Wissenstransfer mit Storytelling

Das Erfahrungswissen von Experten ist ein für Unternehmen sehr wertvolles, jedoch schwer fassbares Gut. Narrative Methoden eignen sich besonders gut für das Heben, Aufbereiten und Weitergeben von diesem implizit vorliegenden Erfahrungsschatz.

Download: wissens.blitz (74)

Wenn Experten das Unternehmen verlassen, können schnell schmerzhafte Wissenslücken für den Nachfolger oder sogar das gesamte Unternehmen entstehen. Daher sind Methoden zur Wissensbewahrung auf dem Vormarsch, die Unternehmen bei der Erfassung und Wiederverwendung von erfolgskritischem Wissen unterstützen. Hier spricht man insbesondere vom wertvollen Erfahrungswissen ausscheidender Experten, denn dieses Wissen  liefert Anhaltspunkte für das Unternehmen, wie der Experte schwierige Problemsituationen gelöst hat oder welche besonderen Herangehensweisen bzw. Abweichungen vom Standardvorgehen zum Erfolg führten. Allerdings stoßen gerade beim Thema Erfahrungswissen viele Wissensmanagement-Ansätze an ihre Grenzen, denn diese Art von Wissen lässt sich nicht einfach abfragen und dokumentieren, sondern steckt verborgen in den  Köpfen der Experten.

Erfahrungswissen – ein Buch mit sieben Siegeln

Erfahrungswissen hat hohe implizite Anteile, denn es ist im Handeln entstanden und zeigt sich erst in Form von kompetentem Handeln in komplexen Problemlösesituationen. Darüber hinaus ist sich der Experte seines großen   Wissensschatzes meist selbst nicht bewusst, vieles ist für ihn „selbstverständlich“ und schwer in Worte zu fassen. Folgende Analogie mag verdeutlichen, warum Erfahrungswissen mithilfe „klassischer“ Wissensmanagement-Ansätze meist nur mit großen Verlusten oder gar nicht erfasst und dokumentiert werden kann: Stellen Sie sich einen trüben Teich vor, in dem verschiedene Fischarten leben. Sie möchten gerne herausfinden, welche verschiedenen Arten in diesem Teich sind, also werfen Sie eine Angel mit einem Köder. Nach einer Weile werden Sie bestimmt den einen oder anderen Fisch herausziehen, doch werden Sie nie wissen, ob es nicht noch eine andere Fischart gibt, die Ihren Köder verschmäht. Genauso verhält es sich mit konkreten Fragen, die man Experten stellt: Jede Frage öffnet einen bestimmten Antwortraum, der die Grenzen aller möglichen Antworten vorgibt – das Wissen „links und rechts“ neben diesem Antwortraum aber geht verloren.

Wissenstransfer mit Storytelling

Storytelling, also die Arbeit mit Geschichten und Erzählungen, kann jenes verborgene implizite Erfahrungswissen in Worte und Bilder kleiden und so im Unternehmen verbreiten. Denn durch die offene Erzählsituation werden keine Antworträume vorgegeben, der Experte kann jene Situationen schildern, die ihm als besonders relevant in Erinnerung sind. Das Format „Erzählung“ bewahrt den Kontext, das „Drumherum“ an Informationen zu jenen Erlebnissen, in denen ein Experte sein Erfahrungswissen gesammelt hat. Erfahrungswissen kann also in narrativen Interviews in der Erfassungsphase des Storytelling-Ansatzes nach und nach in Worte bzw. Bilder gefasst werden. Nach einer auf sozialwissenschaftlichen  Analyse‐Methoden basierenden Auswertung der Gespräche nach den verborgenen Wissensstrukturen folgt die Aufbereitungsphase: Welche Form soll die Dokumentation des gesammelten Wissens annehmen, um wieder in das Unternehmen fließen zu können und dort genutzt zu werden?
Schließlich steht in der Verbreitungsphase folgende Frage im Vordergrund: Wie müssen die Wissensnehmer in den Wissenstransfer‐Prozess eingebunden werden, damit sie das Wissen des ausscheidenden Experten annehmen und nutzen können? Hier sind je nachdem, ob der Nachfolger bereits im Hause ist oder aber noch nicht benannt, verschiedene Maßnahmen sinnvoll, die aber immer einen gemeinsamen Kern haben: Das Schaffen von Möglichkeiten, gemeinsam mit Anderen über das erhobene Erfahrungswissen zu reflektieren und es in Form von Geschichten – weiter zu kommunizieren.
Literaturnachweis:
Erlach, C. (2011). Wissenstransfer mit Story Telling – das Potential narrativer Methoden bei Erfassung und Weitergabe von Erfahrungswissen. In: Reinhardt, R. (Hrsg.), Wirtschaftspsychologie und Organisationserfolg, (S.481 – 491). Lengerich: Pabst-Verlag.

Zitieren als: Erlach, C. (2012). Wissenstransfer mit Storytelling. wissens.blitz (74). http://www.wissendialoge.de/storytelling

4 Gedanken zu „Wissenstransfer mit Storytelling

  • 26. Juni 2012 um 14:07
    Permalink

    In wie weit unterscheidet sich Storytelling zur Sicherung von Erfahrungswissen von ausscheidenden Experten von informellen Gesprächen (z.B. in der Teeküche), die in (m.E. guten) Organisationen zur (guten) Kultur gehören?

    In diesen Gesprächen können die Beteiligten ebenfalls Ihr Erfahrungswissen weitergeben, unabhängig davon, wie lange sie noch in der Organisation tätig sein werden. Zum Beispiel können auch Berufsanfänger über ihre Erfahrungen sprechen und gemeinsam reflektieren.

    Sind solche Situationen — informelle Gespräche z.B. in der Teeküche — prinzipiell vergleichbar mit der Sicherung der Erfahrung von Experten? Würde man solche informellen Unterhaltungen auch strukturieren wollen? Gibt es hier Wege die Infrastruktur zu ändern, dass solche Gespräche ‚automatisch‘ leichter (über arbeitsrelevante Themen) stattfinden?

    Antwort
  • christine.erlach@narrata.de'
    27. Juni 2012 um 12:10
    Permalink

    Hallo Herr Wessel,

    vielen Dank für Ihr Kommentar und Ihre spannenden Fragen! Ich gebe Ihnen Recht, dass der informelle Austausch unter den Mitarbeitern, etwa in der Teeküche, ein enormes Potential für die Weitergabe von Erfahrungswissen hat. Wenn die Kommunikationskultur es „hergibt“, würde ich sogar sagen, dass der direkte Dialog im informellen Setting der Königsweg für Wissenstransfer ist.

    Den Unterschied zu solchen informellen Transfer-Sitationen und Storytelling als Management-Tool sehe ich bezüglich zweier Punkte:

    1.) Storytelling als Wissenstransfer-Tool kann – im Gegensatz zum informellen Austausch – eine Dokumentation des Erfahrungswissens liefern. Eine solche Dokumentation ist zwar nur ein recht schwacher Abglanz zu einem persönlichen Wissenstransfer zwischen „Alt“ und „Jung“, doch oft genug sind die Wissensnehmer (etwa die Nachfolger) im Unternehmen (noch) nicht verfügbar, so dass eine Sicherung des Wissens eines ausscheidenden Experten eine Notwendigkeit darstellt.

    2.) Storytelling ist ein auf den gleichen Grundprinzipien wie informelle Gespräche basierendes Management-Tool, das versucht, jene Faktoren, die in „guten“ Kulturen sowieso funktionieren, auf eine strukturierte und zielgerichtete Ebene zu bringen: in Unternehmen, in denen für Wissensteilung ungünstige kulturelle Werte dominieren, bringt dieses narrative Instrument nicht nur das bislang nicht erfasste Erfahrungswissen in den Dialog, sondern auch ebendiese hemmenden Werte. Die Mitarbeiter (und Führungskräfte) werden mit ihrer eigenen Wahrnehmung auf ihr Unternehmen konfrontiert und können so über die geltenden Werte und Normen reflektieren.

    Ich würde nicht versuchen wollen, die informellen Gespräche zu strukturieren, denn sie leben ja gerade von der Zufälligkeit, der Themen-Freiheit und Freiwilligkeit. Ich würde eher auch an der Infrastruktur ansetzen, um das Wissen zum Fließen zu bringen: wie das erhobene Wissen wieder zurück ins Unternehmen bringen, wie die Mitarbeiter in Dialogräume bringen, damit sie sich austauschen? Diese Fragen sind Teil des narrativen Ansatzes. Welche Antwort man dann mit dem Unternehmen findet, hängt allerdings sehr von den Gegebenheiten vor Ort ab.

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