Verdienst du noch oder lebst du schon?

Manchen Menschen fällt es schwer, mit der Arbeit aufzuhören. Auch wenn sie bei ihrer Arbeit bereits mehr verdient haben, als sie ausgeben können, arbeiten viele weiterhin fleißig weiter. Neigen Menschen womöglich dazu, „zu viel“ zu verdienen – also auf Freizeit zu verzichten und mehr zu arbeiten bzw. zu verdienen, als sie eigentlich bräuchten? Und wie wirkt sich das darauf aus, wie glücklich sie sich fühlen?

Wie viel Geld Menschen als ausreichend und was sie als Glück empfinden, ist schwer objektiv zu quantifizieren. Aus diesem Grund ist es gar nicht so einfach, diese Fragen zu beforschen.

Zudem gibt es im Alltag jenseits des Gehalts viele andere Gründe, um zu arbeiten – wie beispielsweise die Freude an der Arbeit oder auch den Wunsch, dadurch zum Wohle anderer beizutragen.

Wenn diese letzteren Gründe aber ausgeschlossen werden können – neigen Menschen vielleicht dennoch dazu, mehr zu arbeiten, als nötig wäre? Die Forschenden Christopher K. Hsee et al. (2013) gingen dieser Frage nach. Sie entwickelten dazu ein minimalistisches Paradigma, um diese Tendenz des „Überverdienens“ (engl. overearning) im Labor erfassen zu können.

Sie fanden heraus: Tatsächlich neigen Menschen dazu, zu viel zu verdienen – also mehr, als sie realistisch verbrauchen können – auf Kosten dessen, wie glücklich sie sich nachher fühlen. Diese Tendenz lässt sich dadurch erklären, dass Menschen unbedacht so lange weiterarbeiten, bis sie müde und erschöpft sind – anstatt (nur) so lange, bis sie genug verdient haben. Doch es gibt auch Wege, dem entgegenzuwirken, worauf ich später eingehe.

Die Forschenden führten drei Studien durch, bei denen die Teilnehmenden unter kontrollierten Bedingungen so viel oder wenig Schokolade (Studien 1 und 3) bzw. Witze (Studie 2) verdienen konnten, wie sie wollten – jeweils mit dem gegebenen Ziel, sich selbst in der Studie „so glücklich wie möglich zu machen“.

Immer mehr verdienen oder es ruhig angehen lassen? Die „Schokoladenstudie“

In Studie 1 konnten sie dafür (1) so viele Schokoriegel verdienen, wie sie möchten und danach (2) so viele dieser Schokoriegel essen, wie sie möchten.

  • In Phase 1 (5 min) konnten sie sich entspannen und Musik hören (als „Freizeit“) oder eine Taste am Computer zu drücken, um die Musik zu unterbrechen und einen unangenehmen Ton zu hören (als „Arbeitsbeschäftigung“).
  • Für eine bestimmte Anzahl an Arbeitsbeschäftigungen (es gab dabei eine Bedingung mit je hohem und niedrigem Verdienst) erhielten sie einen Schokoriegel. Sie hatten hier also die Wahl zwischen Arbeit und Freizeit.
  • In Phase 2 (5 min) konnten sie die „Früchte“ ihrer Arbeit genießen und so viele ihrer Schokoriegel essen, wie sie wollten. Allerdings mussten sie alle Schokoriegel, die sie nicht aßen, im Labor zurücklassen.

Ein Überverdienen würde sich hier zeigen, wenn Personen zusätzlichen Lärm (Töne) aushalten, um mehr Schokolade zu verdienen, als sie später konsumieren. Tatsächlich zeigte sich: Die Teilnehmenden verdienten sich weit mehr Schokolade, als sie später essen konnten oder wollten. Sie tendierten also zum „Überverdienen“ und verzichteten freiwillig auf die Musik, um zu „arbeiten“ und Schokolade zu verdienen – mehr als sie selbst essen konnten.

Im Szenario mit hohem Verdienst (hier verdienten sie sich 1 Schokoriegel für 20 unangenehme Töne) sammelten sie im Durchschnitt freiwillig fast 11 Schokoriegel, verzehrten aber nur etwa 4. Im Szenario mit niedrigem Verdienst (hier verdienten sie 1 Schokoriegel für 120 unangenehme Töne) verdienten sie im Durchschnitt nur etwa zweieinhalb Schokoriegel und konsumierten etwa anderthalb Riegel. Somit „überverdienten“ sie bei hohen noch mehr als bei niedrigen Verdienstraten.

Vorher Nachdenken, wie viel man verdienen möchte, hilft: Die „Witzestudie“

Oft denken Menschen vielleicht gar nicht über die Folgen nach, wenn sie mehr verdienen, als sie brauchen. Studie 2 sollte herausfinden, ob Menschen auch dann übermäßig viel ansammeln, wenn man sie bittet, vorher darüber nachzudenken, wie viel sie im Idealfall verdienen möchten.

  • Hier wurden Witze anstelle von Schokolade verwendet. Je mehr Witze sie in Phase 1 (wieder durch das Anhören eines unangenehmen Tons) verdienten, desto weniger Zeit hatten sie in Phase 2, um diese Witze zu genießen, die am Ende auf einem Computerbildschirm angezeigt wurden.
  • Überverdienen schadete hier also ihrer Möglichkeit, die Witze später in Ruhe zu genießen.
  • Die Forschenden baten zuvor die eine Hälfte der Teilnehmenden zu überlegen, wie viele Witze sie gerne für Phase 2 sammeln wollten. Diese Teilnehmenden hörten tatsächlich in Phase 2 spontan auf Witze zu sammeln, wenn sie diesen selbst festgelegten Punkt erreicht hatten.
  • Die andere Hälfte der Teilnehmenden wurde nicht um eine Vorhersage gebeten und sie neigten dazu, wie in Studie 1 unbedacht mehr Witze zu sammeln, als sie lesen und genießen konnten; zudem berichteten sie am Ende der Studie, weniger glücklich zu sein.

Vorher darüber nachzudenken, wie viel sie optimal verdienen wollten, schien den Teilnehmenden also zu helfen, auch wirklich mit dem „Arbeiten“ aufzuhören, sobald sie dieses optimale Level erreicht hatten (also das Überverdienen zu verhindern) und sich später glücklicher zu fühlen.

  • Studie 3 zeigte, dass auch eine festgelegte Obergrenze für den Verdienst (hier: Man kann nur 12 Schokoriegel verdienen; danach kann man weiterarbeiten und Töne anhören, verdient aber keine Schokoriegel mehr) ähnlich positive Effekte hat: Personen, die eine solche Obergrenze erhielten, hörten früher auf, Schokoriegel zu verdienen und waren nach der Studie glücklicher im Vergleich zu Personen, die keine Obergrenze erhielten.

Ein erstes Fazit:

Wie eingangs erwähnt gibt es neben materiellen Gütern viele andere Gründe, um (mehr) zu arbeiten, die hier nicht im Fokus standen. Klar ist auch, dass Schokolade und Witze nicht dem realen Verdienst in der Arbeitswelt gleichzusetzen sind. Darüber hinaus illustrieren die Ergebnisse jedoch eine Tendenz, die sich auch in Ergebnissen zum Überkonsum von Lebensmitteln zeigt: Dass wir (die nötigen Mittel vorausgesetzt) an manchen Stellen dazu neigen, mehr zu kaufen bzw. hier zu arbeiten & zu verdienen, als wir eigentlich bräuchten.

Wie die Forschenden argumentieren, kann auch das Überverdienen mit möglichen Kosten einhergehen: Viel zu arbeiten und wenig Freizeit zu nutzen, kann zu Erschöpfung führen, Leistungsdruck unter Kolleg*innen schaffen und wertvolle Zeit im privaten Umfeld kosten. Auf Basis dieser Befunde ist es also vielleicht keine schlechte Idee, für sich selbst über das optimale Maß an Gütern nachzudenken und danach auch Freizeit und Erholungspausen Zeit einzuräumen.

Zum Artikel: Hsee, C. K., Zhang, J., Cai, C. F., & Zhang, S. (2013). Overearning. Psychological Science, 24, 852-859. https://doi.org/10.1177/0956797612464785

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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