Wissenstransfer-Methoden für Fach- und Führungskräftewechsel

Erfahrungswissen wurde lange Zeit in mehrjährigen Meister-Lehrlings-Beziehungen weitergegeben. Heutzutage müssen Unternehmen kürzere Wege gehen. Ein Überblick über verschiedene Wissens-Transfermethoden.

Download: wissens.blitz (98)

„Früher  war  alles  besser“,  das  stimmt  zumindest  für  die Zeit,  die  ein  Nachfolger  hatte,  um  das  Expertenwissen seines  zukünftigen  Berufes  Schritt  für  Schritt  zu  erlernen.  Und  zwar  im  engen  Austausch  mit  dem  Experten und direkt bei der zu lernenden Tätigkeit, so dass durch Beobachten,  Nachahmen  und  dank  enger  Absprache mit  und  Feedback  durch  den  Experten  auch  implizite Wissensanteile   und   Erfahrungswissen   des   Experten übertragen werden konnten. Heutzutage sind die Übergabezeiten  zwischen  Nachfolger  und  Wissensträger  wesentlich  kürzer;  darüber  hinaus  ist  es  oft  genug nicht möglich, den Wissenstransfer in der authentischen Umgebung, am Arbeitsplatz selbst also, zu organisieren. Dies  wäre  aber  die  beste  Art,  den  Experten  und  den Nachfolger  zusammenzubringen  und  das  Erfahrungswissen des Experten auszutauschen.

Lösungsansätze

Doch   welche   Möglichkeiten   gibt   es,   auf   das   Erfahrungswissen des Experten zuzugreifen, wenn der Experte  sein  Wissen  rückblickend,  also  retrospektiv  formulieren  soll?  Seit  Anfang  der  90er  Jahre  sind  hierfür  einige spezielle Wissenstransfer-Methoden entwickelt  worden, die sich grob in zwei Gruppen aufteilen lassen: In solche, die  eine  individualisierte  Herangehensweise,  eine  Ausrichtung auf den Dialog und auf Reflexionsprozesse bei der  Erfassung  und  der  Weitergabe  von  Wissen  haben, sowie   solche,   die   ein   standardisiertes,   strukturiertes Vorgehen für Erfassung und Transfer heranziehen. Diese beiden Ausprägungen sind aber nur Endpole auf einem Kontinuum  und  viele  Wissenstransfer-Methoden  sind nicht eindeutig zuzuordnen, sondern mischen methodische  Schritte  und  Tools  aus diesen  beiden  grundlegen den Herangehensweisen (siehe Kasten).

Personalpolitische  Instrumente:

Tandems  zur  Einarbeitung,  Workplace  Shadowing,  Lernpartnerschaften,  Mentoring, Übergabegespräche

Auf Wissenstransfer spezialisierte Ansätze:

a.)  Individualisierte  Ansätze  –  Fokus  auf  Dialog:  Wissen  durch   Erfahrungsgeschichten, Triadengespräche, Interviewmethode

b.)  Strukturierte  Ansätze  –  Fokus  auf  Dokumentation: Wissensstafette, Expert Debriefing

c.) Mischformen: NOVA.PE , „Fach- und Führungskräftewechsel“, Leaving Expert Debriefing-Prozess, Storytelling, Video-Annotationen

Die  individualisierten  Ansätze  legen  ein  konstruktivistisches  Weltbild  zugrunde,  gehen  also  davon  aus,  dass die  Bedeutung  von  Wissensinhalten  im  sozialen  Austausch  ausgehandelt  wird.   Dementsprechend  stehen der  offene  Dialog  und  Reflexionsprozesse  über  die  Bedeutung  „hinter  den  Worten“  im  Vordergrund.  Diese Ansätze wenden also eine offen-dialogische Gesprächssituation  an,  um  das  Erfahrungswissen  des  Experten  zu fassen.  Hierunter  fallen  auch  die  narrative  Methoden (siehe  wissens.blitz (74)),  die  den  Experten  offen  von seinen Erfahrungen erzählen lassen und nur sehr wenig durch gezielte Wissens-Fragen lenken. Andere  Ansätze  legen  weniger  Gewicht  auf  die  offene Gesprächssituation  und  das  Aushandeln  von  Bedeutung,  sondern  legen  mehr  Wert  auf  eine  strukturierte Vorgehensweise  und  eine  übersichtliche  Dokumentation des Wissenstransfers. So soll das Wissen auch später noch verfügbar sein, wenn die Fach- oder Führungskraft nicht mehr im Unternehmen ist. Diese Ansätze begehen den    Wissenstransfer    tendenziell    mit    geschlossenen Befragungssituationen,  die  durch  Leitfäden,  halbstrukturierte Interviews oder Checklisten strukturiert werden. Einige  dieser  Ansätze  legen  elaborierte  Wissenskategorien zugrunde, die den Interviewer unterstützen, thematisch  fokussierte  Interviews  mit  dem  ausscheidenden Experten zu führen.

Fazit

Die Vielfalt an Herangehensweisen, das Expertenwissen fassbar zu machen, ist also denkbar groß. Eine Wertung in  „besser“  oder  „schlechter“  für  den  Wissenstransfer macht  wenig  Sinn,  denn erst  die  Synthese  dieser  verschiedenen Grundausrichtungen wäre die goldene Mitte, wenn es um das Erfassen und Dokumentieren von Expertenwissen   geht:   das   Bereitstellen   von   offenen Dialogsituationen,  die  strukturierten  Wissenskategorien im Hintergrund der Befragungssituation, die Konzentration auf eine solide Dokumentation – dies sind die Faktoren,  die  zusammengenommen einen guten  Wissenstransfer ausmachen.

 

 

Literaturnachweis: Erlach, C., Orians, W. & Reisach, U. (in Druck). Wissenstransfer bei  Fach-  und  Führungskräftewechsel  –  Erfahrungswissen  erfassen  und weitergeben. München: Hanser Verlag.

Zitieren als: Erlach, C. (2013). Wissenstransfer-Methoden für Fach- und Führungskräftewechsel. wissens.blitz (98). http://www.wissensdialoge.de/wissenstransfermethoden

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