Die eigene Sympathie wird unterschätzt: Mögen uns andere mehr, als wir vielleicht denken?

Kontakt zu anderen beginnt meist mit einer Konversation. Sei es beim Bewerbungsgespräch, beim Kennenlernen der neuen Kolleg*innen oder der Teilnahme an einem Workshop. Menschen fällt es oft schwer, nach einem Gespräch einzuschätzen: Wie habe ich auf die anderen gewirkt? Hätte ich mich anders verhalten sollen? Die Forschung zeigt: Oft unterschätzen wir eher, wie sympathisch andere uns finden („Liking Gap“). Das kann der Zusammenarbeit schaden.

Der erste Eindruck hat eine Bedeutung

Erste Konversationen, z.B. mit neuen Vorgesetzten oder Kolleg*innen, können angenehm und inspirierend sein sowie Bedürfnisse nach Austausch, Zugehörigkeit usw. erfüllen. Gleichzeitig bieten sie Potential für Unsicherheit und Sorge um den Eindruck, den wir auf andere machen. Denn von ihrem ersten Eindruck schließen Menschen oft schnell auf Merkmale ihres Gegenübers (z.B. Kompetenzen und Persönlichkeit) und verhalten sich beim nächsten Treffen auch entsprechend.

Schätzen Menschen korrekt ein, welchen Eindruck sie gemacht haben?

Können wir also nach einer Konversation korrekt einschätzen, welchen Eindruck wir auf den*die andere*n gemacht haben? Oft bekommen wir von Konversationspartner*innen kein direktes Feedback, sondern können nur vermuten, was diese*r von uns hält. Eine Gruppe von Forschenden um Erica J. Boothby (2018) und Adam M. Mastroianni (2021) ging deshalb dieser Frage nach.  

Die eigene Sympathie wird unterschätzt („Liking Gap“)

Ihre Ergebnisse zeigen: Tatsächlich unterschätzen Menschen oft, wie sehr sie von anderen gemocht werden. Diesen Effekt bezeichneten die Forschenden als „Liking Gap“ – sozusagen als Lücke zwischen dem Ausmaß, in dem man von anderen tatsächlich als sympathisch wahrgenommen wird und dem Ausmaß, das man selbst vermutet.

Über verschiedenste Situationen und Kontexte hinweg fanden sie zum Beispiel bei fremden Personen, die sich in Zweierteams zum ersten Mal austauschten, aber auch bei Studierenden, die ihre MitbewohnerInnen ein Semester lang kennenlernten: Nach dem ersten Gespräch dachten sie, der/die andere hätte einen schlechteren Eindruck von ihnen bekommen, als das tatsächlich der Fall war.

Selbstkritische Gedanken könnten dies erklären

Warum ist das so? Ein Erklärungsansatz lautet: Während einer ersten Konversation fokussieren Menschen oft auf negative Gedanken und bewerten das eigene Verhalten selbstkritisch („das hätte ich anders tun können“); diese Gedanken könnten wir auf unser Gegenüber projizieren und entsprechend annehmen, dass er*sie dasselbe denkt. Tatsächlich deuten einige Befunde auf diesen Prozess hin.

(Keine) Abnahme über die Zeit hinweg

Ist das immer so? Man könnte annehmen, dass diese ‚fälschliche‘ Wahrnehmung über eine gewisse Zeit hinweg abnimmt – z.B. insbesondere, wenn Menschen als Team länger zusammenarbeiten. Allerdings war dieser Effekt sogar in (studentischen) Teams zu finden, die über eine längere Zeit hinweg an gemeinsamen Projekten arbeiteten – mit möglichen Folgen für die Zusammenarbeit: Denn je mehr die Teilnehmenden dachten, ihre Teammitglieder mögen sie, umso mehr waren sie bereit (1) von ihnen Hilfe zu erbitten, (2) ihnen ehrliches Feedback zu geben und (3) mit diesen in weiteren Projekten zusammenzuarbeiten.

Was können wir daraus mitnehmen?

Der erste (und auch spätere) Eindruck hat eine Bedeutung für uns und andere – ist aber womöglich oft besser, als wir erst einmal denken. Es ist – bei einer guten Balance zwischen Mut und Bescheidenheit – vielleicht nicht immer nötig, sich zu sehr um den eigenen ersten Eindruck zu sorgen; denn er scheint oft besser als gedacht. Stattdessen könnte man den negativen Gedanken über das eigene Verhalten eine Pause gönnen und lieber jemand anderem ehrlich rückmelden, welchen (positiven) Eindruck man von ihm*ihr hat.

Literaturnachweis:
Boothby, E. J., Cooney, G., Sanstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The linking gap in conversations: Do people like us more than we think? Psychological Science, 29, 1742-1756. https://doi.org/10.1177/0956797618783714
Mastroianni, A. M., Cooney, G., Boothby, E. J., & Reece, A. G. (2021). The liking gap in groups and teams. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 162, 109-122. https://doi.org/10.1016/j.obhdp.2020.10.013

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an der Universität Tübingen. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.