Von nah und fern: Aus der Distanz heraus lassen sich andere besser verstehen

Hat Ihr Kollege nun verstanden, dass Ihre Bemerkung, sein (eigentlich leistungsstarkes) Team könnte ruhig „etwas mehr Einsatz zeigen“, nur ironisch gemeint war? Oder hat er diesen Kommentar etwa ernst genommen? Erfolgreiche Kommunikation ist manchmal leichter gesagt als getan – gerade dann, wenn wir unser Gegenüber nicht so gut einschätzen können. Um Missverständnisse zu verhindern, hilft es, die Perspektive des anderen einzunehmen. Aber welche Strategien sind dabei nützlich? Tatsächlich kann dabei statt Nähe eher eine gewisse Distanz zum Gegenüber helfen:

Die Perspektive einer anderen Person einzunehmen, bedeutet zu verstehen, was diese gerade denkt und/oder fühlt. Je besser uns dies gelingt, umso weniger Missverständnisse treten auf. Wie im Eingangsbeispiel deutlich wird, gelingt uns Perspektivenübernahme aber nicht immer gut: Häufig schließen wir dabei zu sehr von uns („Ich weiß ja, dass sein Team engagiert ist“) auf andere („Der Kollege wird das also auch wissen.“), wir projizieren also unsere Perspektive auf den anderen. Das kann problematisch sein, wenn sich die Perspektive des anderen stark von unserer unterscheidet (z.B. der Kollege tatsächlich aber nicht weiß, dass Sie sein Team als engagiert einschätzen).

Wie lässt sich dieses fälschliche Schlussfolgern von uns auf andere und damit die Perspektivenübernahme verbessern? Sollten wir dem anderen nahe stehen oder eher auf Distanz gehen? Dieser Frage ging meine Kollegin Claudia Sassenrath et al. (2013, 2014) in einer Reihe von Studien nach. Sie nahm an, dass alles, was uns dabei hilft, Distanz zu unserem Gegenüber einzunehmen, die Perspektivenübernahme verbessert – weil es uns durch diese Distanz leichter fällt, Unterschiede zwischen uns und dem anderen (z.B. unserem Kollegen) zu erkennen und nicht fälschlicherweise zu sehr von uns auf den anderen zu schließen. Anders gesagt: Wenn wir eine gewisse Distanz zum anderen einnehmen, erkennen wir eher, dass der andere seine eigene Perspektive hat, und können dessen Perspektive wiederum besser verstehen.

In ihren Studien wurden verschiedene Schlüsselreize verwendet, die Distanz signalisieren: Zum einen wurde der Einfluss von Temperatur betrachtet: Durch Erfahrungen haben wir gelernt, soziale Nähe mit Wärme und umgekehrt Distanz mit Kälte zu verbinden. Diese Verbindungen Wärme-Nähe und Kälte-Distanz übertragen wir auch auf andere Situationen, z.B. wenn wir jemanden als „kalt und distanziert“ oder als „warmherzig und uns nahe stehend“ beschreiben. Kalte Temperaturen sollten uns also Distanz signalisieren. Zum anderen wurde der Einfluss der Armbewegung untersucht, mit der wir typischerweise Dinge an uns heranziehen (d.h. die Distanz zu einem Gegenstand verringern) bzw. mit der wir Dinge von uns entfernen (d.h. die Distanz zu diesen vergrößern). Das Ausführen einer Armbewegung, mit der wir Dinge von uns entfernen, sollte also ebenfalls Distanz signalisieren – z.B. indem wir von oben (statt von unten) mit der flachen Hand leicht gegen die Tischplatte drücken. Kälte und die Armbewegung des „Wegdrückens“ sollten also Distanz signalisieren, die sich auf den anderen überträgt – also in der konkreten Situation ein Gefühl schaffen, dass der andere „anders“ ist als wir selbst und so die Perspektivenübernahme verbessern.

In den Studien wurden die Teilnehmenden z.B. gebeten, a) eine Tasse mit warmer bzw. kalter Flüssigkeit zu halten oder b) ihre Hand von oben bzw. unten gegen die Tischplatte zu drücken. Dann bearbeiteten sie einige Szenarien, in denen sie die Perspektive eines Protagonisten einnehmen mussten, der weniger über eine konkrete Situation wusste als sie selbst (z.B. welche Bemerkung in einer Unterhaltung ironisch gemeint war). Hier wurde erfasst, wie groß sie die Distanz zwischen sich selbst und dem Protagonisten wahrnahmen und wie gut sie dessen Perspektive übernehmen konnten. Die Ergebnisse zeigten über alle Studien hinweg: Unter dem Einfluss von Distanzsignalen nahmen die Teilnehmenden größere Unterschiede zwischen sich und ihrem Gegenüber wahr. Deshalb konnten sie entsprechend besser die Perspektive des anderen übernehmen.

Fazit: Um die Perspektive anderer zu verstehen, müssen wir also in vielen Fällen nicht unbedingt die „Nähe“ zum Gesprächspartner suchen, sondern eher ein bisschen „auf Distanz gehen“ – sei es möglicherweise, indem wir uns z.B. im Gespräch hin und wieder zurücklehnen oder vielleicht auch in der nächsten Besprechung den gegenüberliegenden Sitzplatz einnehmen.

 

Die Artikel zum Weiterlesen:

Sassenrath, C., Sassenberg, K., & Semin, G. (2013). Cool, but understanding… Experiencing cooler temperatures promotes perspective-taking performance. Acta Psychologica, 143, 245-251. doi: 10.1016/j.actpsy.2013.03.011
Sassenrath, C., Sassenberg, K., & Scholl, A. (2014). From a distance …: The impact of approach and avoidance motivational orientation on perspective taking. Social Psychological and Personality Science, 5, 18-26. doi: 10.1177/1948550613486672

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/sehrohr-fernrohr-fernglas-seefahrt-284421/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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