Schwarmintelligenz: Laien schreiben hochwertigen Text zu Fukushima

Heute jährt sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum dritten Mal. Deren Ursachen sind komplex und selbst für Experten nur schwer in ihrer Fülle zu verstehen. Eine Studie, die KollegInnen vom Leibniz-Institut für Wissensmedien jetzt im Journal of the Learning Sciences veröffentlicht haben zeigt, dass die komplexen Zusammenhänge in der Wikipedia hervorragend dargestellt wurden. Bereits zwei Stunden nach dem Unglück begannen Einzelne damit, in der Wikipedia neuste Informationen über das Unglück einzuarbeiten. Nach wenigen Tagen beteiligten sich über 300 Autoren. Schon 9 Tage nach dem Unglück entstand ein Text, der von führenden Fachexperten als sehr gut und ausgewogen bewertet wurde – besser als andere Texte, die zu dieser Zeit entstanden. Der überraschende Befund der Studie: die Autoren waren fast ausnahmslos blutige Laien in Bezug auf den konkreten Inhalt.

Die Studie zeigt, dass es die Regeln von Wikipedia sind, die dies ermöglichen: Denn jeder Texteintrag muss mit Quellen belegt werden und neutral formuliert sein. Das führt dazu, dass die Deutung der Informationen und Ereignisse nicht auf einzelnen Personen und deren Wissen fundiert, sondern auf den Regeln der Wikipedia. So liegt die Basis der Schwarmintelligenz im System der Wikipedia.

Ich habe Dr. Aileen Oeberst zu den Ergebnissen der Studie befragt.

Ihr habt den Wikipedia-Artikel zu Fukushima im Detail untersucht. Warum gerade diesen Artikel?

Uns hat das Ereignis interessiert, weil es in den ersten Tagen nach dem Tsunami zwar eine Flut von Informationen gab aber zumeist völlig unklar war, wie sicher und verlässlich diese waren, sodass selbst Experten in diesem Zeitraum nicht wirklich wussten, was dort eigentlich genau passiert. Außerdem handelte es sich bei dem Thema um ein nicht nur sehr spezielles, welches eine gewisse Expertise erfordert, als auch um eines, welches emotional und ideologisch stark aufgeladen ist. Uns hat interessiert, wie Wikipedia-Autoren unter diesen Umständen einen Artikel über die Nuklearkatastrophe — und damit im Grunde Wissen über die Katastrophe — konstruieren.

Was bedeuten Eure Ergebnisse für den Umfang mit Wissen im Web? Kann ich mich darauf verlassen, dass die Inhalte in der Wikipedia richtig sind?

Der Wikipedia-Artikel zum Kernkraftwerk wurde von Experten zum Thema Reaktorsicherheit einhellig als qualitativ hochwertig und ausgewogen dargestellt eingeschätzt. Auch hat er 2012 den Zedler-Preis für den besten Wikipedia-Artikel des Jahres gewonnen. Aber daraus lässt sich natürlich nicht ableiten, dass sämtliche Inhalte in der Wikipedia richtig sind. Allerdings gibt es Studien, die Wikipedia eine vergleichbare Qualität wie klassichen Enzyklopädien (z.B. Britannica) bescheinigen, aber das bedeutet nicht, dass es keine Fehler gibt. Meine Prognose wäre allerdings, dass gerade bei populären und relevanten Themen die Qualität durchaus verlässlich ist, denn zumeist ziehen diese viele Autoren an, und es hat sich gezeigt, dass die Qualität mit zunehmender Anzahl von Autoren steigt.

Was genau ist mit „Schwarmintelligenz“ gemeint?

Im Grunde meint es, dass viele Individuen gemeinsam etwas erschaffen können, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Wikipedia-Artikel stellen dafür m.E. ein gutes Beispiel dar, denn am Ende sind die Artikel nicht einfach die Summe der Informationen aller Beitragenden. Vielmehr entsteht aus dem Wissen Vieler erst in der Zusammenarbeit ein einzigartiger, kohärenter Text, der ein Gesamtverständnis erlaubt — und damit letztlich Wissen konstruiert.

Ihr zeigt in Eurer Studie: Die Regeln von Wikipedia stellen sicher, dass auch Laien einen qualitativ hochwertigen Text schreiben können. Lässt sich das auf unternehmensinterne Wikis übertragen? Welche Regeln braucht es, damit MitarbeiterInnen in einem Unternehmen hochwertige Inhalte erstellen?

Vermutlich hängt das auch sehr davon ab, welche Form von Inhalten erstellt werden sollen. Aber eine Regel, welche z.B. versucht, die Zuverlässigkeit von Inhalten zu gewährleisten ist die der „Belegbarkeit“. Sprich, Wikipedia fordert, dass Inhalte überprüfbar sein sollen. Am einfachsten lässt sich dies durch die Angabe von Quellen sicherstellen. Denn sie ermöglichen anderen Lesern/Autoren nicht nur, diese Quelle gegebenenfalls selbst nochmal direkt zu konsultieren (und die Inhalte z.B. zu überprüfen), sondern sie dienen häufig auch als Hinweis auf die Glaubhaftigkeit der Informationen. Wenn als Quelle beispielsweise Experten angegeben werden, bewerte ich die Information ganz anders, als wenn sie beispielsweise von einem Praktikanten stammt. Hier setzen dann auch die Möglichkeiten zur Verbesserung des Artikels an — indem man z.B. im Fall unsicherer Quellen nach verlässlicheren sucht, und somit das gesammelte Wissen absichert.

Wie sieht es mit der Motivation der AutorInnen aus? Ist der Wikipedia-Artikel zu Fukushima nicht ein absoluter Sonderfall, der NutzerInnen zu Höchstleistungen anspornt?

Der Artikel hat definitiv Personen dazu motiviert, daran mitzuwirken, die vorher noch nie an Wikipedia-Artikeln mitgeschrieben haben. Aber ich glaube gar nicht mal, dass die Motivation der Beteiligten so viel höher war als bei anderen Artikeln. Es gibt auch Autoren, die sich mit Hingabe dem Artikel zum „Pizzakarton“ widmen. Dadurch, dass Wikipedia-Autoren sowieso völlig freiwillig und ohne direkte Gegenleistung Zeit und Energie investieren, denke ich, dass die Motivation der Mitwirkenden insgesamt hoch ist. Und das ist meines Erachtens der Knackpunkt für eine erfolgreiche Umsetzung im Unternehmenskontext — es muss ausreichend viele Mitarbeiter geben, die motiviert sind, an dem gemeinsamen Wiki sinnvoll mitzuwirken.

Bildnachweis: kawamoto takuo [CC-BY-2.0]

Johannes Moskaliuk

Johannes Moskaliuk arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien und als Hochschullehrer an der International School of Management. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist digitales Lernen und Arbeiten. Außerdem ist er Geschäftsführer der ich.raum GmbH und arbeitet als Business-Coach mit einem Schwerpunkt auf wertorientierter Führung und Kommunikation.

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Johannes Moskaliuk arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien und als Hochschullehrer an der International School of Management. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist digitales Lernen und Arbeiten. Außerdem ist er Geschäftsführer der ich.raum GmbH und arbeitet als Business-Coach mit einem Schwerpunkt auf wertorientierter Führung und Kommunikation.

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