Ein Gastbeitrag von Pauline Weritz und Lars Andraschko
Generative künstliche Intelligenz (KI) verändert zunehmend, wie Arbeit organisiert und ausgeführt wird. Aufgaben, die bislang menschliches Urteilsvermögen, Kreativität oder Erfahrung erforderten, können heute teilweise automatisiert oder durch KI unterstützt werden. Doch was bedeutet das für die Menschen, die diese Arbeit leisten? Und wie reagieren sie, wenn die Nutzung von KI mit ihren eigenen Vorstellungen von guter und selbstbestimmter Arbeit in Konflikt gerät?
In unserer aktuellen Studie untersuchten wir, wie Plattformbeschäftigte, also Menschen, die ihre Aufträge über digitale Plattformen annehmen und ausführen, mit der Nutzung generativer KI bei ihrer Arbeit umgehen (siehe Andraschko & Weritz, 2026). Das sind beispielsweise Freelancer, die über Online-Plattformen Texte, Übersetzungen und Designs oder Recherchen und Datenanalysen anbieten. Aufbauend auf der Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger et al. (1978) haben wir 232 Plattformbeschäftigte befragt, welche Bedingungen Spannungen im Umgang mit generativer KI auslösen und wie diese mit deren Handlungsspielraum zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen: Menschen passen sich der KI nicht einfach passiv an. Sie versuchen aktiv, ihre Handlungsspielräume zu bewahren oder zurückzugewinnen. Ein Beispiel: Personen, die über eine Plattform Texte erstellen, können generative KI nutzen, um schneller Entwürfe zu erstellen. Gleichzeitig können sie feststellen, dass die KI wiederholt Fehler macht oder Formulierungen verwendet, die den eigenen Qualitätsvorstellungen nicht entsprechen. Die Personen müssen dann entscheiden, ob sie die KI-Ergebnisse übernehmen, überarbeiten oder bestimmte Aufgaben wieder vollständig selbst erledigen. Die Nutzung von KI verändert damit nicht nur, wie schnell eine Aufgabe erledigt wird, sondern kann auch dazu führen, dass Beschäftigte ihre eigene Rolle und ihren Einfluss auf den Arbeitsprozess neu bewerten.
Innerer Widerspruch
Ein wichtiger Aspekt ist dabei ein innerer Widerspruch, der entstehen kann, wenn Beschäftigte generative KI bei ihrer Arbeit einsetzen. Einerseits kann KI die Arbeit schneller, einfacher oder effizienter machen. Andererseits kann ihre Nutzung das Gefühl erzeugen, die eigene Leistung, Kompetenz oder Entscheidungshoheit werde dadurch eingeschränkt. Genau diese Spannung kann dazu führen, dass Beschäftigte ihre eigene Rolle und ihren Einfluss auf die Arbeit bewusster hinterfragen. Konkret können solche Spannungen entstehen, wenn KI-Ergebnisse fehlerhaft sind, ethische Fragen aufwerfen, rechtliche Unsicherheiten verursachen oder die Nutzung von KI gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird. Gerade solche Situationen können Beschäftigte dazu bringen, ihre bisherige Nutzung von KI zu reflektieren und wieder bewusster selbst zu entscheiden.
Die Studie zeigt dabei ein interessantes Paradox: Der Einsatz von KI kann menschliche Handlungsspielräume zunächst einschränken, gleichzeitig kann die dadurch entstehende Spannung Menschen dazu motivieren, ihre Handlungsmacht bewusst wieder stärker auszuüben. Sie entscheiden beispielsweise genauer, wann sie KI einsetzen, wann sie deren Vorschläge überprüfen oder wann sie bewusst auf eigene Entscheidungen und Fähigkeiten setzen.
Praktische Implikationen
Für Unternehmen und insbesondere Plattformunternehmen ergibt sich daraus eine wichtige praktische Konsequenz: Die Einführung von KI sollte nicht allein als Frage von Effizienz und Automatisierung verstanden werden. Ebenso wichtig ist, wie Beschäftigte ihre Rolle, ihre Entscheidungsfreiheit und ihren eigenen Beitrag zur Arbeit erleben. Werden diese Aspekte bei der Gestaltung von KI-gestützten Arbeitsprozessen vernachlässigt, kann dies zu Widerstand gegen die Technologie führen. Das resultiert beispielsweise in einer geringeren Bereitschaft zur Nutzung oder kann dazu führen, dass Beschäftigte KI bewusst umgehen oder ihre Nutzung einschränken. Für Unternehmen bedeutet das: Die Frage, wie viel Entscheidungsspielraum Menschen behalten, ist nicht nur eine Frage der individuellen Arbeitszufriedenheit, sondern kann auch beeinflussen, wie gut KI tatsächlich in Arbeitsprozesse integriert wird.
Gerade deshalb sollten Unternehmen sich nicht nur fragen: „Was kann die KI automatisieren?“, sondern auch: „Welche Tätigkeiten sollten weiterhin beim Menschen liegen?“ Unternehmen und Plattformbetreiber können dafür Räume schaffen, in denen Beschäftigte:
- selbst entscheiden können, wann und wie sie KI nutzen,
- KI-Ergebnisse kritisch überprüfen und gegebenenfalls korrigieren können,
- weiterhin eigene Expertise und Urteilsvermögen einbringen können,
- nachvollziehen können, wie KI ihre Arbeit verändert, und
- ihre Erfahrungen und Bedenken in KI-gestützte Arbeitsprozesse einbringen können.
Gerade bei Plattformarbeit ist das relevant, weil Beschäftigte häufig nur begrenzten Einfluss auf die Regeln und Technologien haben, die ihre Arbeit steuern. Umso wichtiger ist es, ihre Handlungsspielräume bei der Einführung von KI ausdrücklich mitzudenken.
Fazit
Die zentrale Botschaft lautet: Die Zukunft der Arbeit mit generativer KI entscheidet sich nicht allein an der Leistungsfähigkeit der Technologie, sondern auch daran, wie viel Handlungsmacht Menschen in ihrer Arbeit behalten. Wer KI so gestaltet, dass Menschen nicht nur mit ihr arbeiten, sondern auch weiterhin über ihre Arbeit mitentscheiden können, schafft die Grundlage für eine nachhaltigere und akzeptierte Zusammenarbeit zwischen Menschen und KI.
Referenzen:
Andraschko, L., & Weritz, P. (2026). Human agency and deliberate reassertion in the age of generative AI: Evidence from online labor platforms. Electronic Markets, 36(1), 35.
Festinger, L., Irle, M., & Möntmann, V. (1978). Theorie der kognitiven Dissonanz.
Über die Autor*innen:

Pauline Weritz ist Assistant Professor für verantwortungsvolle Digitale Transformation an der Universität Twente in den Niederlanden. Sie promovierte an der Ramon Llull University in Spanien und war als Gastwissenschaftlerin am Boston College sowie an der Copenhagen Business School tätig. Mit ihrem Hintergrund in Psychologie und Management forscht Pauline an der Schnittstelle von Organisationsverhalten und Wirtschaftsinformatik. Ihre Forschung wurde in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Lars Andraschko ist Assistant Professor für Information Systems im Department of Information Systems, Data Analytics and Operations an der ESSEC Business School in Frankreich. Seine Forschung beschäftigt sich mit den Auswirkungen digitaler Technologien und insbesondere künstlicher Intelligenz auf menschliches Verhalten, Arbeit und Entscheidungsprozesse sowie mit den breiteren gesellschaftlichen und nachhaltigkeitsbezogenen Folgen des technologischen Wandels. Er promovierte an der Universität Augsburg und war als Gastwissenschaftler an der Universität Lund tätig.