Wie evidenzbasiert sind Ihre Entscheidungen als Führungskraft und/oder ManagerIn?

Wie wichtig ist es Ihnen, immer die neueste „cutting-edge“ Managementpraxis umzusetzen?

Sind Sie davon überzeugt, dass Ihre Organisation einzigartig ist und deshalb wissenschaftliche Evidenz für Ihren Fall einfach nicht anwendbar ist?

Inwiefern sind Ihre Entscheidungen beeinflusst von politischen Strukturen und/oder Machtstrukturen in Ihrem Unternehmen?

Beziehen Sie auch Evidenz aus der Forschung in Ihre Entscheidungsprozesse mit ein?

In welchem Umfang evaluieren Sie Ihre Entscheidungen und Maßnahmen, um festzustellen, wie effektiv diese wirklich sind?

Falls Sie eine Fehlentscheidung treffen (und Irren ist menschlich!), versuchen Sie dann, daraus zu lernen?

Eine zustimmende Antwort zu den ersten drei Fragen deutet darauf hin, dass Sie und Ihre Organisation in geringem Maße evidenzbasiert vorgehen, um Managemententscheidungen zu treffen. Eine positive Beantwortung der letzten drei Fragen legt nahe, dass Sie versuchen, möglichst viel Evidenz in Ihre Entscheidungsprozesse einzubeziehen (Quelle: http://www.cebma.org/quiz/).

Evidenzbasiertes Management – was ist das?

Vielleicht kennen Sie den Begriff „evidenzbasiert“ eher aus der Medizin – auch diejenigen, die mit Lehrerbildung vertraut sind, mögen den Begriff vielleicht als „evidence-based teaching“ kennen. Im Management wird der Begriff erst seit ca. 10 Jahren „heiß“ diskutiert, aktuell auch in einem Special Issue der Zeitschrift Academy of Management Learning and Education. Evidenzbasiertes Management heißt zunächst einmal ganz simpel, dass bei Managemententscheidungen möglichst viel (gute!) Evidenz einbezogen werden sollte.

Evidenzbasiertes Management bezieht in Entscheidungsprozesse typischerweise vier Quellen an Informationen ein: Wissenschaftliche Evidenz, organisationale Evidenz und organisationale Erfahrungen (denn natürlich gibt es bestimmte Rahmenbedingungen bei Ihnen im Unternehmen, und Sie haben vielleicht auch schon bestimmte Erfahrungen gemacht, die es zu berücksichtigen gilt) und organisationale Werte und Bedarfe der Stakeholder (also bspw. der MitarbeiterInnen, der KundInnen, letztlich aller durch die Entscheidung Betroffenen etc).

Ich bin als Lehrende im Executive MBA der TUM School of Management ebenso aktiv wie auch im Rahmen der studentischen Lehre und versuche hier, die Studierenden für die Thematik zu sensibilisieren. Denn ich denke, gerade wir Psychologen wissen zu viel über heuristische und suboptimale Entscheidungsprozesse sowie über Denk- und Urteilsfehler als dass wir die Relevanz von wissenschaftlicher Evidenz für Entscheidungsprozesse im Management bezweifeln könnten.

Rousseau und McCarthy (2007) illustrieren die Anwendung von evidenzbasiertem Management am Beispiel „Ziele“. Viele Organisationen haben Zielvereinbarungsgespräche und vielleicht sogar ein leistungsbezogenes Gehalt eingeführt, das auf Grundlage der Zielerreichung ausgezahlt wird. Und es gibt gute empirische Evidenz aus der Zielsetzungstheorie, dass Ziele tatsächlich gut für die Leistung sein können.

Aber wussten Sie, dass…

…spezifische Ziele besser sind für die Leistung als „Do your best“-Ziele?

…herausfordernde Ziele besser für die Leistung sind als weniger herausfordernde Ziele?

…Zielakzeptanz insbesondere dann ausschlaggebend ist, wenn die Ziele nicht gemeinsam vereinbart, sondern vorgegeben werden?

…kontrollorientierte Ziele (also jene mit einer natürlichen oberen Grenze, bspw. 100 % Sicherheit oder 0 % Fehler) schlechter sind für die Leistung, da sie in der Regel negative Emotionen auslösen, als wachstumsorientierte Ziele (also jene, die per se keine obere Grenze haben, wie bspw. die Weiterentwicklung von Führungskompetenz – wobei es auch hier gilt, konkrete Kriterien für die Zielerreichung abzuleiten).

Evidenzbasiertes Management umfasst grundsätzlich 5 Kernaktivitäten, die dazu beitragen sollen, gute (also evidenzbasierte) Entscheidungen zu treffen:

– Formulieren Sie eine fokussierte Frage (Ask)

– Suchen Sie die beste verfügbare Evidenz, um Ihre Frage zu beantworten (Acquire)

– Evaluieren Sie die Evidenz kritisch (Appraise)

– Führen Sie die gefundene Evidenz mit Ihrer professionellen Erfahrung zusammen und wenden Sie diese an (Apply)

– Beobachten Sie die Auswirkungen Ihrer Entscheidungen und prüfen Sie deren Erfolg (Assess)

(Quelle: http://www.cebma.org/a-definition-of-evidence-based-management/)

Brauchen Sie evidenzbasiertes Management?

Sie denken über eine stärkere Wettbewerbsorientierung in Ihrem Unternehmen nach, um die Innovationskraft der unterschiedlichen Abteilungen zu steigern? Wissen Sie denn, ob oder besser gefragt, wann Wettbewerb gut für die Leistung ist und wann Wettbewerb zu Leistungseinbußen führt?

Sie sind HR Professional und für das Recruiting zuständig? Kennen Sie die Validität von Assessment Centern, also deren Vorhersagekraft in Bezug auf die zukünftige Leistung der Bewerber?

Sie leiten ein Team? Und Sie denken, dass Beziehungskonflikte in Teams  schlecht sind für die Teamleistung, aber ein aufgabenbezogener Konflikt durchaus stimulierend sein kann für die Teamleistung?

Ich will die Antworten auf diese Fragen hier gar nicht hier diskutieren – im Gegenteil, ich möchte Sie anregen, sich Ihre eigenen Fragen zu Ihrer Praxis der Entscheidungsfindung zu stellen und Sie ermutigen, sich auf die Suche nach wissenschaftlicher Evidenz zu machen. Ja, ich weiß durchaus, dass das Zeit (und Nerven!) kosten kann, aber ich denke, der Aufwand lohnt sich!

5 Tipps für jede(n) evidenzbasierten ManagerIn:

–       Get evidence into the conversation!

–       Use relevant scientific evidence!

–       Use reliable and valid business facts!

–       Become decision aware and use appropriate processes!

–       Reflect on ethical and stakeholder implications!

(Quelle: http://www.cebma.org/presentations/)

Und warum das alles?

Dazu ein Zitat von David Sackett:

“Half of what you learn in your studies will be shown to be either dead wrong or out-of-date within 5 years of your graduation; the trouble is that nobody can tell you which half.“

Es bleibt also die Verantwortung eines jeden einzelnen Managers/jeder einzelnen Managerin, immer „auf dem Laufenden zu bleiben“ und sich mit (wissenschaftlicher) Evidenz auseinanderzusetzen, um die besten Entscheidungen zu treffen und die wirkungsvollsten Maßnahmen zu ergreifen.

Ich freue mich über eine Diskussion mit Ihnen zur Relevanz von EBM, aber auch zu Barrieren und Hindernisse, die es sicherlich auch gibt!

Viele Grüße

Kristin

 

Zum Weiterlesen:

Rousseau, D.M. & McCarthy, S. (2007). Evidence-based management: Educating managers from an evidence-based perspective. Academy of Management Learning and Education, 6, 94-101.

Linktipp:

http://www.cebma.org/

 

Kristin Knipfer

Dr. Kristin Knipfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU München und befasst sich mit individuellen, kooperativen und organisationalen Lern- und Wissensprozessen. Sie ist als Dozentin für das Executive Education Center der TUM sowie als Trainerin für wissenschaftliche Einrichtungen tätig. Auf wissens.dialoge schreibt sie zu den Themen Führung, Reflexion und Wissensaustausch.

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Kristin Knipfer

Dr. Kristin Knipfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU München und befasst sich mit individuellen, kooperativen und organisationalen Lern- und Wissensprozessen. Sie ist als Dozentin für das Executive Education Center der TUM sowie als Trainerin für wissenschaftliche Einrichtungen tätig. Auf wissens.dialoge schreibt sie zu den Themen Führung, Reflexion und Wissensaustausch.

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