Das Abgeben und das Aufnehmen von Wissen | Ein Interview mit Stefan Hagen

Für die Vorbereitung unserer Knowledge Jam@i-Know 2011 interviewte ich Herrn Stefan Hagen, Geschäftsführer der Hagen Consulting & Training GmbH. Herr Hagen weist v.a. auf die menschliche Komponente des Wissensmanagements hin — Wissen abgeben und aufnehmen zu können — was eine entsprechende Unternehmenskultur und Vorbild durch die Leitung voraussetzt. Die Vorteile von Wissensmanagement sind für ihn klar messbar und Wissensmanagement muss kontinuierlich durchgeführt werden. Als interessante Technologie für Wissensmanagement sieht er Cloud Computing an.

Warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Wissensmanagement? Was fasziniert Sie daran?

Wir sind eine Beratungsfirma – die Problematik, mit der wir es zu tun haben ist, wie kriege ich das Wissen des Einzelnen möglichst auf die ganze Organisation verteilt, nämlich auf alle Mitarbeiter. Was das Thema interessant macht ist die menschliche Komponente – das jemand sein Wissen teilt, das Abgeben und das Aufnehmen von Wissen ist unter Umständen nicht ganz unproblematisch. Es gibt das bekannte Sprichwort: „Wissen ist Macht“ – wann sind Mitarbeiter bereit, Wissen abzugeben? Das macht das Thema interessant.

Was bedeutet für Sie erfolgreiches organisationales Wissensmanagement?

Das hat viel mit vernünftigen Strukturen zu tun, mit vernünftigen Projektmanagement. Man muss über Projektmanagementstrukturen das Wissen transportierbar und aufnehmbar machen, das es jenseits der eigenen Gruppe in eine organisatorische Struktur kommt, die transparent für alle ist.

Was war Ihr größtes Aha-Erlebnis in Bezug auf das Thema Wissensmanagement?

Das war ein Negativerlebnis mit einem Kunden, einem verarbeitenden Unternehmen. Das Unternehmen hatte einen Verfahrenspezialisten, den sie durch die Welt geschickt haben, wenn irgendwo Probleme auftraten. Sie haben ihm irgendwann zwei promovierte Nachfolger auf den Schoß gesetzt und die sollten sein Wissen jetzt aufnehmen und das hat nicht funktioniert. Der eine wollte sein Wissen nicht abgeben, er war ein alter Industriemeister, der von der Basis kam, die anderen beiden waren ein promovierter Ingenieur und ein promovierter Naturwissenschaftler. Sie hatten keine Kommunikationsbasis gehabt. Es war ein Randthema für das wir nicht zuständig waren und wir sind irgendwann aus dem Projekt ausgestiegen. Der Industriemeister wird wahrscheinlich noch mit 70 um die Welt reisen.

Welches ist die aus ihrer Sicht wichtigste technische Innovation, die das Wissensmanagement heute bestimmt?

Natürlich die Computertechniken, typische Datenbankanwendungen, was im Internet verfügbar ist, das sind die Strukturen, die natürlich sehr viel ermöglichen. Nur die Frage ist, wie transparent es ist, wie gut ist es zu handeln. Das die Computertechnologie die gesamte Welt revolutioniert hat, darüber brauchen wir nicht zu sprechen.

Was muss man beim Einsatz von Wissensmanagementtechnologie in Unternehmen bedenken?

Wie häufig im Leben – es wird zu wenig oder zu viel gemacht. Wenn zu wenig Wissen eingestellt wird, führt es zu Verunsicherung, wenn zu viel Wissen eingestellt wird, bläht es die Struktur auf und es wird zu bürokratisch. Wichtig ist die richtige Dosis zu finden, die abgegeben und aufgenommen werden kann.

Der Wissensmanagment-Killer: Was muss man tun, damit Wissensmanagement auf jeden Fall schief geht?

Wenn Wissensmanagement zu sehr unter Zwängen steht, irgendwo das Gefühl aufkommt, dass man etwas verliert, wenn man Wissen abgibt. Nötig ist eine positive Atmosphäre – Wissen abgeben lernen kann man nur bei positiver Grundstimmung.

Wie würden Sie Wissensmanagement operationalisieren und mit Zahlen argumentieren, dass es notwendig ist und etwas bringt?

Ich würde mir vergleichbare Abläufe in Unternehmen nehmen, anschauen wie die Leistungsparameter sind – egal was es ist, z.B. bei der Erstellung eines Angebotes – es gibt klar messbare Leistungsparameter. Dann würde ich mir unterschiedliche Personengruppen oder Einzelpersonen ansehen, wie die Leistungsparameter sind – die werden nicht gleich sein und das hat was mit Input zu tun. Und ein Input wird Wissen sein. Dann kann man schauen, wie man über Transfermechanismen unter der Mitarbeitergruppe die Performance der Prozesse erhöht.

Angenommen Ihre Organisation hat zusätzliche 100 000€ zur Verfügung … wie überzeugen Sie das Management, in Wissensmanagement zu investieren?

Über die Performanceargumentation – wo viele Menschen Arbeiten muss man Strukturen vorgeben, damit die Mitarbeiter auch strukturiert arbeiten können. Und wenn sie strukturiert arbeiten sind Performancemessungen möglich, damit dann auch ein Vergleich, wo Berge und Senken sind. Um die Senken zu erhöhten muss man je nach Ausgangssituation erstens Strukturen schaffen, zweitens Bewertungen bzw. Messungen durchführen und drittens eine gleichmäßige Verteilung schaffen, indem man die Senken erhöht und alle auf Spitzenleistung bringt.

Welche Unternehmenskultur schafft gute Voraussetzungen für erfolgreiches WM?

Im kulturellen Ansatz ist es vor allem die Vorbildfunktion – „Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“ – Wissensmanagement muss von der Führung getragen werden, sonst wird niemand diese Kultur tragen.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten 3 „hot topics“ der nächsten Jahre?

Die Informationstechnologie wird das Thema deutlich mitbestimmen – welche technischen Möglichkeiten hat man um Prozesse voran zu treiben. Ich glaube nicht, dass es hot topics gibt, Wissensmanagement muss ein kontinuierlicher Prozess sein und kontinuierlich beherrscht werden um Vorteile daraus zu ziehen.

Womit wir uns derzeit selbst beschäftigen ist die höhere Verfügbarkeit von Wissen über cloud computing. Da möchten wir hinkommen – wesentlich höhere Verfügbarkeit und die Verfügbarkeit von relativ geschützten Daten. Wenn ich Partner habe, ist es schwierig, ihnen einen vernünftig gesicherten Zugang zu unseren Daten zur Verfügung zu stellen. Wenn der Zugang aber mit gut gesicherten und gut organisierten Clouds stattfindet, dann haben wir eine andere Qualität des Datenaustausches. Übrigens auch innerhalb einer Organisation, wir haben zum Beispiel viel mit freien Mitarbeitern zu tun.

Was motiviert oder hindert Sie daran, eigene Erfahrungen und Wissen mit Kollegen auszutauschen?

Faktor Zeit, das ist ein ganz übler Faktor – Zeit ist der oberste Haken. Dann auch durchaus menschliche Komponenten – sowohl auf Sender als auch auf Empfängerseite – davon sind wir auch nicht gefeilt.

Wenn Sie jeden Tag genau 7 Minuten für Wissensmanagement hätten: Wie würden Sie die nutzen?

Für Kommunikation – mit Wissensträgern, Sendern und Empfängern, und zur Optimierung der Strukturen.

stefan_hagenDipl.-Kfm. Stefan Hagen, Jahrgang 1964, ist seit 1995 Geschäftsführer der Hagen Consulting & Training GmbH (HCT), einer erfolgreichen Ausgründung der Dr. Reinold Hagen Stiftung, deren Vorstandsvorsitzender er ist. Die HCT beschäftigt sich mit der Optimierung von Unternehmensorganisationen und der Durchführung von Trainings. Für F&E-Vorhaben übernimmt die Hagen Consulting die komplette Unterstützung von der Projektplanung über die Erstellung unterschriftsreifer Förderanträge und die technische Beratung bis zum Projektcontrolling.

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