Wie der Corona-Virus die Umsetzung von New Work fördert

Die Auswirkungen des Coronavirus auf Organisationen und Unternehmen in Europa werden größer. Messen und Veranstaltungen werden abgesagt, Abteilungen geschlossen, Menschen ins Homeoffice geschickt. Jenseits der Frage, ob diese Maßnahmen sinnvoll sind, ob sie angemessen sind oder welche rechtlichen Grundlagen es gibt, finde ich bemerkenswert: Der Virus wird zum Change-Beschleuniger mit Blick auf die Digitalisierung der Zusammenarbeit und New Work Konzepte.

Drei Beispiele:

  • Ein Trainingsanbieter, der Fremdsprachenunterricht in einer vom Virus betroffenen Region anbietet, darf wegen der Quarantäne-Regelungen keinen Präsenzunterricht mehr durchführen – und muss auf virtuelle Klassenzimmer umsteigen.
  • Die Downloads für die in China populären Apps WeChat und Dingtalk sind sprunghaft angestiegen. Ein Grund: Schülerinnen und Schüler werden per App unterrichtet, seit ganze Schulen geschlossen sind
  • Auf einmal werden Autos per Livestream vorgestellt, Pressegespräche finden per Videokonferenz statt, nachdem der Auto-Salon in Genf abgesagt wurde.

Es holpert an allen Ecken und Enden bei der erzwungenen Digitalisierung. Aber am Ende steht oft die Erkenntnis: Es klappt, und war eigentlich ganz okay. In diesem Beitrag fasse ich drei Themen zusammen, die der Virus plötzlich wieder auf die Agenda gebracht hat.

Daheim und vergessen. Wie können Homeoffice-Regelungen aussehen, die keine Notlösungen sind, sondern echten Mehrwert bringen?

Haben Mitarbeitende ein Recht auf Homeoffice? Gerade lautet die Frage eher: Können Unternehmen Ihre Mitarbeitende zum Homeoffice verpflichten? Die arbeitsrechtlichen Fragen z. B. mit Blick auf die Dokumentation der Arbeitszeit werden uns noch beschäftigen. Dennoch zeigt sich gerade, dass es funktioniert, wenn es funktionieren muss. Auf einmal arbeiten ganze Firmen (z. B. Twitter) oder die gesamte Vorstandetage von zu Hause aus. Damit ist Homeoffice nicht mehr nur eine Lösung für Start-ups, Kreative und Eltern mit kleinen Kindern – sondern wird zumindest zeitweise zu einem „normalen Arbeitsmodus“ und zwingt dazu, Zusammenarbeit und Kommunikation anzupassen.

Die Fragen sind jetzt nicht mehr auf Vor- und Nachteile von Homeoffice fokussiert, sondern auf die konkrete Gestaltung. Das ist eine große Chance.

Krank ist krank. Welchen Stellenwert hat die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Jetzt gilt nicht mehr: Ein motivierter Arbeitnehmer kommt auch mal krank zur Arbeit, wenn dringende Aufgaben anstehen, oder ein Projekt vorangebracht werden muss. Stattdessen gehört es in immer mehr Unternehmen zum guten Ton, zu Hause zu bleiben, wenn man krank ist. Erstens, um nicht noch mehr Kolleginnen und Kollegen anzustecken. Zweitens, um schnell wieder fit zu werden.

Auf einmal sind es nicht mehr nur halbherzig geführte Diskussionen zur Work-Life-Balance – oder zur Work-Life-Integration – sondern die Erkenntnis: Ohne gesunde Mitarbeiter läuft gar nichts.

Ich sehe noch einen zweiten Aspekt, der weder arbeitsrechtlich noch mit Blick auf die Kultur in Organisationen geklärt ist: Was ist, wenn ich „halb krank“ bin? Also zu krank, um eine Präsentation beim Kunden zu halten, aber fit genug, um dabei zu helfen sie vorzubereiten und aktuelle Zahlen zu liefern. Wie können Unternehmen und Organisationen bei der Organisation von Arbeit flexibel und gleichzeitig am Menschen orientiert sein.

Virtuell statt nur dabei. Wann sind virtuelle Besprechungen als Alternative zu aufwendigen und kostenintensiven Treffen vor Ort möglich?

Konferenzen, Messen und Besprechungen werden abgesagt: Und alle sind zufrieden und arbeiten stattdessen produktiv und konzentriert. Was wäre, wenn virtuell, Standard wäre? Manches funktioniert leichter Face-to-Face. Dennoch scheinen alle Diskussion zu diesem Thema geführt zu sein. Mein Eindruck: Wenn eine virtuelle Besprechung nicht funktioniert, schreiben wir das oft der Tatsache zu, dass wir uns nicht „wirklich“ getroffen haben. Wie viele unproduktive Face-to-Face-Besprechungen haben Sie in Ihrem Berufsleben geführt? Wie eine Besprechung aussehen soll, welches Ziel verfolgt werden soll, wer moderiert, ob die richtigen Menschen teilnehmen, ob die Vorbereitung stimmt – diese Fragen gelten digital und analog in gleicher Weise.

Die Virtualisierung von Besprechungen kann zu einer angepassten Besprechungskultur führen. Weil der Aufwand geringer ist, können virtuelle Besprechungen kürzer und regelmäßiger stattfinden. Und Sie können befreit werden von Selbstdarstellung, Ego-Trips und Teilnehmenden, die gar nicht bei der Sache sind. Probieren Sie es aus!

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Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.