Psychologische Theorien in der Praxis

Zu fast jedem Thema gibt es in der Psychologie eine Reihe von Theorien, die häufig unverbunden nebeneinander stehen und sich dabei scheinbar widersprechen. Häufig ist die Theorievielfalt jedoch eine Stärke, wenn man diese zu nutzen weiß.

Download: wissens.blitz (28)

Nutzung von psychologischen Theorien durch die Praxis

Vor knapp 20 Jahren veröffentlichte Andreas Knapp in der Zeitschrift für Pädagogik einen Artikel, der sich mit der Psychologie der Lernmotivation und der Nutzung von psychologischen Theorien durch die pädagogische Praxis beschäftigt. Die Nutzung psychologischer Theorien durch die Praxis und die Probleme, die sich dabei ergeben, sind auch für organisationale Kontexte hochrelevant.

Wie kann man als Praktiker psychologische Theorien finden, die Hilfestellung für die Lösung eines praktischen Problems (z.B. die Förderung der Lernmotivation) geben, bzw. welche Probleme ergeben sich dabei?

Theorienvielfalt

Wenn man sich mit psychologischen Theorien zu einem Themengebiet beschäftigt, findet man häufig mehrere unterschiedliche Annäherungsweisen an das Thema, die meist augenscheinlich im Widerspruch zueinander stehen. So gibt es zur Lernmotivation unterschiedliche Theorien mit ebenso unterschiedlichen Handlungsempfehlungen:

Welche davon ist aber richtig – oder angemessen?

Theoretische Perspektiven der Lernmotivation

  • A) Eigenschaftstheoretische Perspektive
    Auswahl der „richtigen“ Personen, da Eigenschaften nur schwer veränderbar sind
  • B) Lerntheoretische Perspektive
    Belohnung und Bestrafung.
  • C) Kognitive Perspektive
    Rationale Entscheidung erleichtern: muss es wollen, erreichbar sein und besser sein als die Alternativen
  • D) Selbstbestimmungstheorie
    Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit zentral
  • E) Gegenstandsbezogenes Interesse
    situationales Interesse steigern

Quelle: Krapp (1993)

Paradigmenwechsel vs. andere Forschungsperspektive

Natürlich gibt es veraltete Theorien, die nicht alle Phänomene (fehlerfrei) abbilden konnten und durch neue, (zeitweise) besser passende Theorien ersetzt wurden (vgl. Paradigmenwechsel nach Kuhn). Die Wissenschaft ist ein selbst-korrigierender Prozess, was eine ihrer großen Stärken ist.

Häufig wird jedoch nur die Forschungsperspektive geändert. Gerade bei komplexen Untersuchungsgegenständen wie menschlichem Verhalten kann man nie das Phänomen als ganzes genau betrachten. Für die Lernmotivation müssen eine Vielzahl an Bedingungen und Prozesse berücksichtigt werden (siehe Abbildung).

29

Unterschiedliche theoretische Betrachtungsweisen haben unterschiedliche Foci und je nach dem eingenommenen Blickwinkel bleiben einige Punkte unbeachtet oder unterrepräsentiert (siehe Abbildung). Nach Krapp adressieren neue Betrachtungsweise meist die Aspekte, die in der vorherigen Betrachtungsweise ausgeklammert oder vernachlässigt wurden. Stand zum Beispiel das beobachtbare Verhalten im Vordergrund, fokussiert die nächste Betrachtungsweise auf Kognitionen, d.h. mentale Prozesse, die nicht beobachtbar sind.

In ihrer Gesamtheit erlauben diese unterschiedlichen Perspektiven die differenzierte Betrachtung komplexer Sachverhalte.

Fazit: Kritische Auswahl aus den verfügbaren Theorien

Um die „beste“ Theorie für ein aktuelles Problem zu finden, muss man allerdings den Korpus an Theorien für einen Sachverhalt kennen. Die „neueste“ Theorie ist nach Krapp nicht notwendigerweise auch die beste Theorie für das aktuelle Problem. Wichtiger ist es, die Theorie zu finden, die genau an dem Punkt ansetzt, der die Krux des Problems darstellt.

Neben einer Sichtung der Theorien ist hierfür eine genaue Analyse des Problems notwendig. Auch hier hilft eine Auseinandersetzung mit den verfügbaren Theorien, um den Sachverhalt in seiner Gesamtheit betrachten zu können und das Problem genauer spezifizieren zu können.

Die Psychologie bietet mit ihrer Vielzahl an Theorien also einen umfangreichen Werkzeugkasten, aus dem gezielt ausgewählt werden muss.

 

Literaturnachweis: Krapp, A. (1993). Die Psychologie der Lernmotivation. Zeitschrift für Pädagogik, 39, 187-206.

Zitieren als: Wessel, D. (2011). Psychologische Theorien in der Praxis. wissens.blitz (28). http://www.wissensdialoge.de/psychologische-theorien-praxis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.