Moral am Morgen: Wie die Tageszeit Entscheidungen beeinflusst

Verantwortungsvoll, moralisch und ehrlich – ein Arbeitstag ist manchmal voller Situationen, in denen wir vor kleineren oder größeren Entscheidungen stehen, „das Richtige“ zu tun. Dabei gilt es, den „Versuchungen“ zu widerstehen, an der ein- oder anderen Stelle die Unwahrheit zu sagen, z.B. Informationen in veränderter Form weiterzugeben oder den Fortschritt bei einer Aufgabe besser darzustellen, als er eigentlich ist. In der Regel können wir diesen Versuchungen widerstehen. Allerdings kommt es dabei manchmal auch auf so einfache Dinge wie die Tageszeit an.

Unmoralisch oder unethisch handeln Menschen besonders dann, wenn ihre Selbstkontrolle erschöpft ist: Ähnlich wie eine aufgeladene Batterie haben wir in der Regel genügend Ressourcen zur Verfügung, um den Gelegenheiten, zu betrügen oder die Unwahrheit zu sagen, zu widerstehen – das heißt wir verfügen über genügend Ressourcen zur Selbstkontrolle. Diese Ressourcen können aber durch Anstrengung erschöpft werden, z.B. durch ein zeitaufwendiges Meeting, durch Schlafmangel, oder durch eine Fülle an zu erledigenden Aufgaben. Danach brauchen wir Ruhepausen, um unsere Batterien „wieder aufzuladen“. Wann aber genau sind unsere Batterien am einsatzfähigsten? Also wann fällt es uns besonders leicht, moralisch/ehrlich zu handeln?

In einer Reihe von Studien gingen Kouchaki und Smith (2013) der Frage nach, wie sich die bloße Tageszeit auf unsere Ressourcen und somit unser (un)moralisches Handeln auswirkt: Sie nahmen dabei an, dass Personen morgens mehr Ressourcen zur Selbstkontrolle zur Verfügung haben als nachmittags (z.B. aufgrund der bis dahin bereits getroffenen Entscheidungen) und entsprechend moralischer bzw. ehrlicher handeln.

Dazu ließen sie z.B. in einer Studie Personen am Morgen bzw. am Nachmittag eine Reihe von Aufgaben bearbeiten, von denen einige lösbar und andere unlösbar waren. Die Teilnehmenden gaben später an, wie viele der Aufgaben sie gelöst hatten (ohne dass ihre Leistung offensichtlich kontrolliert wurde). Es zeigte sich tatsächlich, dass am Morgen ehrlichere Angaben gemacht wurden als am Nachmittag.

Weiter fanden sie, dass sich die Tageszeit nur auf manche Personen auswirkt: Menschen unterscheiden sich darin, wie leicht es ihnen in der Regel fällt, ohne zu große Schuldgefühle unehrlich zu sein. D.h. sie unterscheiden sich in ihrer Loslösung von Moral (‚moral disengagement’): Je höher diese Loslösung von Moral ist, desto leichter fällt es einer Person, unehrlich zu sein. Die Tageszeit bestimmte dabei besonders bei den Personen das Verhalten, denen Unehrlichkeit eher schwer fällt: Während diese Personen am Morgen deutlich ehrlicher antworteten, ließ diese Ehrlichkeit zum Nachmittag hin nach. Hingegen waren Personen, denen Unehrlichkeit ohnehin leichter fällt, zu beiden Tageszeiten gleich unehrlich. Die Tageszeit spielte also besonders für diejenigen eine Rolle, die eigentlich besonders ehrlich sind – möglicherweise dadurch, dass diese Personen durch ihre bereits im Laufe des Vormittags getroffenen moralischen Entscheidungen stärker beansprucht waren als die Personen, denen Unehrlichkeit leichter fällt.

Fazit: Berücksichtigen wir die Tageszeit also bei unseren Entscheidungen – vielleicht sollten wir uns demnach bewusster darüber werden, dass unser Handeln auch von der Tageszeit abhängen kann. Wichtige Meetings etc. sollten wir nach diesen Ergebnissen also vielleicht besser am Vormittag denn am Nachmittag planen. Und egal, ob uns (un)moralische Entscheidungen nun leichter oder schwerer fallen, kann es offenbar nicht schaden, die wirklich wichtigen Entscheidungen, die wir ehrlich und moralisch treffen sollten, vor allem auf den Morgen (oder vielleicht auch den Anfang statt das Ende einer Arbeitswoche) zu legen. Eine weitere Schlussfolgerung kann die sein, dass moralisches Handeln nicht immer nur durch persönliche Absichten geprägt sein muss, sondern bei uns selbst und bei anderen manchmal auch von solchen Rahmenbedingungen mit beeinflusst wird, die wir gar nicht unmittelbar im Blickfeld haben.

Literatur:
Kouchaki, M., & Smith, I. H. (2013). The Morning Morality Effect: The influence of time of day on unethical behavior. Psychological Science. doi:10.1177/0956797613498099

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/wecker-aufstehen-wecken-klingeln-758727/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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