Altes Brot oder die Kunst, produktiv zu prokrastinieren

Ich bin ein gewissenhafter Mensch. Wenn ich frisches Brot kaufe, zu Hause aber noch ein Rest altes Brot da liegt, dann esse ich zuerst das alte Brot, bevor ich mir das frische gönne.

Ähnlich geht es mir manchmal mit Arbeitsaufgaben: wenn ich mir vornehme, eine Aufgabe zuerst „hinter mich zu bringen“, habe ich häufig Lust, eine andere Aufgabe anzugehen. So hatte ich im Studium zu Zeiten, in denen ich mich auf Prüfungen vorbereiten musste, bombastisch Lust, Blumen umzutopfen. Dabei mag ich Blumen umtopfen gar nicht! Sobald die Prüfung hinter mich gebracht war, kam ich nicht mehr auf die Idee, die Blumen umzutopfen.

Irgendwann fiel mir auf, dass ich auf diese Art NUR altes Brot esse, denn meistens war das frische Brot auch wieder einen Tag alt, bevor ich dazu kam, es anzuschneiden. Genauso kommt mir, wenn ich gewissenhaft die erste Aufgabe abgearbeitet habe, die zweite häufig wie altes Brot vor und der Reiz, den die Aufgabe auf mich hatte, ist wie weggeflogen. Und wenn ich mich selbst nicht überlistet hätte, würden meine armen Pflanzen noch immer in viel zu kleinen Töpfen vegetieren.

Was hat meine unschuldigen Blumen gerettet? Ich habe mich selbst für das Lernen mit Blumen umtopfen belohnt. Erst habe ich einen halben Tag gelernt, dann habe ich in der Mittagspause Erde und Töpfe besorgt. Am Feierabend habe ich den ersten Kübel umgetopft, am nächsten Tag den zweiten und so weiter. Am Ende hatte ich mich auf die Prüfung vorbereitet UND umgetopfte Blumen. Ich habe nichts anderes getan als die große Lust auf die Aufgabe, die eigentlich nicht dran war, zu nutzen, und die Sache hat richtig viel Schwung entwickelt.

Strukturierte Prokrastination

Diese Art der Selbst-Überlistung hat Ähnlichkeit hat mit der sogenannten „strukturierten Prokrastination“. Mit Prokrastination bezeichnet man das Verhalten, eine wichtige Tätigkeit bis auf den letzten Drücker aufzuschieben und dann mit sehr limitierten Ressourcen zu erledigen, wenn man der Aufgabe überhaupt nicht mehr aus dem Weg gehen kann. Ein klassisches Beispiel ist das Fertigstellen der Abschlussarbeit in der Nacht vor dem Abgabetermin. Das Problem ist dabei natürlich, dass die Leistung deutlich unter ihrem Potential bleibt.

John Perry (Philosophieprofessor an der Universität Stanford) hat stattdessen eine Strategie beschrieben, in der Prokrastinierende trotzdem produktiv sind. Er nutzt den Begriff „strukturiertes Prokrastinieren“ dafür, wenn man zwar wichtige Aufgaben aufschiebt, in der Zwischenzeit aber jede Menge andere nützliche Tätigkeiten ausübt. Auf diese Weise kann Prokrastinieren manchmal sogar produktiver sein als das gewissenhafte Abarbeiten der vorgenommenen Tätigkeiten: während die eigentliche Aufgabe zwar etwas leidet, ist man „nebenher“ sehr produktiv. Ich vermute, besonders begabte Prokrastinierende haben blühende Paradiesgärten – es sei denn, das Gärtnern hätte allererste Priorität.

Perry empfiehlt dem klugen strukturierten Prokrastinierer oder der Prokrastiniererin, eine Liste mit Tätigkeiten zu machen, bei denen die wichtigste oben steht und nach und nach die Wichtigkeit und Dringlichkeit abnimmt. Für Prokrastinierende wirkt die oberste Aufgabe wie ein rotes Tuch auf den Stier. Wenn man aber, statt Bleistifte zu spitzen, das Bücherregel farblich zu sortieren oder die Plattensammlung alphabetisch zu ordnen seine Kraft einfach einer der nächsten Tätigkeiten auf der Liste zuwendet, kann man sehr effektiv sein! Perry gibt zu, dass die erste Aufgabe ggf. darunter leidet, nicht (rechtzeitig) ausgeführt zu werden. Deshalb eignen sich besonders Aufgaben, deren Deadlines nur auf den ersten Blick strikt und unveränderlich wirken, die aber nicht ganz so wichtig oder dringend sind, wie sie scheinen. Ist eine solche Aufgabe erstmal aufgeschoben, und man hat sich intensiv mit einer anderen wichtigen Aufgabe „abgelenkt“, könnte die erste Aufgabe wieder attraktiv werden. Vor allem dann, wenn eine neue, noch wichtigere und dringendere Aufgabe auf der Liste erscheint, entfaltet die ursprünglich erste Aufgabe plötzlich ihren Reiz für die strukturierten Prokrastinierer:innen.

Häppchenweise Prokrastination

Perrys Ideen sind leider (meines Wissens) nicht empirisch getestet – außer durch mich! Ich habe seine Strategie, streng gesehen, sogar noch weiterentwickelt, denn ich habe ja nicht erst Blumen umgetopft und danach die Prüfung vorbereitet, sondern die wichtige Prüfungsvorbereitung durch die weniger wichtige Aufgabe unterbrochen. Ich möchte diese Strategie „häppchenweise Prokrastination“ nennen und am liebsten mal damit reich und berühmt werden. Der Unterschied zwischen klassischer oder strukturierter Prokrastination und meiner Prokrastination ist, dass man wichtige Aufgaben eben NICHT erst zum Schluss unter Zeitdruck und mit abgespeckten Ressourcen erledigt. Bei wichtigen Aufgaben, bei der die Leistung einfach nicht leiden darf, ist der Trick, die Unterbrechungen tatsächlich nur als Häppchen zu genießen, nicht als tagesfüllende Tätigkeit. Die Abwechslung durch die Sache, die einem in dem Moment unwiderstehlich erscheint, sollte so erfrischend sein und auch nur ebenso lange dauern wie eine gute Pause oder ein erholsamer Feierabend nach getaner Arbeit. Machen Sie also intelligente Pausen und tun das, worauf Sie plötzlich Lust haben. Achten Sie einfach darauf, die Sache in angenehme kleine Arbeitspäckchen zu teilen und diese bewusst als Pause zu genießen.

Wann welche Prokrastination?

Was man für strukturierte oder auch häppchenweise Prokrastination können muss, ist die Unterscheidung zwischen wirklich wichtigen Aufgaben und denen, die ein bisschen Prokrastination vertragen. Wenn die erste Aufgabe wichtig, nicht zu verschieben und nicht zu delegieren ist, dann prokrastinieren Sie häppchenweise als Pause. Das Schöne bei der häppchenweisen Prokrastination ist, dass man nicht mal eine Tätigkeit von den oberen Rängen der To-do-Liste zu machen braucht. Man kann getrost genau das tun, was Lust macht.

Wenn aber die erste Aufgabe vielleicht gar nicht wichtiger ist als die zweite, dann können Sie strukturiert prokrastinieren: drehen Sie die Aufgaben einfach um! Verschieben Sie, wenn es geht, die Deadline, suchen Sie sich Hilfe bei der ersten Aufgabe, um sie auch auf den letzten Drücker gut zu erledigen, delegieren Sie oder machen Sie die Sache einfach mal nicht 100%! Nutzen Sie stattdessen den Schwung und den Elan, der Sie just in diesem Moment zur zweiten Aufgabe zieht. Aber Achtung! Beim strukturierten Prokrastinieren muss man erkennen, ob die alternative Aufgabe auch wirklich einen der oberen Plätze auf der To-do-Liste einnimmt, denn sonst landet man im echten Prokrastinieren und hat, außer angespitzte Bleistifte und schön sortierte Plattensammlungen, am Ende nicht viel vorzuweisen.  

Wo es möglich ist, finde ich, sollte man Brot essen, solange es frisch ist. Wenn das alte Brot wirklich von Ihnen gegessen werden muss, dann runter damit! Gemischt mit Häppchen von frischem Brot wird es leichter. Und wenn nicht: Schneiden Sie getrost das frische Brot auf! Machen Sie aus dem alten Brot einfach Knödel oder pimpen Sie es als später als Toast Hawaii auf.


Literatur: Perry, J. (1996). How to procrastinate and still get things done. http://www.chronicle.com/article/How-to-ProcrastinateStill/93959