Karriereentwicklung nach Schema F – oder wie Sie erfolgreich in der Masse untergehen

Standards sind in aller Munde. In manchen Bereichen mögen diese durchaus Sinne machen. In der Karriereentwicklung bringen sie niemanden weiter.
Doch selbst hier sind sie angekommen, zum Beispiel im Bereich der Lebensläufe. Auch ist das Interesse daran groß, welche Karrierewege die Mehrheit der AbsolventInnen der eigenen Fachdisziplin einschlagen. Doch was bringt es mir, wenn ich weiß, dass die Mehrheit dies oder jenes tut? Ist meine persönliche Wahrscheinlichkeit, diesen Weg ebenfalls einzuschlagen, dann besonders hoch? Wohl kaum – und erst recht nicht, wenn mein Lebenslauf aussieht, wie der der Mehrheit der BewerberInnen.

Wir reden hier über die persönliche Entwicklung von Individuen. Selbst wenn diese eine ähnliche Ausbildung an der gleichen Institution genossen haben, ist die Diversität unter diesen Individuen noch groß. Der eine hat sich nebenbei ehrenamtlich engagiert. Die andere in ihrem Labor ein neues Ablagesystem etabliert. Der nächste trainiert Jugendliche im Basketball. Hinzukommt, dass alle aus unterschiedlichen Elternhäusern und vielleicht sogar aus unterschiedlichen Regionen stammen, also sehr unterschiedlich sozialisiert wurden. Durch die Globalisierung haben alle heute zudem mehr Möglichkeiten, andere Kulturen kennenzulernen – sei es durch Reisen und Auslandsaufenthalte oder durch stärkere Heterogenität von kulturellen Hintergründen innerhalb des eigenen Landes. Das alles prägt – und erzeugt Diversität.

Die Psychologie als Disziplin, die möglichst allgemeingültige Aussagen treffen möchte, täuscht darüber mitunter hinweg. Die Aussagen, die sie treffen kann, sind und bleiben Wahrscheinlichkeitsaussagen, mitunter eingeschränkt auf bestimmte Rahmenbedingungen und oft unter Ausklammerung weiterer Einflussfaktoren. Wenn psychologische Forschung zeigt, dass große Menschen mehr beruflichen Erfolg haben, dann heißt das nicht, dass alle großen Menschen beruflichen Erfolg haben. Wenn psychologische Forschung zeigt, dass es Frauen schwer haben, als kompetent und führungsstark wahrgenommen zu werden, dann heißt das nicht, dass es keine Frau auf den Chefsessel schafft und mit Erfolg führt.
In der Karriereentwicklung kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Der Arbeitsmarkt. Dieser wird ebenfalls immer diverser. Durch Industrialisierung und Digitalisierung sind alte Berufsfelder verschwunden und neue entstanden. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Heute führt eine bestimmte Ausbildung, ein bestimmtes Studium nicht mehr eindeutig in vordefinierte Karrierewege. Das fachliche Wissen überholt sich zum Teil so schnell, dass soziale und persönliche Fähigkeiten immer wichtiger werden, wie das effiziente Managen eines Projektes oder das verständliche und überzeugende Kommunizieren von komplexen Sachverhalten. Und diese Fähigkeiten sind in unterschiedlichen Berufsfeldern relevant. Natürlich geht es nicht immer ohne bestimmtes Fachwissen; gleichzeitig wird jedoch erwartet, dass man fähig ist, sich schnell neue Wissensgebiete anzueignen, wenn es notwendig wird – dass man flexibel ist und bleibt.

Wenn es also darum geht, seinen individuellen Weg durch den Karrieredschungel zu finden, helfen Allgemeinplätze wenig und schon gar keine Standards. Vielmehr geht es darum, sich seines eigenen individuellen Profils bewusst zu sein und darüber schreiben und reden zu können. Nur wer klare Kante zeigt, wird greif- und sichtbar. Das stößt nicht notwendigerweise immer auf Gegenliebe. Denn es geht im Bewerbungsprozess auch um Passung. Mittelmaß fällt jedoch gar nicht erst auf, weder negativ noch positiv.

Katrin Wodzicki

Als Koordinatorin an der Georg-August-Universität Göttingen berät Dr. Katrin Wodzicki NachwuchswissenschaftlerInnen und organisiert karrierebezogene Workshops und Veranstaltungen. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte an der Universität Zürich. Anschließend forschte sie zu psychologischen und motivationalen Aspekten der computer-vermittelten Kommunikation und Kooperation am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über Social Media, Teaminteraktion und Arbeitsorganisation.

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Katrin Wodzicki

Als Koordinatorin an der Georg-August-Universität Göttingen berät Dr. Katrin Wodzicki NachwuchswissenschaftlerInnen und organisiert karrierebezogene Workshops und Veranstaltungen. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte an der Universität Zürich. Anschließend forschte sie zu psychologischen und motivationalen Aspekten der computer-vermittelten Kommunikation und Kooperation am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über Social Media, Teaminteraktion und Arbeitsorganisation.

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