Fünf Leitlinien für ein „Sinn-volles“, erfülltes Berufsleben

Fragen Sie sich manchmal, ob Sie im richtigen Beruf sind oder überhaupt die richtige Ausbildung gemacht haben? Ob Sie Ihr volles Potenzial leben? Ob Sie in Ihrem Unternehmen optimal eingesetzt sind oder ob Sie eigentlich lieber andere Dinge tun würden? Hier sind einige Impulse für mehr Klarheit.

Immer wieder spreche ich mit sehr erfolgreichen Menschen auf unterschiedlichen Karrierestufen und in unterschiedlichen Altersgruppen, die sich fragen: Wozu das alles? Ist es wirklich das, was ich mit meinem Leben anfangen möchte? Ich habe den Eindruck, dass das gerade bei Leuten der Fall ist, die sehr gut in ihrem Job sind und Schritt für Schritt immer neue Angebote bekommen haben, die sie nur schwer ablehnen konnten. Und nun haben sie das Gefühl, sie haben zu viel investiert um das alles leichtfertig aufzugeben. Trotzdem merken sie, dass etwas fehlt oder sie „eigentlich etwas Anderes machen“ möchten.

Basierend auf vielen Forschungsergebnissen und Gesprächen mit Führungskräften bin ich der Meinung, Menschen sind beruflich zufriedener und letztlich auch erfolgreicher, wenn sie das Gefühl haben, ihr Leben ist „Sinn-voll“. Das bedeutet dabei meist, dass sie etwas zu tun, das für sie wirklich einen Nutzen stiftet und sie in der Welt mit ihren Stärken und Interessen wirksam werden.

Vor einigen Wochen habe ich auf einer Konferenz eine Podiumsdiskussion mit der sehr inspirierenden, erfolgreichen Sozialforscherin Dolly Chugh besucht, die sich erst relativ spät für eine akademische Laufbahn entschieden hat. Am Podium erzählte Prof. Chugh von ihrer eigenen Entscheidung, nach einer erfolgreichen Karriere in der Wirtschaft ein PhD-Studium zu beginnen. Aus ihren eigenen Lebensentscheidungen hat sie für sich fünf Leitlinien abgeleitet, um wichtige Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen, die sie anhand des Themas „Wissenschaft oder Wirtschaft“ kurz beschrieben hat. Ich fand die Leitlinien sehr hilfreich und denke, sie lassen sich auf viele weitere Fragestellunten übertragen – nicht nur für berufliche Entscheidungen, sondern auch für allgemeinere Lebenssituationen.

Höchster und bestmöglicher Nutzen

Die aus meiner Sicht wichtigste aber gleichzeitig wohl auch schwierigste der fünf Leitlinien ist für mich, sich der Frage nach dem eigenen „höchsten und bestmöglichsten Nutzen“ zu stellen – letztlich ist das die Frage nach dem Sinn des eigenen (Berufs-)Lebens:

  • Was ist mir wirklich wichtig – im Leben, für die Gesellschaft, für die Welt…? Hier wird die Antwort für jede Person unterschiedlich sein (z.B., Entwicklung von technologischen Innovationen, Krankenpflege, Umweltschutz, …)
  • Wie kann ich selbst bestmöglich dazu beitragen, dass diese Dinge, die mir wichtig sind, erreicht und umgesetzt werden? Das hängt natürlich von den eigenen Stärken ab, aber dazu gehören auch Fragen wie: Bin ich an einer Stelle, an der ich wirklich auch wirksam werden kann?
  • In wieweit passt das, was ich bereits jetzt tue zu dem, was eigentlich mein höchster und bester Nutzen wäre?

„Neid-Test“

Neben der Frage, was denn persönlich „Sinn-voll“ und wichtig ist, berücksichtigt das zweite Prinzip, der „Neid-Test“, den Aspekt der Freude an der Arbeit. Dabei kann ein Gefühl von (positivem) Neid eine gute Richtschnur sein:

  • Wen beneide ich wirklich um seine Tätigkeit? Mit wem würde ich gerne tauschen?

Die Antwort auf diese Frage ist ein Trick, um eine neue Perspektive einzunehmen und herauszufinden:

  • Was macht mir am meisten Freude? Was tue ich am liebsten? Was würde ich eigentlich gerne tun?

Dieser „Neid-Test“ war es letztlich, der Dolly Chugh gezeigt hat, dass sie wirklich gerne Professorin sein möchte.

Minimieren von Bereuen

Ein dazugehöriger Aspekt ist das „Minimieren von Bereuen“ (auf Englisch etwas weniger sperrig „regret minimization“). Wenn mehrere Alternativen zur Wahl stehen, hilft es möglicherweise, sich vor dem Hintergrund der beiden anderen Punkte (höchster, bestmöglicher Nutzen und „Neid“) zu fragen: Was würde ich weniger bereuen? Zum Beispiel,

  • Würde ich eher bereuen, es zu versuchen und zu scheitern oder es nicht zu versuchen?
  • Würde ich eher bereuen, vielleicht nie wieder in meinen derzeitigen Job zurück zu können oder nie etwas anderes versucht zu haben?

Sowohl – als auch

Manchmal steht man vor mehreren Alternativen und sieht nur die Möglichkeit, eines davon zu wählen und das andere sein zu lassen: Führung ODER Teilzeit, Beratung ODER Unternehmensgründung, Erfolg im Beruf ODER Auszeit. Etc. Manchmal stimmt es nicht, dass sich die Alternative ausschließen. Es wird nicht immer gelingen, beide (bzw. alle) Aspekte im vollen Umfang zu erfüllen. Aber in vielen Fällen hilft ein Perspektivenwechsel dabei, neue Möglichkeiten zu finden:

  • Welche Möglichkeiten gibt es, BEIDES/ALLES zu verbinden?
  • Wie könnte ein Sowohl-als auch aussehen?

Nur weil es bisher noch niemand gemacht hat, heißt das noch nicht, dass es nicht möglich ist.

Zentrale Identität

Die letzte Leitlinie – „zentrale Identität“ –  hilft dann wieder, zu priorisieren. Wenn man für sich eine Nische gefunden hat oder mehrere Aspekte in seinem Berufsleben integriert, die traditionell eigentlich nicht unbedingt vereinbar sind, ist es gut trotzdem für sich selbst viel Klarheit darüber zu haben, was davon das Wichtigste ist und „wer“ man eigentlich ist:

  • Was ist meine zentrale Identität? Wenn mich wer fragt, was ich mache – welche Antwort gebe ich? Bzw. welche Antwort würde ich am liebsten geben?
  • Stimmen meine Tätigkeiten und der Umfang in denen ich sie ausführe mit meiner zentralen Identität überein?

Fazit

Dolly Chugh’s Leitlinien kann man nicht einfach schnell „im Vorbeigehen“ abarbeiten und weiß dann, was man tun soll. Sie erfordern eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Lebenszielen. Lässt man sich aber darauf ein und nimmt die Impulse ernst, können sie einem dabei helfen, sein Berufsleben „Sinn-voll“ und erfüllend zu gestalten.

Barbara Kump

Barbara Kump ist Professorin für Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Wien, Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen, Organisationsentwicklung, sowie Wissensprozesse in Zusammenhang mit Veränderung.

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