Ein Plädoyer für die Bedeutung von praktischer Erfahrung

In Deutschland wird so viel über formale Bildung diskutiert. Zeugnisse informieren mit Hilfe von Noten über das Wissen und Können von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Auch später ist eine Weiterbildung nur etwas wert, wenn das erworbene Wissen und Können in Zertifikaten bescheinigt wird und am besten die Weiterbildung selbst noch extern zertifiziert wurde. Was mir dabei zu kurz kommt, ist die praktische Erfahrung. Nur die lässt sich halt nicht so leicht messen.

Es lohnt sich jedoch, die Erfahrung eines Menschen zu berücksichtigen und näher zu betrachten – nicht zuletzt bei der Besetzung von Stellen. Letztlich geht es doch in jedem Job darum zu handeln, sein Wissen zu nutzen, um Probleme zu lösen. Für das konkrete Handeln in konkreten Situationen kann theoretisches Wissen immer nur ein Anhaltspunkt sein. Zu viele Faktoren spielen beim Handeln eine Rolle. So viele, dass zum Teil auch Intuition notwendig wird.

Zusätzlich macht es zeitlicher und finanzieller Druck notwendig, schnelle oder auch pragmatische Entscheidung zu treffen – Zeit zum perfekten Abwägen alles Faktoren oder Geld zur Realisierung der optimalsten Lösung ist nicht immer vorhanden. Kosten-Nutzen-Abwägungen spielen eine Rolle, ebenso Prioritäten. Hinzu kommt, dass nicht jedes Umfeld nach den gleichen Regeln funktioniert, sich Organisationen voneinander unterscheiden. All das lernt man nicht in der Schule oder Universität. Dafür legt man höchsten den Grundstein, der dann durch konkretes Handeln in konkreten Situationen geschliffen wird.

Genau das macht auch die Übertragung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis so schwierig. Psychologische Theorien – die wir Ihnen in unseren wissens.blitzen vorstellen – beschäftigen sich mit Zusammenhängen von psychologischen Konstrukten in Interaktion mit Umweltfaktoren, mit dem Ziel Verhalten vorauszusagen. Dabei sind die Anzahl der betrachteten Faktoren und deren Interaktionen miteinander begrenzt. Diese Theorien können nichtsdestotrotz einen sinnvollen Beitrag zur Lösung praktischer Probleme leisten, die Lösungswahrscheinlichkeit erhöhen. Sie sind jedoch nicht ausreichend, um in einer konkreten Situation zu handeln, ein Problem zu lösen oder eine Herausforderung zu bewältigen. Dazu braucht es zusätzlich praktische Erfahrung.

Aber führt Erfahrung automatisch zu kompetenten Handeln? Nein. Und das macht die Bewertung von Erfahrung so schwierig. Bei Zeugnissen und Zertifikaten wurde die Bewertung bereits vorgenommen. Noten ermöglichen es, Menschen mit gleichen Abschlüssen miteinander zu vergleichen. Bei gleichen Erfahrungen unterscheiden sich individuelle Handeln und die dadurch erzielten Ergebnisse. Dabei entsteht erfolgreiche und weniger erfolgreiche Praxis.

Bei Einstellungsentscheidungen heißt es deshalb genauer hinzuschauen und gezielt nachfragen. Dabei ist es nicht unbedingt notwendig, dass die Erfahrung im gleichen Aufgabenbereich oder Arbeitsfeld erworben wurde. Projekte zu planen und durchzuführen, Sitzungen zu moderieren oder Menschen zu führen sind Basisfähigkeiten, die in unterschiedlichen Kontexten eine Rolle spielen, sogar in privaten oder Freizeitkontexten. Entscheidender ist es, ob jemand mit seinem Handeln anvisierte Ergebnisse erzielt, Problem löst, Herausforderungen bewältigt – kurz eine erfolgreiche Praxis etabliert hat. Sicher muss eine erfolgreiche Praxis in einem neuen Kontext angepasst werden, kann selten eins-zu-eins übertragen werden. Wenn jedoch jemand fähig war, eine erfolgreiche Praxis in einem Kontext zu entwickeln, ist er fähig, sein Handeln anzupassen und zu optimieren – eine grundlegende Fähigkeit für erfolgreiches Handeln, da ständig – unabhängig von Job- oder Organisationswechseln – Veränderungen in unserem Umfeld stattfinden, auf die wir reagieren müssen.

Spannend ist es nun, wie durch Erfahrung erworbenes Wissen und wissenschaftliches Wissen sich wechselseitig beeinflussen können, wie theoretisches Wissen für die Praxis nutzbar gemacht wird und gleichzeitig praktische Erfahrungen und Fragen in der Wissenschaft aufgegriffen werden. Wissenschaftskommunikation – die Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse in die Praxis – hat in den letzten Jahren zugenommen. Weniger Ansätze sehe ich für die Kommunikation in die andere Richtung, aus der Praxis in die Wissenschaft. Ansätze für letzteres zu finden könnten helfen, den Elfenbeinturm weiter schrumpfen zu lassen und mehr auf Augenhöhe zu kommunizieren.

 

Katrin Wodzicki

Momentan leitet sie den Bereich Personalentwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte an der Universität Zürich. Anschließend forschte sie zu psychologischen und motivationalen Aspekten der computer-vermittelten Kommunikation und Kooperation am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über Social Media, Teaminteraktion und Arbeitsorganisation.

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Katrin Wodzicki

Momentan leitet sie den Bereich Personalentwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte an der Universität Zürich. Anschließend forschte sie zu psychologischen und motivationalen Aspekten der computer-vermittelten Kommunikation und Kooperation am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über Social Media, Teaminteraktion und Arbeitsorganisation.

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