Wie halten Sie es mit der Moral?

Moralvorstellungen beeinflussen uns und unsere Interaktionen. Doch was finden wir moralisch richtig oder falsch? Und wie können wir andere von unseren Sichtweisen überzeugen? Die Psychologie liefert hier interessante Antworten.

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Eine wichtige Eigenschaft von Führungspersonen ist es, andere Personen zu verstehen und überzeugen zu kön-nen. Liegen Unterschiede in den Moralvorstellungen der Beteiligten vor, sind hier Schwierigkeiten zu erwarten. Jonathan Haidt hat sich in seinem Buch „The Righteous Mind„ aus psychologischer Perspektive mit moralischen Urteilen befasst und dazu eine interessante Theorie entwickelt.

Elefant und Reiter/in

Haidt argumentiert, dass moralische Urteile zuerst intui-tiv getroffen werden. Wir „wissen“ sofort, was moralisch richtig oder falsch ist. Dann suchen wir Begründungen für dieses Urteil. Er vergleicht dies mit einem Elefanten (Intuition) und einem/r Reiter/in (Denken). Der Elefant reagiert intuitiv und der/die Reiter/in versucht die Ent-scheidungen des Elefanten zu rechtfertigen. Wir rationa-lisieren unser Bauchgefühl im Nachhinein.

Sechs moralische Fundamente

Auf welcher Basis machen wir diese intuitiven Urteile? Haidt stellt sechs empirisch gefundene Fundamente vor (siehe Tabelle, frei übersetzt nach Haidt, 2012). Personen unterschieden sich darin, welche Fundamente für sie relevant sind. Man sieht die Fundamente u.a. an dem, was der Person „heilig“ ist. Kurz gesagt: Bei wel-chem Thema hört der Spaß auf? Was darf nie angetastet werden? Wobei sind keine Kompromisse möglich? Für eher links stehende Personen (USA: „liberals“) ist Fürsor-ge zentral (z.B. für Opfer von Unterdrückung; diese sind „heilig“ und stehen über allem). Eher konservative Per-sonen schätzen bestimmte Institutionen und Traditio-nen (generell alle Fundamente relevant). Für klassisch Liberale (USA: „libertarians“) ist v.a. Freiheit wichtig.

Moral bindet und blendet

Ein wichtiger Aspekt von Moralvorstellungen ist, dass gemeinsame Vorstellungen (z.B. in Form von Religion oder Ideologien) Gruppen binden und für andere Sicht-weisen blenden. Das macht es sehr schwierig, mit Per-sonen zusammen zu arbeiten, die andere Moralvorstel-lungen haben. Die erste intuitive Reaktion ist eine ande-re und die Argumente (basierend auf anderen Funda-menten) werden nicht wahrgenommen oder akzeptiert. Dies sieht man unter anderem dann, wenn man mit Personen über eine nicht geteilte Position diskutiert, und diese immer wieder versuchen, neue Argumente dagegen zu finden. Das Urteil ist lange getroffen, Stel-lung wurde bezogen, jetzt wird sie verteidigt. Man kann die Rationalisierungen dann eine nach der anderen faktisch widerlegen, an der Haltung der anderen Person ändert dies nichts. Hintergrund kann hier sein, dass z.B. für die Personen Fürsorge für eine bestimmte Gruppe zentral ist, für einen selbst z.B. Fairness oder Freiheit.

Fazit: Erst den Elefanten überzeugen

Diese Moraltheorie hat viele interessante Implikationen, gerade für ethische Führung. Inbesondere zeigt sie, warum es so schwer ist, sachlich zu diskutieren, wenn moralische Urteile im Spiel sind: Aufgrund des intuitiven Urteils, der nachgeordneten Begründungssuche, und aufgrund zum Teil unterschiedlicher moralischer Fundamente, greifen rationale Argumente oft ins Leere. Entsprechend ist es notwendig, bei Themen mit einer moralischen Bewertung zuerst eine positive gemeinsame Beziehung herzustellen. Man muss zuerst den „Elefanten“ dazu bewegen, sich in die gewünschte Richtung zu orientieren. Erst wenn man Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen und Schwerpunkte geschaffen hat, kann man mit rationalen Argumenten auf dem richtigen Fundament versuchen, das intuitive Urteil zu verändern.

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Literaturnachweis: Haidt, J. (2012). The Righteous Mind. Why Good People are Divided by Politics and Religion. London: Penguin Books.

Bildnachweis: Wessel, 2015.

Zitieren als: Wessel, D. (2015). Wie halten Sie es mit der Moral? wissens.blitz (158). http://www.wissensdialoge.de/moral

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