum Einsatz von Robotern ist geprägt durch die Möglichkeiten und Risiken für den Jobmarkt: Werden Roboter unsere Arbeit erleichtern oder unsere Arbeitsplätze womöglich ersetzen? Interessanterweise denken wir an Roboter vor allem in der Rolle als „Handlanger“ (in der Industrie 4.0) oder als „Werkzeug“, um komplexe Probleme schnell zu lösen (bspw. im Bereich Investment Banking, wo Algorithmen in Sekundenbruchteilen Investmententscheidungen treffen oder in der Medizin, wo Algorithmen heute schon mit hoher Zuverlässigkeit Diagnosen unterstützen können). Aktuelle technologische Entwicklungen erlauben es Robotern jetzt schon, auch in Interaktion mit dem Menschen Arbeiten zu erledigen, beispielsweise in der Pflege oder in der Lehre. Der nächste Schritt ist also eigentlich nicht weit…

Starten wir gemeinsam ein kleines Gedankenexperiment: Was, wenn Roboter zukünftig Führungspersonen ersetzen, also Mitarbeitende anleiten, motivieren und führen?

Seit einiger Zeit hat unser Team an der TU München ein weiteres Teammitglied: Pepper, ein humanoider, also menschenähnlicher, Roboter. Sylvia Hubner und Jakub Cichor haben Pepper beigebracht, Aufgaben zu delegieren, zu motivieren und anzuleiten. In anderen Worten, Pepper kann „führen“. Und das auf unterschiedliche Weise: Er kann sehr nüchtern und sachlich die Aufgabe erklären und die Erwartungen an die Mitarbeitenden klar kommunizieren. Pepper kann aber auch visionär sein, motivierend sowie begeisterungsfähig–und begeisternd. Dann gestikuliert Pepper, hebt und senkt die Stimme, schaut uns vermeintlich aufmerksam an. Wirklich faszinierend!

Als Forschungsteam, das sich den Veränderungen der Arbeitswelt und ihre Bedeutung für Führung widmet, interessiert uns natürlich brennend, unter welchen Bedingungen Menschen Pepper als „Führungskraft“ akzeptieren würden. Aktuell laufen bereits erste Studien dazu und ich bin gespannt auf die Ergebnisse.

Sylvia Hubner hat mit KollegInnen den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Mensch-Roboter-Interaktion, ethische Fragen und Personalführung zusammengefasst, um theoretische Antworten auf die Frage „Würden Sie für einen Roboter arbeiten?“ zu finden. Sie schreibt in ihrem Artikel im PERSONALquarterly, dass Roboter prinzipiell jedes (Führungs-)Verhalten zeigen können, das man ihnen „beibringt“. Pepper kann also gezielt so programmiert werden, dass es ein bestimmtes Führungsverhalten zeigt, von dem wir wissen, dass es effektiv ist. Die Bereitschaft, den Anweisungen eines Roboters zu folgen, hängt dabei vor allem davon ab, ob der Roboter auf Anforderungen einer bestimmten Situation eingeht und ein erwartbares Verhalten zeigt. So würden wir in brenzlichen Situationen wie Notfällen einem Roboter eher folgen, wenn er oder sie fordernd und autoritär auftritt. Das allein macht aber noch keine gute Führung!

Ist es vertretbar, dass wir die große Verantwortung für Menschen, die eine Führungsperson trägt, auf eine „Maschine“ übertragen? Können wir davon ausgehen, dass Roboter auf Bedürfnisse von Menschen sensibel eingehen, Rücksicht nehmen und feinfühlig agieren können? Laut Sylvia Hubner und KollegInnen wirft der Einsatz von Robotern weniger technische als ethische Fragen auf; die AutorInnen beziehen sich unter anderem auf die Forschung zu ethischer Führung: Eine Führungskraft wird als ethisch wahrgenommen, wenn sie fair, ehrlich und vertrauenswürdig wahrgenommen wird. Tatsächlich kann man sich vorstellen, dass Roboter–vorausgesetzt sie wurden so programmiert–faire, ehrliche und damit vertrauenswürdige Entscheidungen treffen, einfach weil sie die kognitiven Fehler und Verzerrungen, möglicherweise egoistische Interessen und impliziten Stereotype nicht in dem Maße zeigen wie Menschen und damit objektivere Entscheidungen versprechen. Algorithmen sind deshalb heute schon im Einsatz, wenn es um Rekrutierungsprozesse und Leistungsbeurteilung geht. Dagegen ist schwer vorstellbar, dass Roboter in menschlicher Art und Weise empathisch, einfühlsam und unterstützend sein können. Und vielleicht würde man das auch gar nicht von einem Roboter erwarten und entsprechendes Verhalten als unecht oder sogar creepy bewerten. Aber ist es nicht gerade der Aspekt der Menschlichkeit, der gute Führung ausmacht?

Der Artikel von Sylvia Hubner und KollegInnen ist absolut lesenswert, weil er diese und ähnliche Fragen aufwirft und Forschung und Praxis auffordert, sich mit ethischen Fragen zum Thema Robotik und Führung auseinanderzusetzen. Ich fand außerdem besonders spannend zu sehen, dass schon erste Studien zum Einsatz von Robotern in zumindest führungsähnlichen Situationen gemacht wurden. Mehr Infos und den Link zum Artikel finden Sie hier.

Ich wünsche Sylvia, Jakub und ihrem Team viel Erfolg bei ihren Studien mit Pepper als Führungskraft!

Lesetipps und Quelle:

Hubner, S., Benz, T., & Peus, C. (2019). Würden Sie für einen Roboter arbeiten? Chancen und Herausforderungen beim Einsatz von sozialen Robotern in Führungsrollen. PERSONALquarterly, 03/2019, 28–32.

Kristin Knipfer

Dr. Kristin Knipfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU München und befasst sich mit individuellen, kooperativen und organisationalen Lern- und Wissensprozessen. Sie ist als Dozentin für das Executive Education Center der TUM sowie als Trainerin für wissenschaftliche Einrichtungen tätig. Auf wissens.dialoge schreibt sie zu den Themen Führung, Reflexion und Wissensaustausch.

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