Öl auf dem Wasser oder ein guter Cocktail — Von welcher Vielfalt reden wir?

Diversität/Vielfalt ist weiterhin ein heißes und emotionsgeladenes Thema. In vielen Bereichen liegen implizite Vorstellungen — oder gar explizite Quoten — vor, wie die Verteilung, z.B. von Geschlecht, Hautfarbe oder anderen Charakteristiken, aussehen soll. Und es werden Versuche unternommen, diese Verteilungen herzustellen. Derzeit scheint der Fokus vor allem auf saliente Merkmale wie Geschlecht oder Hautfarbe zu sein.

Die Frage ist allerdings, ob das wirklich das ist, was relevant ist. Oder ist es etwas, was an der Oberfläche schwimmt und schimmert, während die interessanteren Aspekte eigentlich tiefer liegen? Insbesondere wenn man sich durch die Vielfalt unterschiedliche Sichtweisen und Beiträge verspricht — und damit Vorteile beim Problemfinden und -lösen.

In diesem Zusammenhang finde ich das Bild des „marketplace of ideas“ [Marktplatz der Ideen] sehr hilfreich, auf dem sich die besten Ideen durchsetzen. Damit aber unterschiedliche Ideen generiert und vorgebracht werden, muss es tiefgehende Unterschiede geben: Unterschiedliche Positionen, unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Herangehensweisen.

Sind die Sichtweisen — z.B. theoretische Basis oder ideologische/politische Positionen — in einer Gruppe oder einem Berufsstand dagegen zu ähnlich, dann fragt niemand nach, ob diese Sichtweisen wirklich stimmen. Sie werden ja von allen anwesenden(!) Personen geteilt. Die „institutionalized disconfirmation“ [institutionalisierte Widerlegung/Falsifizierung] fehlt (nach Haidt, vgl. z.B. dieses Interview). Natürlich sind solche intellektuellen Monokulturen, in denen alle gleich denken, einfacher zu bewirtschaften. Sie machen die Arbeit leichter und sind angenehmer, weil alle übereinstimmen (oder es niemand wagt, dem Dogma zu widersprechen). Aber es entsteht intellektuelle und kreative Inzest, welche langfristig die Leistung der Gruppe schädigt. Man kocht im eigenen Saft und verliert den Blick für die sich ständig verändernde Realität. Mit entsprechenden Konsequenzen für die Güte von Entscheidungen, und allen Konsequenzen die daraus folgen.

Und nur weil Personen sich auf salienten Attributen unterscheiden, heißt das nicht, dass diese auch unterschiedliche Perspektive aufweisen und an Situationen unterschiedlich herangehen.

In der Hinsicht stelle ich mir die Frage, ob der Fokus wirklich auf der eigentlich relevanten Art von Vielfalt liegt. Relevant erscheinen mir unterschiedliche Perspektiven, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Annahmen und Herangehensweisen, die nicht aus einer oberflächlich unterschiedlichen Zusammensetzung einer Gruppe folgt. Und das man trotz dieser tief-gehenden Unterschiede, die bis in den Kern einer Person hineinragen, trotzdem konstruktiv zusammenarbeiten kann. Das der Respekt vor der Person gewahrt bleibt, während Ideen keinen solchen Schutz genießen dürfen.

Das ist eine Art der Vielfalt, die man nicht einfach anordnen kann, eben weil es um grundlegenden Respekt für die Beiträge anderer Personen geht. Das man hört was gesagt wird, und nicht pro forma einen Prozess durchzieht. Das man ehrlich bezüglich der eigenen Verzerrungen ist — und bezüglich der Gründe, warum man bestimmte Positionen vertritt und andere nicht. Und vor allem: Eine grundlegende Haltung, die Idee zu bewerten, und nicht die Person. Und im Gegenzug, die Kritik an der eigenen Idee nicht mit einer Kritik an der eigenen Person — oder gar an einer momentan salienten Gruppenzugehörigkeit — zu verwechseln.

Wenn man diese Vielfalt hat und damit entsprechend umgehen kann … ich denke, dann ist damit schon viel gewonnen. Dann haben alle Ideen die Chance, gehört zu werden, und die besten Ideen können sich durchsetzen.

 

Bild: Wessel (2016)

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