Flipped classroom: Der Unterricht wird auf den Kopf gestellt

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Alleine lernen, gemeinsam üben und vertiefen: Bei diesem Blended Learning Ansatz werden die Lernphasen vertauscht, um Aktivität und Partizipation der Lernenden zu fördern.

Wenn wir uns an Unterrichtsstunden der eigenen Schulzeit oder Vorlesungen im Studium zurückerinnern, haben die meisten wahr­scheinlich ein ähnliches Bild im Kopf: Der Lehrende steht vorne und referiert monolog­artig über ein Thema, während die SchülerInnen oder Studierenden (mehr oder weniger gut) zuhören. Ließe sich diese wertvolle gemeinsame Zeit zwischen Lehrenden und Lernenden nicht viel sinnvoller nutzen, als für einseitige Wissensvermittlung mittels Frontal­unterricht? Der Flipped Classroom bietet Anworten auf diese Frage.

Umgedrehter Unterricht

Bei der Methode des Flipped Classroom (oder auch Inverted Classroom) wird der klassische Unterricht „umgedreht“ (engl. „to flip something“): Die Inhalte, die vorher im Unterricht vermittelt wurden, werden nun mit Hilfe digitaler Medien zu Hause erlernt (Bergmann & Sams, 2012). Die daran anknüpfende vertiefende Auseinandersetzung mit dem Lernstoff findet nicht mehr allein zu Hause, sondern im Präsenzunterricht statt (siehe Abbildung).

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Somit zählt der Flipped Classroom als Kombination aus Online-Lernphase und Präsenzlernphase zu den Blended Learning Formen (siehe wissensblitz Nr. 4 und 10).

Flexibles Lernen von zu Hause

Der umgedrehte Unterricht basiert auf der Grundidee, dass für die Vermittlungs- und Rezeptionssituation kein gemeinsamer Ort erforderlich ist. Die Inputphase wird nach Hause verlagert, wo die Lernenden sich mit Hilfe von Online-Material (zum Beispiel Videos, die über  YouTube bereitgestellt werden) auf den gemeinsamen Unterricht vorbereiten. Damit wird ein flexibles Lernen unabhängig von Ort und Zeit möglich. Jeder bestimmt selbst, wann und wo er lernt. Dabei können die Inhalte im eigenen Tempo erarbeitet werden: Die Lernenden können sich die Videos in Ruhe ansehen und, wenn etwas nicht verstanden oder vergessen wurde, die Sequenz erneut anschauen.

Wertschätzung der Präsenzzeit

Durch die Auslagerung der Inputphase aus dem Hörsaal, Klassenzimmer oder Seminarraum kann die wertvolle gemeinsame Präsenzzeit sinnvoller für gemeinsame Diskussionen und Fragen genutzt werden. Die Lernenden können das Wissen, das sie zu Hause erworben haben, anwenden und vertiefen. Beim traditionellen Unterricht würde dies allein zu Hause in Form von Hausaufgaben erfolgen. Beim Flipped Classroom können die Lernenden sich untereinander besser austauschen und diskutieren und haben die Möglichkeit, den Unterricht aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig kann der Lehrende intensiver auf die Bedürfnisse und Wünsche des Einzelnen eingehen. Dem entgegen steht einzig der einmalige Aufwand, das Online Material zu erstellen.

Flipped Classroom als Schlüsseltrend

Bekannt wurde das Konzept des Flipped Classroom im Kontext von Hochschullehre (Spannagel, 2012). Aber auch für den Schulunterricht wurde das Konzept bereits erfolgreich in den Fächern Chemie, Physik und Mathematik eingesetzt. Im Horizon Report 2014 (Johnson et al., 2014) wird der Flipped Classroom sogar als Schlüsseltrend identifiziert, der im kommenden Jahr einen großen Einfluss auf den Bildungsbereich ausüben wird.

Fazit: Richtig eingesetzt kann die Methode des Flipped Classroom dazu beitragen, die vorhandene Lernzeit intensiver zu nutzen und den Lernprozess gezielter zu begleiten.

Literaturnachweis:
Bergmann, J. & Sams, A. (2012). Flip your classroom. Reach every student in every class every day. Eugene, Oregon: ISTE.
Johnson, L., Adams Becker, S., Estrada, V., & Freeman, A. (2014). NMC Horizon Report: 2014 Higher Education Edition. Austin, Texas: The New Media Consortium.
Spannagel, C. (2012). Selbstverantwortliches Lernen in der umgedrehten Mathematikvorlesung. In J. Handke & A. Sperl (Hrsg.) Das Inverted Classroom Model. Begleitband zur ersten deutschen ICM Konferenz (S. 73-81). München: Oldenbourg Verlag.

Zitieren als: Behringer, N. (2014). Flipped Classroom: Der Unterricht wird auf den Kopf gestellt. wissens.blitz (130). http://www.wissensdialoge.de/flipped_classroom

Nicole Behringer

Dr. Nicole Behringer ist bei Daimler Financial Services zuständig für die strategischen Themen im Bereich Global Sales Training. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie motivationale Faktoren des Wissensaustauschs. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen E-Learning, Enterprise 2.0, Wissensmanagement und Organisationsentwicklung.

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Nicole Behringer

Dr. Nicole Behringer ist bei Daimler Financial Services zuständig für die strategischen Themen im Bereich Global Sales Training. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. In ihrer Doktorarbeit untersuchte sie motivationale Faktoren des Wissensaustauschs. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen E-Learning, Enterprise 2.0, Wissensmanagement und Organisationsentwicklung.

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