„Sorry, mein Fehler“: Warum es sich lohnen kann, Fehler zuzugeben

Stellen Sie sich vor, Sie diskutieren mit einer Kollegin darüber, welchen Wunsch genau Ihr Kunde geäußert hatte. Sie sind felsenfest überzeugt, dass Sie seine Wünsche richtig erinnern. Doch dann stellt sich heraus: Ihre Kollegin liegt richtig und der Kunde hat tatsächlich einen anderen Wunsch geäußert. Wie würden Sie reagieren? Geben Sie offen zu, dass Sie falsch lagen, oder nicht? Tatsächlich können die Folgen eines solchen Eingeständnisses positiver für uns sein, als wir vielleicht denken.

Möglicherweise kennen Sie Situationen wie die oben genannte: Zum Beispiel, wenn es um Gespräche über vereinbarte Termine geht (Findet das Meeting diese oder nächste Woche statt?), um bereits verschickte Informationen an TeamkollegInnen (Hatte ich dir nicht diesen Plan geschickt?) oder auch ganz andere Themen (z.B. Wer hat nochmal das letzte Mal das Abspülen in der Teeküche übernommen?). Wenn sich in solchen Situationen herausstellt, dass unsere Annahme falsch ist, können wir wählen, ob wir dies zugeben oder nicht.

Unangenehme Folgen, die wir erwarten könnten

Zuzugeben, dass man mit der eigenen Annahme falsch lag, fühlt sich häufig unangenehm an. In solchen Situationen sind wir vielleicht versucht, die Fakten zu ignorieren und zu überspielen, dass wir falsch lagen – um unser Gesicht nicht zu verlieren und nicht inkompetent zu wirken.

Aber hat das Eingeständnis, dass wir falsch lagen, wirklich negative Folgen? Und fällt es manchen Menschen leichter, ihre falschen Annahmen einzugestehen? Da diese Themen noch wenig erforscht sind, gingen Adam Fetterman und seine KollegInnen diesen Fragen nach. Diese Forschung stelle ich im Folgenden kurz vor:

Zugeben, dass man falsch lag: Was bedeutet das?

Ein solches Eingeständnis („oh, da lag ich wohl falsch“) beinhaltet per Definition zwei Komponenten: Zum einen muss die Faktenlage eindeutig zeigen, dass die eigene Annahme falsch war – z.B. was eine Absprache, einen Termin oder eine Information angeht. Es geht also um klare Fakten und nicht um Inhalte, die noch ungeklärt sind (und auch nicht z.B. um unfreundliches Handeln anderen Menschen gegenüber, was in der Forschung eher in Form von Entschuldigungen untersucht wird). Zum anderen gesteht der/die Betreffende hier vor anderen ein, dass er/sie falsch lag.

Positive Folgen, wenn wir falsche Annahmen eingestehen

Oft versuchen wir Situationen zu vermeiden, in denen wir dies offen zugeben müssen. Allerdings zeigt die Forschung: ZuhörerInnen haben häufig einen besseren Eindruck von jemandem, der/die offen zugibt, dass er/sie falsch lag – sei es in einer Facebook-Gruppe, als Führungskraft unter Mitarbeitenden, als ProfessorIn in der Vorlesung oder auch als ForscherIn in der Wissenschaft. Tatsächlich wurde zum Beispiel eine Person (z.B. Führungskraft), die ihre falschen Annahmen offen zugab (statt dies nicht zu tun), im Anschluss als freundlicher und als kompetenter wahrgenommen. Womöglich überschätzen wir also die negativen Folgen und es könnte sich lohnen, falsche Annahmen zuzugeben.

Fällt das Zugeben manchen Menschen leichter?

Persönliche Merkmale können vorhersagen, wie leicht es uns fällt, unsere falschen Annahmen zuzugeben. Beispielsweise fanden die ForscherInnen über Studien hinweg, dass ein solches Eingeständnis denjenigen leichter fällt, die sozial verträglicher sind (z.B. sich generell sehr gut mit anderen Menschen verstehen), die häufiger ehrlich, bescheiden und fair handeln und denjenigen, die eine Macht- oder Führungsrolle eher als Verantwortung (statt Gelegenheit) wahrnehmen.

Fazit:

Zuzugeben, dass wir falsch lagen, hat weniger negative – und sogar eher positive – Folgen, als womöglich befürchtet. Manchen Personen fällt dies womöglich leichter als anderen. Die genauen Umstände gilt es hier weiter zu erforschen. Festzuhalten ist jedoch: Um kompetent und freundlich auf andere zu wirken, kann es sich womöglich lohnen, fehlerhafte Annahmen nicht zu leugnen – sondern sie offenzulegen, mit den Schultern zu zucken und sich auch einmal von der „Gegenseite“ überzeugen zu lassen. Aus meiner Sicht kann dies ermutigend sein, zum Beispiel in der Zusammenarbeit im Team; denn, mal ehrlich, vermutlich wird keine/r von uns wirklich immer richtig liegen.

Literatur:
Fetterman, A. K., Curtis, S., Carre, J., & Sassenberg, K. (2019). On the willingness to admit wrongness: Validation of a new measure and an exploration of its correlates. Personality and Individual Differences, 138, 193-202. https://dx.doi.org/10.1016/j.paid.2018.10.002

Fetterman, A., & Sassenberg, K. (2015). The reputational consequences of failed replications and wrongness admission among scientists. PLoS ONE, 10, e0143723. https://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0143723

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.