Wir sind exzellent – und (nicht) gestresst?

Gerade erst wurden 11 Universitäten der „Exzellenzstatus“ verliehen und auch in der Arbeitswelt betonen viele Organisationen die Exzellenz oder Premiumqualität ihrer Leistungen. Mit einem solchen Status gehen viele Vorteile einher. Doch wie wirkt sich diese Betonung von „Exzellenz“ auf Mitarbeitende aus – motivierend oder auch manchmal als Leistungsdruck?

Wie „Exzellenz“ wirken kann

Um offiziell den Status „exzellent“ zu erreichen, ist einiges an Vorbereitung und Aufwand nötig – daher sind die Freude und der Stolz über den erfolgreichen Erhalt eines solchen Status meist groß. In der Tat bringt „Exzellenz“ zahlreiche Vorteile mit sich. Ein solcher Status bedeutet eine Auszeichnung, die Mitarbeitende stolz machen könnte, wichtige Ressourcen (z.B. Fördermittel und Arbeitsplätze) zur Arbeitserleichterung mit sich bringt und dazu anspornen kann, sich zu engagieren.

Darüber hinaus ist denkbar, dass hiermit auch innerhalb einer Organisation oder Universität der Fokus vermehrt auf „Exzellenz“ gelenkt wird – z.B. auf exzellente, herausragende Leistung der Mitarbeitenden. Dies könnte Nebenwirkungen haben, wie z.B. beim manchen Mitarbeitenden Stress und Leistungsdruck auslösen.

In einer ersten Studienreihe haben meine Kollegen Kai Sassenberg,  Stefan Pfattheicher und ich uns dies bei Studierenden einer (Exzellenz-) Universität angesehen. Uns interessierte:

(1)   Nehmen Studierende womöglich Erwartungen (d.h. Normen) von Seiten ihrer Universität wahr, dass sie exzellente Leistungen erbringen sollten?

(2)   Geht eine solche Wahrnehmung von „Exzellenznormen“ mit mehr Stress einher und

(3)   Kann die Identifikation mit der Universität (also das Zugehörigkeitsgefühl) diesen Stress abmildern?

Wie Normen Stress beeinflussen könnten

Normen beschreiben Erwartungen und Richtlinien, wie sich Mitglieder eines Teams oder einer Organisation typischerweise verhalten (sollten). Normen können z.B. den Dress-Code oder Pausen- und Anwesenheitszeiten von Mitarbeitenden betreffen. In unserem Fall interessierte uns, wie sehr Studierende von Seiten ihrer Universität wahrnehmen, dass sie herausragende Leistung zeigen sollten.

Die Stressforschung legt nahe, dass solche Normen als Anforderungen bewertet werden und deshalb Stress auslösen können. Tatsächlich zeigten frühere Befunde: Je mehr Mitarbeitende die Norm wahrnehmen, dass sie höchste Leistung erbringen sollten (z.B. Produktivität, Engagement und Anwesenheit), desto mehr Stress berichten sie – allerdings war dies nicht der Fall, wenn ihre Organisation gleichzeitig auch die Norm eines respektvollen und wertschätzenden Umgangs mit Mitarbeitenden betonte (Hammer und Kollegen, 2004).

Identifikation mit der Organisation wirkt als Stresspuffer

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend zeigten unsere Ergebnisse in zwei Studien: Je mehr Exzellenznormen die Studierenden von Seiten ihrer Universität wahrnahmen, desto mehr momentanen Stress berichteten sie: So schienen sie z.B. gereizter zu sein und mehr Symptome wie Herzrasen, Kopfschmerzen oder Angst zu erleben.

Allerdings berichteten sie nur dann mehr Stress durch Exzellenznormen, wenn sie sich wenig mit ihrer Universität identifizierten — wenn sie sich hingegen stark mit ihrer Universität identifizierten, war das Ausmaß an Exzellenznormen weniger bedeutsam und sie erlebten dadurch nicht mehr Stress.

Das Zugehörigkeitsgefühl zur Universität schien somit – ähnlich wie die o.g. Normen zum respektvollen Umgang – als eine Art „Stresspuffer“ zu wirken. Warum ist das so? Wenn Personen sich stark mit ihrer Organisation identifizieren, nehmen sie deren Normen oftmals als ihre eigenen Standards an – sie sind somit (internal) motivierter, diese Normen zu erfüllen, und bewerten diese Normen womöglich weniger als Druck von außen. Das wiederum geht mit weniger Stress einher.

Was bedeutet dies für den Umgang mit „Exzellenz“?

„Exzellenz“ ist mit zahlreichen Vorteilen verbunden – doch wie diese Studien zeigen, kann mit dem Fokus auf exzellente Leistung u.U. auch Leistungsdruck einhergehen. Im Bildungskontext könnte es demnach hilfreich sein, die mit „Exzellenz“ verbundenen Möglichkeiten stärker in den Vordergrund zu rücken oder aber sicherzustellen, dass sich Studierende ausreichend zur Universität zugehörig und integriert fühlen.

Mit der Erforschung dieser Normen in Organisationen (außerhalb von Universitäten) stehen wir noch am Anfang. Es wäre möglich, dass sich hier ähnliche Effekte zeigen – oder dass sich im Arbeitskontext über die Zeit hinweg ein anderes Muster ergibt.

 

Zum Weiterlesen:

Hammer, T. H., Saksvik, P. Ø., Nytrø, K., Torvatn, H., & Bayazit, M. (2004). Expanding the psychosocial work environment: Workplace norms and work-family conflict as correlates of stress and health. Journal of Occupational Health Psychology, 9, 83-97. https://dx.doi.org/ 10.1037/1076-8998.9.1.83

Scholl, A., Sassenberg, K., & Pfattheicher, S. (2019). Pressured to be excellent? Social identification prevents negative affect from high university excellence norms. Journal of Experimental Social Psychology, 84. https://dx.doi.org/10.1016/j.jesp.2019.03.007

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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