Kleider machen Leute: Wie formelle Kleidung unser Denken beeinflussen kann

Heute die lässige, bequeme Jeans oder eher der formelle Anzug? An manchen Arbeitstagen wählen wir die passende Kleidung genauer aus als sonst: Zum Beispiel wenn ein wichtiges Vorstellungsgespräch, eine Präsentation vor Kunden oder ein Termin mit dem Chef oder den Mitarbeitenden ansteht. Häufig mag in diesen Fällen die Wahl auf formellere Kleidung fallen – vielleicht, um so einen seriösen Eindruck zu vermitteln oder das eigene Selbstvertrauen zu steigern. Wie aber „wirkt“ formelle Kleidung wirklich auf uns? Neue Forschung zeigt: Sie kann unser Gefühl von Macht stärken und so unsere Denkmuster beeinflussen. 

Dies zeigen Ergebnisse von Slepian und Kollegen (2015): Die Forscher betrachteten in einer Reihe von Studien die Frage, ob formelle (im Vergleich zu wenig formeller, sprich lässiger) Kleidung ein Gefühl von Macht anderen gegenüber auslösen und so abstraktes Denken fördern kann.

Die Idee: Formalität signalisiert Distanz zu anderen

Die Forscher gingen  von der Idee aus, dass formale (im Vergleich zu lässiger) Kleidung mehr soziale Distanz – also einen gewissen Abstand zum Gegenüber – signalisiert. Tatsächlich zeigt die bisherige Forschung: Menschen verbinden Formalität mit sozialer Distanz zu anderen. So vermittelt zum Beispiel eine formelle Sprache oder gegenseitige Anrede, wie das „Sehr geehrte/r…“ statt dem einfacheren „Hallo…“, dass zwischen uns und dem Gegenüber eine höhere soziale Distanz besteht (siehe Stephan und KollegInnen, 2010), die mit einem Gefühl von Macht und Einfluss verbunden ist. Kurz gesagt: Formale (statt lässige) Kleidung sollte ein höheres Gefühl von Macht auslösen.

Distanz zu anderen fördert abstraktes Denken

Soziale Distanz (z.B. ein Gefühl von Macht) wiederum aktiviert abstraktes Denken: Das heißt Menschen konzentrieren sich  stärker auf das „große Ganze“ und ihre langfristigen Ziele. Sie nehmen somit eine eher distanzierte Perspektive ein und sehen (im übertragenen Sinne) eher den Wald statt die einzelnen Bäume. Dieses Denkmuster ist bei vielen Arbeitsaufgaben von Vorteil. Hingegen ist soziale Nähe mit einem detaillierteren, weniger distanzierten Denkstil verbunden: Menschen fokussieren hier stärker auf einzelne Details und kurzfristige Ziele. Zusammengefasst heißt das: Ein Gefühl von Macht gegenüber anderen – das durch formale Kleidung ausgelöst werden kann – sollte abstraktes Denken fördern.

Die Studienergebnisse

Fünf Studien der Forschergruppe bestätigten dies: Die Teilnehmenden wurden darin z.B. gefragt, wie formell sie heute im Vergleich zu anderen Personen um sie herum gekleidet waren. Oder sie wurden in Experimenten per Zufallsverfahren gebeten, entweder lässige oder formelle Kleidung (die sie selbst mitgebracht hatten) während der Studie zu tragen. Anschließend bearbeiteten sie Aufgaben, die das Gefühl von Macht und die Denkmuster der Teilnehmenden erfassten. Wie angenommen nahmen sich die Personen, die die formellere Kleidung trugen, als einflussreicher wahr, und sie zeigten auch mehr abstraktes Denken als diejenigen, die die informelle Kleidung trugen. Diese Unterschiede ließen sich nicht durch andere Nebeneffekte (wie z.B. positivere Stimmung in Verbindung mit der lässigen Kleidung) erklären.

Für den nächsten Arbeitstag also die formelle oder die lässige Kleidung?

Ist formelle Kleidung also nun von Vorteil? Zu beachten ist, dass die Studien vor allem Studierende befragten, die in ihrem Alltag womöglich eher wenig formelle Kleidung tragen. Es mag also sein, dass Personen sich mit der Zeit an formelle Kleidung gewöhnen und diese Effekte an Wirkung verlieren könnten. Dennoch weisen die Befunde darauf hin, dass selbst relativ indirekte Mittel – wie die aktuelle Kleidung – kurzzeitig die Wahrnehmung von Beziehungen zu anderen und die Denkweise beeinflussen können. Die formellere Garderobe zu wichtigen Terminen, wie den eingangs genannten, auszuwählen, könnte demnach vielleicht gar nicht schaden. Allerdings kann man sich hier vorher bewusst machen, was diese bei uns selbst und womöglich auch beim Gegenüber bewirken könnte – soziale Distanz zur anderen Person herzustellen mag im einen Fall hilfreich (z.B. als GesprächsleiterIn im Vorstellungsgespräch), im anderen vielleicht auch hinderlich sein (z.B. im informelleren Feedbackgespräch).


Quellen:

Slepian, M.L., Ferber, S.N., Gold, J.M., & Rutchick, A.M. (in press). The cognitive consequences of formal clothing. Social Psychological and Personality Science. doi: 10.1177/1948550615579462

Stephan, E., Liberman, N., & Trope, Y. (2010). Politeness and psychological distance: A construal level perspective. Journal of Personality and Social Psychology, 98, 268-280. doi: 10.1037/a0016960 

Bild: https://pixabay.com/de/hemden-soziale-hemden-kleidung-591750/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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