topicmarks: Zusammenfassen statt selber lesen.

Das Unternehmen topicmarks aus Zürich bietet seinen Kunden: Aus einem Text werden die wesentlichen Inhalte auf Basis eines semantischen Algorithmus zusammen gefasst. Statt einen langen Blogbeitrag, ein wissenschaftliches Paper oder gar ein Buch zu lesen, wird das Dokument bei topicmarks.com hochgeladen, und nach einigen Minuten erhält man eine Zusammenfassung des Dokuments, den sogenannten Text Knode.Dieser Text Knode enhält

  • eine Liste von „Facts“, die mit Hilfe des Algorithmus extrahiert wurden. Diese Facts bestehen jeweils aus einem extrahierten Subject, einem Verb und einem Object und können in Tabellenform oder als Liste mit kurzen Sätzen dargestellt werden.
  • ein „Summary“, das die wesentlichen Facts in einem kurzen Text zusammenfasst.
  • einen Index, der die wichtigsten Wörter auflistet und die entsprechenden Sätze, in dem die Wörter vorkommen.
  • eine Tagcloud, mit den wichtigsten Wörtern.

Der Text Knode kann dann einfach im Dashboard von topicmarks betrachtet werden, oder auch per Mail oder Twitter verteilt werden. Außerdem wird er archiviert und ist später wieder abrufbar (ausführlicher Überblick über topicmarks auf netzwertig.com).

Ich frage mich:

  1. Kann das funktionieren?
  2. Ist das die Revolution des Wissensmanagments?
  3. Wollen wir das?

Kann das funktionieren?

Ich hab’s ausprobiert. Die Grundlage ist ein eigener Text über den Einsatz von Wikis für organisationales Lernen. Ich habe ihn in topicmarks hochgeladen, hier finden Sie das Ergebnis.

Mein Eindruck: Die Summary gibt einen guten Eindruck, was in dem Text steht. Allerdings fehlt eine zusammenhängende Argumentation, was das Lesen (und Verstehen!) schwer macht. Die extrahierten „Facts“ sind gut, aber zum Teil so verkürzt, dass man nur versteht, was gemeint ist, wenn man den Zusammenhang des Textes kennt (Einsatz von Wikis in Unternehmen: Was muss ich beachten?). Und: Der vom Author erstellte Abstract ist kürzer und damit schneller zu lesen. Gleichzeitig enthält er sogar noch mehr Informationen. Funktioniert also noch nicht wirklich.

Ist das die Revolution des Wissensmanagments?

Ja, wenn das Prinzip funktioniert, ist das eine Revolution im Wissensmanagement. Wenn auch nur für ein einziges Problem: Ich weiß erst, ob eine Information mir weiterhilft, wenn ich sie kenne. Ein semantisches Werkzeug kann mir helfen zu entscheiden, ob eine Information, die ich nicht auf einen Blick erfassen kann (weil sie z.B. ein Paper mit 35 Seiten ist) für mich wertvoll ist. Bis jetzt sind wir noch drauf angewiesen, dass der Autor der Information uns bei der Entscheidung hilft, indem der Text gut strukturiert ist, einen guten Abstract enthält oder zu Beginn erklärt wird, was ich weiß, wenn ich den Text gelesen habe. Ein semantisches Werkzeug, das Zusammenfassungen erstellt, ist keine Lesehilfe, aber möglicherweise eine Suchhilfe.

Wollen wir das?

Nein, das wollen wir nicht. Weil 1. Slow Media „in“ ist und das auch im Wissensmanagement sein sollte. Wissen braucht Zeit, um zu reifen und Handeln zu beinflussen. Schnell lesen ist nicht alles. Und weil 2. die Informationsflut, die es zu bändigen gilt, dann noch unkontrollierter wächst. Wissen wird dann nicht mehr aufgeschrieben, um gelesen zu werden. Es ist nur die Basis, um daraus „Facts“ und „Summaries“ abzuleiten. Schreiben wir doch gleich nur noch das auf, was wichtig ist. Den Rest muss man ohnehin selbst ausprobieren.

Johannes Moskaliuk

Johannes Moskaliuk arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien und als Hochschullehrer an der International School of Management. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist digitales Lernen und Arbeiten. Außerdem ist er Geschäftsführer der ich.raum GmbH und arbeitet als Business-Coach mit einem Schwerpunkt auf wertorientierter Führung und Kommunikation.

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Johannes Moskaliuk

Johannes Moskaliuk arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien und als Hochschullehrer an der International School of Management. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist digitales Lernen und Arbeiten. Außerdem ist er Geschäftsführer der ich.raum GmbH und arbeitet als Business-Coach mit einem Schwerpunkt auf wertorientierter Führung und Kommunikation.

4 Gedanken zu „topicmarks: Zusammenfassen statt selber lesen.

  • Szopinski676@arcor.de'
    31. Januar 2011 um 23:32
    Permalink

    Gute Ausfuehrungen! Ich werde mich damit in Zukunft mehr beschaeftigen! Freue mich auf neue Posts!

    Antwort
  • 2. Februar 2011 um 16:20
    Permalink

    Ich finde auch, dass ein guter „Executive Summary“ mehr bringt als eine automatisch erstellte Zusammenfassung — allerdings können beide nicht das Problem lösen, dass ich einen Text nicht als ganzes lesen, verstehen oder behalten möchte, sondern dass ich (im beruflichen „Normalfall“) mit einer konkreten Frage an den Text herangehe und Informationen für ihre Beantwortung suche.

    Beispiel: Ich habe meine eigenen Forschungsinteressen und lese jetzt einen Artikel in der gleichen Domäne von Personen aus meinem Feld. Es sind meist nur Teilaspekte (stellenweise noch nicht einmal die für den Autor zentralen) die mich interessieren.

    Ein weiterer Punkt ist, dass auch beim Lesen von zunächst(!) „unwichtigen“ Informationen einiges hängen bleibt, was sich später einmal als nützlich erweisen kann. Darüberhinaus werden nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch die „Kultur“ oder der Stil weiter gegeben, den ich kennen muss, um mich in einer bestimmten Community verständlich auszudrücken und von ihr akzeptiert zu werden. Das mag für einen Experten irrelevant sein, aber als Experte wird man eigene Strategien haben, einen Text schnell zu erfassen.

    Persönlich würde ich mir eher eine andere Form der Visualisierung wünschen, bei dem ich einen Text nach Unterthemen zerlegen kann oder auch nur eine einfache Outline-Ansicht, die mir die wichtigsten Punkte am Rand zeigt. Diese Marginalien haben sich online noch nicht wirklich durchgesetzt, wären aber in vielen Bereichen hilfreich.

    Antwort
  • Pingback: Guttenberg, Plagiat und Wissenschaft: Was wir ändern sollten | Johannes Moskaliuk

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