„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – Warum wir unser Wissen manchmal überschätzen

Stellen Sie sich vor, Ihr Kollege hat eine Frage zu einem Gebiet, auf dem Sie Experte/in sind. Er möchte wissen, ob Sie von diesem Thema schon gehört haben und ihm weiterhelfen können. Wie würden Sie antworten? Vielleicht ja mit „natürlich, gerne!“? In der Regel helfen wir anderen gerne aus: Sich gegenseitig auszutauschen, trägt zu einem guten Teamklima und dem Erfolg einer Organisation bei. Neue Forschung zeigt allerdings: Manchmal überschätzen wir unser Wissen, vielleicht ohne es zu merken – und zwar gerade dann, wenn wir uns auf einem Gebiet eigentlich gut auskennen.

Ein Forscherteam um Stav Atir und Kollegen (2015) untersuchte, wann und warum Personen dazu neigen, ihr Wissen in einem Bereich zu überschätzen. Diese Überschätzung (engl. „overclaiming“) äußert sich z.B. darin, wenn man angibt, zu einem Thema oder Ort etwas zu wissen – das bzw. den es aber eigentlich gar nicht gibt. Die Fragen, denen die Autoren nachgingen, waren: Verleitet Expertise auf einem Gebiet (z.B. Finanzen) womöglich dazu, dass wir uns bei konkreten Themen auf diesem Gebiet eher überschätzen? Und sind wir dabei wirklich überzeugt, dass wir über dieses Wissen verfügen; oder versuchen wir dadurch eher, auf andere kompetent zu wirken?

In fünf Studien erfassten die Forscher, wie viel ihre Teilnehmenden generell zu den Themen Biologie, Geschichte, Finanzen, Literatur und Geografie wissen – z.B. mittels einer Selbsteinschätzung oder eines Wissenstests. Anschließend machten die Teilnehmenden Angaben dazu, wie viel sie zu ganz speziellen Themen dazu wissen: Zum Beispiel, inwieweit sie schon einmal von den Orten Philadelphia in Pennsylvania oder Lake Othello in Wisconsin gehört hatten, oder wie vertraut sie mit Steuerklassen oder Festsatz-Abschreibungen sind. Einige davon waren  frei erfunden (im Beispiel der Lake Othello in Wisconsin oder die Festsatz-Abschreibungen). Die Idee hier war: Je mehr eine Person Wissen zu diesen fiktiven Themen angibt, desto mehr überschätzt sie ihr Wissen in dem Moment.

Über die Studien hinweg zeigte sich: Die Mehrzahl der Teilnehmenden gab an, schon einmal von den fiktiven Themen / Orten gehört zu haben – die meisten überschätzten also ihr Wissen in einem mehr oder weniger hohen Ausmaß.

  • Dabei spielt das generelle Wissen zu einem Thema eine große Rolle: Wenn wir viel über ein Themengebiet (z.B. Literatur) wissen, dann neigen wir eher dazu, uns in diesem Bereich auch bei konkreten Fragen (die wir gar nicht wissen können) zu überschätzen.
  • Wissen zu einem Thema kann das Überschätzen bei einem anderen Thema fördern: Wenn wir in einem Themengebiet (z.B. Finanzen) viel wissen, neigen wir womöglich auch bei konkreten Fragen zu anderen Themengebieten (z.B. Biologie) dazu, unser Wissen zu überschätzen.
  • Selbstüberschätzung besonders nach (Wissens-) Erfolgen: Besonders wenn unser Wissen bestätigt wurde (z.B. man gerade ein Quiz erfolgreich beantwortet hat, statt darin schlecht abzuschneiden), kann diese Tendenz zur Überschätzung steigen.

Warum aber zeigen sich diese Effekte? In einer Studie warnten die Forscher einen Teil der Teilnehmenden vor, dass einige Themen nicht real existieren, um dieser Frage nachzugehen. Ihre Befunde weisen darauf hin: Die Personen schienen sich nicht deshalb zu überschätzen, weil sie vor anderen ihre Expertise unter Beweis stellen wollten. Vielmehr schienen sie in den Momenten selbst überzeugt davon zu sein, von einem (fiktiven) Thema wirklich schon einmal gehört zu haben.

Sollen wir zukünftig also vorsichtshalber bescheiden verneinen, wenn uns jemand „weißt du dazu vielleicht etwas?“ fragt? Vermutlich nicht, denn oftmals wissen wir vielleicht wirklich etwas, das dem/der anderen weiterhelfen kann. Vielmehr zeigen diese Befunde: Womöglich sollten wir uns nicht ausschließlich auf unseren ersten Eindruck verlassen, dass wir zu einem Thema bestimmt etwas wissen – sondern vielmehr unser Wissen hin und wieder auch kritisch hinterfragen. Es kann manchmal unangenehm sein, sich eine Wissenslücke einzugestehen; aber man könnte dies auch als Gelegenheit sehen, noch Neues dazulernen zu können.

Zum Artikel:
Atir, S., Rosenzweig, E., & Dunning, D. (in press). When Knowledge Knows No Bounds: Self-Perceived Expertise Predicts Claims of Impossible Knowledge. Psychological Science, 26, 1295-1303. doi: 10.1177/0956797615588195

 

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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