Offen für Neues? Wann wir bei Entscheidungen (nicht) auf unsere Kollegen hören

Viele wichtige Entscheidungen treffen wir gemeinsam: Stellen Sie sich vor, Ihr Team trifft gerade eine Wahl unter den Bewerbern auf die neue Arbeitsstelle. Jede/r hat die Unterlagen der Bewerber gelesen und sich ein eigenes Meinungsbild gebildet. Einige KollegInnen haben sich außerdem Informationen von der Personalabteilung oder vorherigen Arbeitgebern eingeholt. Ihr Team hat also eigentlich alle Informationen zur Verfügung, um eine gute Entscheidung zu treffen. Dennoch entscheiden wir gemeinsam oft schlechter als alleine: Und zwar deshalb, weil wir in Teamdiskussionen die (eigentlich nützlichen) Informationen der anderen verzerrt bewerten, um unsere Meinung beibehalten zu können. Warum ist das so? Und wie können wir Entscheidungen im Team optimieren?

Die Forschung zeigt: Menschen tendieren oft dazu, ihre einmal geformten Meinungen oder Eindrücke beibehalten zu wollen. D.h. wir bewerten gerade in Teamdiskussionen neue Informationen, die unsere Meinung nicht unterstützen, verzerrt. So berücksichtigen wir nur solche Informationen, die unseren vorherigen Eindruck bestätigen. Das ist dann problematisch, wenn unser Eindruck nicht zutrifft – unsere Entscheidung also noch besser sein könnte, wenn wir die zusätzlichen Informationen der KollegInnen berücksichtigen würden. Wie lässt sich dies fördern?

In einer Reihe von Studien gingen Kai Sassenberg, Florian Landkammer und Johann Jacoby dieser Frage nach. Sie betrachteten dabei u.a. den Einfluss der Strategien, die die Teammitglieder verfolgen: Versuchen wir gerade, sorgfältig vorzugehen, Informationen vorsichtig zu prüfen und gehen auf „Nummer sicher“? Dadurch sollten wir weniger offen sein, unsere einmal gefasste Meinung noch einmal zu ändern. Wir sollten also defensiver auf neue Informationen reagieren. Oder gehen wir gerade eher oberflächlich und risikobereit vor? Das hingegen sollte uns offener für neue Informationen machen. Die Ergebnisse von vier Studien bestätigten diese Annahme: Ein vorsichtiges Vorgehen führt dazu, dass wir Informationen anfangs zwar sorgfältig prüfen, bevor wir uns eine Meinung bilden, in einer späteren Teamdiskussion dann aber besonders stark an dieser Meinung festhalten. Hingegen sind wir, wenn wir risikobereiter und oberflächlicher vorgehen, offener für neuen Input von anderen und können damit bessere Teamentscheidungen treffen.

Die gute Nachricht ist: Dem lässt sich gerade bei vorsichtigen Personen durch gemeinsame Ziele entgegenwirken. Wenn nicht jede/r im Team eine eigene Agenda verfolgt, sondern ein gemeinsamer Erfolg im Mittelpunkt steht, werden auch Personen mit vorsichtigen Strategien offener für die Informationen Ihrer KollegInnen. Ein gemeinsames Ziel (z.B. gemeinsam den Bewerber auszuwählen, der am besten ins Team passt) kann also verhindern, dass wir zu defensiv auf neue Informationen reagieren und diese nicht in Entscheidungen mit einbeziehen.

Fazit also: Individuelle Strategien beeinflussen, wie wir mit Informationen anderer umgehen und wie bereitwillig wir einen einmal gefassten Eindruck verändern. Um in Teams gute Entscheidungen zu ermöglichen, sind gemeinsame Ziele besonders wichtig. Diese können wir z.B. als Teamleiter betonen oder aber uns vor wichtigen Entscheidungen im Team auch selbst regelmäßig bewusst machen („Wo wollen wir eigentlich gemeinsam hin?“).


Literatur: 
Sassenberg, K., Landkammer, F., & Jacoby, J. (2014). The influence of regulatory focus and group vs. individual goals on the evaluation bias in the context of group decision making. Journal of Experimental Social Psychology, 54, 153-164. doi: 10.1016/j.jesp.2014.05.009

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/offen-anmelden-strand-rustikal-966315/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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