Zoom-Fatigue – Drei Erklärungsansätze, warum Videokonferenzen so anstrengend sind.

Kaum waren ab März alle im Homeoffice, hat das Internet einen neuen Begriff erfunden: „Zoom-Fatigue“. Gemeint ist damit: Wir finden Videokonferenzen anstrengend. Ein Arbeitstag vor dem Rechner mit Besprechungen in Teams, Zoom, Skype, etc. sind gefühlt anstrengender, als ein Arbeitstag mit Face-to-Face-Besprechungen.

In die ersten wissenschaftlichen Zeitschriften hat es der Begriff auch schon geschafft.

Brenda Wiederhold schreibt in ihrem Editorial in der Zeitschrift Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking über Zoom-Fatigue und welche Lösungen es gibt, damit umzugehen.

Ob das Gefühl der Erschöpfung ursächlich auf die Nutzung digitaler Kommunikationsmedien zurückzuführen ist, ist nicht geklärt. Es könnte sich auch um Attributionsfehler handeln: Die Veränderungen –beruflich und privat– während des Lockdowns sind aus vielen Gründen belastend. Ein salienter – also besonders augenscheinlicher Grund – ist die Tatsache, dass wir mehr Zeit in Videokonferenzen verbringen als vorher. Deshalb schreiben wir die Erschöpfung der Nutzung von Zoom zu, und nicht anderen Umständen.

In diesem Beitrag formuliere ich drei Thesen, warum die Kommunikation über Videokonferenzen anstrengender sein könnte, als ein Treffen Face-to-Face. Lösungsvorschläge stelle ich in einem anderen Beitrag vor.

Ständig das eigene Bild zu sehen erhöht die Selbstaufmerksamkeit.

Selbstaufmerksamkeit (Duval & Wicklund, 1972) beschreibt eine intensive Beschäftigung mit uns selbst. Die Aufmerksamkeit kann entweder auf die Umwelt gerichtet sein – dazu gehören auch andere Personen – oder auf uns selbst. Wenn die Aufmerksamkeit auf uns selbst gerichtet, nehmen wir uns selbst „von außen“ wahr, unsere Aufmerksamkeit ist auf das eigene Selbst als Objekt gerichtet, nicht auf uns selbst als handelndes Subjekt. Das ist zunächst förderlich, weil es uns ermöglich, eigenes Verhalten zu reflektieren und dann auch anzupassen.

Selbstaufmerksamkeit kann aber auch dysfunktional sein, wenn sie z. B. sehr lange anhält, sich nur auf negative Aspekte des eigenen Selbst fokussiert oder die Perspektive nicht mehr flexibel gewechselt werden kann (von mir Selbst auf meine Umwelt).

Wenn ich mich bei Zoom ständig selbst sehe, wird dadurch meine Selbstaufmerksamkeit erhöht. Es ist anstrengender die Perspektive weg von mir selbst auf meine Umwelt zu richten, also auf die anderen Personen, die an der Videokonferenz teilnehmen. Das macht müde.

Nonverbale Hinweisreize sind irreführend. Das macht Kommunikation anstrengend.

Ein klassischer Erklärungsansatz für die Wirkung medienbasierter Kommunikation ist die Idee der Reduced Social Cues.

In Videokonferenzen sind soziale Hinweisreize auf den ersten Blick vergleichbar mit Hinweisreizen in einer Face-to-Face-Kommunikation: Ich sehe Mimik und unter Einschränkungen auch die Gestik der anderen Personen. Neben verbalen Hinweisreizen (z. B. Sprachmelodie, Sprechgeschwindigkeit, Stimmfärbung) sind z. B. auch die Kleidung einer Person oder der Raum, in dem sich eine Person befindet, wichtige Hinweise.

Eine große Herausforderung ist aber der fehlende Blickkontakt, der für menschliche Kommunikation und das gegenseitige Verstehen sehr wichtig ist: Wenn mich eine andere Person anschaut, weiß ich, dass ihre Aufmerksamkeit auf mich gerichtet ist, sie mir zuhört und mich versteht.

Wenn der direkte Blickkontakt in einer Videokonferenz fehlt, kann das bedeuten, dass mein Gegenüber gerade nicht auf mich fokussiert ist, und mir ggf. gar nicht zuhört. Viel wahrscheinlicher ist: Die Kameraposition ist ungünstig gewählt. Es handelt sich also um ein technisches Problem. Anderes Beispiel: Wenn eine Person kritisch schaut, kann sich das auf den Inhalt des Gesprächs beziehen – oder in einem technischen Problem begründet sein, das die Person gerade versucht zu lösen.  

Das kann Zoom-Fatigue erzeugen. Ich muss ständig entscheiden, welche sozialen Hinweisreize relevant sind und welche in die Irre führen.

Wir sind weder hier noch da. Köper und Geist passen nicht zusammen.

Mit dem Begriff Embodied Cognition werden Konzepte in der Kognitionspsychologie beschrieben, die eine enge Verbindung von Kognition, Sensorik und Motorik annehmen. Vereinfacht gesprochen: Wir denken nicht nur mit dem Gehirn. Der ganze Körper ist an kognitiven Prozessen beteiligt. Auch die Umgebung, in der wir uns befinden, hat Einfluss auf kognitive Prozesse.

Wenn Sie mit Ihrem Team vor einer Pinnwand stehen und Ideen sammeln, werden Sie anders sprechen, denken und handeln, als wenn Sie einer Rednerin zuhören, die versucht, Sie mit einer PowerPoint-Präsentation zu überzeugen. Auch ob Sie am Schreibtisch sitzen, in der Kantine sind, in einem großen Meeting-Raum am Redner-Pult stehen, oder im schicken Büro Ihrer Chefin beeinflusst sie.  

In Zoom dagegen sitzen Sie am immer gleichen Schreibtisch – unabhängig davon in welcher Gesprächssituation Sie sich eigentlich befinden. Die virtuelle Situation passt nicht zur realen Situation, Ihr Körper ist wo anders, als Ihr Geist. Außerdem ist auch die virtuelle Situation oft nicht eindeutig: Der eine ist im Zug, die andere im Wohnzimmer, der nächste auf der Terrasse und die vierte Person im Büro.  

Meine Hypothese ist: Dieser Wiederspruch ist anstrengender, als ein Face-to-Face Meeting, in dem alle in der gleichen Situation sind und die äußere Situation einfacher in Übereinstimmung mit der inneren zu bringen ist.

Macht Zoom also müde?

In diesem Beitrage habe ich drei Hypothesen formuliert, wie Zoom-Fatigue entsteht. Beim Begriff Zoom-Fatigue handelt es sich nicht um ein wissenschaftlich fundiertes Konzept. Eine Reihe von Hypothesen können aber aus einer psychologischen Perspektive erklären, wie die Erschöpfung bei der Nutzung von Videokonferenzen entsteht.

Es gibt noch eine Reihe weitere Annahmen:

  • Zoom-Meetings sind weniger Aufwand, und weden deshalb oft schlechter vorbereitet.
  • Die technische Qualität von Video und Audio macht es anstrengender, einem Meeting zu folgen.
  • Es gibt mehr Ablenkung bei den anderen Teilnehmenden (z. B. im Hintergrund), was es schwer macht, auf den eigentlichen Inhalt zu fokussieren.
  • Insbesondere wenn Videokonferenzen zuhause im Home-Office stattfinden, ist es anstrengend, genügend Ruhe und Konzentration zu finden.
  • Videokonferenzen verführen zu Multitasking: Nebenher noch schnell E-Mails checken lenkt ab und macht ein Meeting anstrengender.

Wie sehen Lösungsmöglichkeiten für Zoom-Fatigue aus? Wichtigster Ansatz scheint mir, auch für Videokonferenzen Best-Practices zu sammeln, sich darüber austauschen und in Organisation oder im Team Richtlinien und soziale Normen für effiziente Videokonferenzen zu etablieren. Das diskutiere ich in einem der folgenden Beiträge.

Quellen

Sproull, L., & Kiesler, S. (1986). Reducing social context cues: Electronic mail in organizational communication. Management Science, 32(11), 1492-1512.

Duval, S., & Wicklund, R. A. (1972). A theory of objective self awareness.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.