Post-Corona-Learning: Wie verändert sich digitale Bildung?

Am 8. Dezember ist der Tag der Bildung, dieses Jahr unter dem Schwerpunktthema „Lernen und Lehren in Zeiten digitaler Transformation“. Das nehme ich zum Anlass, um fünf Thesen zu formulieren, wie Post-Corona-Learning aussehen könnte.

Wir sind noch mitten in der Pandemie. Während ich diesen Text schreibe – Anfang Dezember 2021, wird diskutiert, wie lange Unterricht an Schulen und Hochschulen weiter in Präsenz stattfinden kann. Die ersten in Präsenz geplanten Seminare, Workshops und Vorträge werden wieder abgesagt. Wie wird es 2022 weitergehen?

In den letzten beiden Jahren gab es einen großen Innovationsschub in Sachen digitaler Bildung. Vieles wurde möglich, weil es wenig andere Optionen gab.

Jetzt ist es an der Zeit, einen Schritt zurückzutreten, und zu reflektieren, was von den Erfahrungen in Sachen digitaler Bildung bleibt. Während der Pandemie sind wir gezwungen, schnell und agil auf äußere Faktoren zu reagieren, damit Bildung überhaupt noch stattfinden kann. Wie durch ein Brennglas werden so Herausforderungen sichtbar und verstärkt, die schon lange da sind, aber bis jetzt im routinierten Bildungsalltag untergegangen sind. Unter dem Begriff Post-Corona-Learning formuliere ich fünf Thesen dazu, wie Lernen und Lehren in einer digitalen Gesellschaft aussehen könnte.

Johannes Moskaliuk | wissensdialoge.de

Post-Corona-Learning lebt von direktem Austausch mit anderen.

In einem konstruktivistischen Verständnis von Lernen wird Wissen nicht mehr von oben nach unten weitergegeben, von Expertinnen an Laien, von Lehrern an Schülerinnen. Es geht vielmehr darum, gemeinsam nach Lösungen für die Herausforderungen von morgen zu suchen und neues Wissen zu generieren. Das erfordert den direkten Austausch mit anderen in Communities und Netzwerken. Dafür braucht es mehr als nutzerfreundliche digitale Lernplattformen, über die sich Wissen konsumieren lässt. Es geht um die Gestaltung von Kooperation und Zusammenarbeit und die Unterstützung mit geeigneten digitalen (Kooperations-)Medien.

Post-Corona-Learning augmentiert unterschiedliche Lernsettings.

Der Begriff Argumentierung meint: Unterschiedliche Settings werden überlagert und kombiniert, und dadurch so transformiert, dass etwas Neues entsteht. Die Integration virtueller und analoger (Face-to-Face) Settings, ermöglicht Lernen, das in dieser Form weder rein virtuell noch rein analog möglich wäre. Damit ist die scheinbare Dichotomie zwischen virtuell und analog aufgelöst, die Frage nach Vor- und Nachteilen digitaler Medien für Bildung ist hinfällig. Das volle Potenzial entsteht erst durch die Kombination.   

Post-Corona-Learning ermöglicht lebenslanges Lernen.

In einer digitalen Gesellschaft verschwimmen Grenzen zwischen Lebensbereichen, z. B. die Grenzen zwischen Leben und Arbeiten, zwischen Lernen und Anwenden, oder zwischen formaler und informeller Bildung. Das bietet neue Möglichkeiten für die Gestaltung von lebenslangem Lernen und zeitgemäßer digitaler Bildung. Es genügt nicht mehr, Wissen und Kompetenzen auf Vorrat zu vermitteln (Push-Training). Bildungsangebot müssen konkrete Anforderungen adressieren, und aktuelles, relevantes Wissen bereitstellen, das wirklich benötigt wird (Pull-Learning).

Post-Corona-Learning braucht Selbststeuerung.

Wer ist für den Lernerfolg verantwortlich? Die Lehrperson, die durch geeignete Vermittlungsmethoden Lernen ermöglicht? Oder die Lernenden, die selbst entscheiden, ob und was sie lernen möchten? Lernende sollen zu aufgeklärten und mündigen Mitgliedern einer digitalen Gesellschaft werden. Dann können sie auf Basis verfügbarer Informationen Entscheidungen treffen, neues lernen und sich weiterentwickeln. Das ist ein Ziel digitaler Bildung, Lernende zu selbstverantwortlichem Lernen zu befähigen.

Post-Corona-Learning ist demokratisch.

Mit dem Begriff digital divide lässt sich die Kluft beschreiben, die innerhalb digitaler Gesellschaften entsteht zwischen Personen, die Zugang zu digitalen Medien haben und diese kompetent nutzen können, und Personen, für die dieser Zugang eingeschränkt ist. Grund sind sozioökonomische Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen, aber auch kulturelle oder sprachliche Barrieren. Post-Corona-Learning bedeutet, die Kluft zu benennen und geeignete Angebote zu schaffen, die breite Zugänglichkeit ermöglichen.

In diesem Beitrag habe ich unter dem Stichwort Post-Corona-Learning fünf Thesen für die digitale Bildung der Zukunft formuliert. Ein Fazit: Es geht nicht um digitale Technologien. Es geht um die digitale Kultur, in der wir leben und darum, welche Bildungskonzepte angemessen und passend sind.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er ist Professor für Psychology and Management und leitet den Stuttgarter Campus der International School of Management (ISM). Außerdem ist er als Head of Distance-Learning für die Fernstudiengänge der ISM verantwortlich, sowie Gründer und Geschäftsführer der ich.raum GmbH, sowie der Max13 GmbH.