War dieses „Foul“ strategisch oder unfair? Wie wir das Verhalten der eigenen Leute subtil positiver darstellen als das der Anderen

Ich liebe Fußball: neben allem anderen ist es eine Spielwiese für sozial verzerrte Darstellungen. Haben Sie dem Kommentator bei Fußballspielen im Fernsehen schon einmal richtig zugehört? Während die Spieler der eigenen Mannschaft zum Beispiel „den Fuß weit nach vorne bringen“, „den Arm hoch nehmen“, oder „dem Schiedsrichter ihre Sichtweise darlegen“ ist es bei den Spielern der gegnerischen Mannschaft ein „Foul“, „Handspiel“ oder „Meckern“. Selbst, wenn die Aktion des Spielers objektiv betrachtet ein eindeutiges Foul war, dann kann man das Foul immer noch als strategisches Foul beschreiben oder eben als unfaires oder sogar aggressives Foul. Und raten Sie mal, wer eher die strategischen und wer eher die unfairen Fouls macht? Genau.

Das Phänomen, das sich man in Fußball-Kommentaren so wunderbar hören kann, wird als „linguistischer Intergruppenbias“ bezeichnet: Menschen neigen dazu, durch die Wahl ihrer Worte ihre eigene Gruppe (wie die Fußballmannschaft oder das eigene Arbeitsteam) positiver zu beschreiben als eine Fremdgruppe (wie die gegnerische Mannschaft). Die Beschreibungen, die wir von „unseren Leuten“ oder „den Anderen“ liefern unterscheiden sich manchmal frappierend, auch wenn das gleiche Verhalten beschrieben wird. Leider gibt es solche Verzerrungen nicht nur im Fußball, wo der Kommentator wenig Einfluss auf das Ergebnis des Spiels hat. In vielen Arbeitssituationen kann die Beschreibung einer Person in einer bestimmten Situation großen Einfluss auf die Zukunft der Person haben. Im Arbeitsleben kann zum Beispiel die Beschreibungen des Verhaltens der Mitarbeitenden durch Führungskräfte, bei Berichten über das Verhalten in Bewerbungsgesprächen, nach einer Probearbeitszeit oder bei Beförderungen entscheidend sein für die weiteren Chancen der Mitarbeitenden. Auch Bewertung von Angeboten und Leistungen verschiedener Gruppen kommen häufig aus zweiter Hand.

Was genau passiert nun wenn wir das Verhalten von Anderen in eigenen Worten beschreiben?

Es gibt mehrere Ebenen, wie man eine Person beschreiben kann. Sie reichen von konkret zu abstrakt. Das kann an einem einfachen Beispiel gezeigt werden.  Die konkreteste Ebene der Beschreibung wäre zum Beispiel der Satz „Alexander gibt Anna einen Kugelschreiber“. Etwas abstrakter wäre die Beschreibung, wenn eine Wertung mitschwingt: „Alexander hilft Anna“. Auch hier beschreiben wir eine Aktion mit klarem Anfang und Ende, aber werten sie eindeutig positiv oder negativ. Die noch abstraktere Beschreibung „Alexander mag Anna“ ist ebenfalls wertend und zeitlich nicht begrenzt. Besonders abstrakt wird die Beschreibung, wenn wir Menschen mit Adjektiven beschreiben: „Alexander ist hilfsbereit“. Dasselbe beobachtete Verhalten kann also unterschiedlich abstrakt in Worte gefasst werden.

Das hat wiederum Konsequenzen auf die Zuhörenden:

Je abstrakter das Verhalten eines Menschen in einer Situation beschrieben wird, desto eher wird die zugrunde liegende Eigenschaft (wie Hilfsbereitschaft) als stabil wahrgenommen und desto mehr ziehe ich Schlussfolgerungen daraus , wie sich diese Person generell in Zukunft verhält: von dem „hilfsbereiten“ Alexander erwarte ich also eher, dass er trotz Überstunden seine Kollegen bei dringenden Aufgaben unterstützt, als von dem Alexander, der kurz „seinen Kuli an die Kollegin verleiht“.

Wie die Kommentare beim Fußball zeigen, sind Verhaltensbeschreibungen aber nicht immer objektiv und neutral. Es hat sich gezeigt, dass Mitglieder der eigenen Gruppe („wir“) anders beschrieben werden als Mitglieder der Konkurrenzgruppe („die Anderen“): bei eigenen Leuten wird das positive Verhalten abstrakt beschrieben (es scheint also generell gültig), das negative Verhalten wird konkret beschrieben (es scheint sozusagen die Ausnahme zu sein). Bei „den Anderen“ ist das genau umgekehrt. Durch diese feinen sprachlichen Unterschiede suggerieren wir den Zuhörenden, dass die eigenen Leute besser sind als die Anderen. In den meisten Fällen merken wir solche sprachlichen Verzerrungen selbst gar nicht – sowohl die Beschreibenden nicht als auch die Zuhörenden nicht. Das macht diese Art der Verzerrung so gefährlich: sie ist schwer abzustellen und so subtil, dass sie uns beeinflusst, ohne dass wir es bemerken.

Was kann man also tun?

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen jemand bei einer Verhaltensbeschreibung ein „Foul“ als „strategisch“ oder „unfair“ verkaufen möchte, dann stellen Sie Fragen zur konkreten Situation. Fragen Sie nach beobachtbarem Verhalten, wenn möglich ohne Interpretation, und lassen Sie sich Details geben. Gönnen Sie sich auch eine Beschreibung der „anderen Seite“ und fragen Sie Unbeteiligte, um ein rundes Bild von der Situation zu erhalten. Überprüfen Sie bei ihrem Eindruck einer Person immer mal wieder, ob dieser Eindruck auf einer Personenbeschreibung aus zweiter Hand beruht. Bei Mario Götze bin ich natürlich angewiesen auf den Bericht der Medien, aber bei meinen Mitarbeitenden kann ich im besten Fall die Person selbst kennenlernen und mir durch einen vorurteilsfreien eigenen Blick auf verschiedene Situationen einen Eindruck bilden, der auf festeren und vielleicht auch faireren Beinen steht.

Für Fußball-Fans:

Natürlich ist die eigene Fußball-Mannschaft die bessere, engagiertere, fairere und besser aussehen tut sie auch. Wenn Sie als Fußball-Fan aber mal über den Tellerrand gucken möchten, dann schauen Sie sich doch das deutsch-niederländische Spiel auf BBC an! Oder noch spannender: mit Niederländern auf einem niederländischen Sender.

Literaturnachweis: Maass, A., Salvi, D. Arcuri, L., & Semin, G (1989). Language use in intergroup contexts: the linguistic intergroup bias. Journal of Personality and Social Psychology. 57, 981-993.

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